"The Interview" (USA 2014) Kritik – Seth Rogen und James Franco pfeifen zur Revolution

Autor: Pascal Reis

„They hate us ‚cause they ain’t us.“

Nachdem Sony Pictures Opfer eines Hackerangriffs auf ihre Datenbank wurde, der an die Forderung gekoppelt war, „The Interview“ einem Release zu entsagen, da sich dieser Film wie eine „unverhohlene Unterstützung von Terrorismus“ deuten lassen würde, lenkte der in Kalifornien ansässige Großkonzern ein und strich die geplanten Kinoauswertung, zu massiv war die Angst vor den möglichen Konsequenzen. Die Filmwelt stand Kopf, reichhaltige Meldungen um Kunstzensur und Feigheit mäanderten durch den medialen Raum und niemand wusste so recht, wohin das ganze Hin und Her überhaupt steuern soll. Barack Obama bezog Stellung, Nordkorea stritt jedwede Vorwürfe beharrlich ab und die Stars des Films, Seth Rogen („Beim ersten Mal“) und James Franco („Child of God“), strichen ihre Promotiontour vorerst aus dem Terminkalender. Bahnt sich dort etwa eine Reihe an Cyber-Kriegen an, deren erstes Gefecht die Vereinigten Staaten mit eingezogenem Haupt verloren haben, oder handelt es sich letztlich nur um eine gewiefte PR-Strategie?

Inzwischen jedenfalls wird schon wieder darüber diskutiert, ob „The Interview“ nicht doch ganz regulär in den Lichtspielhäusern laufen soll, einige Kinobetreiber erklärten sich unlängst bereit, diesen Schritt zu wagen und seit dieser Woche hat sich Sony ebenfalls dazu entschieden, den Film als Stream im Internet zu publizieren. Die viel wichtigere Frage muss an dieser Stelle allerdings nicht lauten, wie viel Wahrheitsgehalt nun in jeder einzelnen Nachricht zu verbuchen ist, sondern, ob all die Furore überhaupt gerechtfertigt waren? Ist „The Interview“ die provokative „Kriegshandlung“, zu der sie vom nordkoreanischen UN-Botschafter Ja Song Nam stilisiert wurde? Die Antwort ist simpel: Nein, nicht wirklich. Wer sich bereits mit dem Output von Seth Rogen, der hier zusammen mit Evan Goldberg den Regieposten verwaltete, vertraut gemacht hat, der darf sich mit „The Interview“ auf eine ganz ähnliche Comedy-Kost gefasst machen, nur mit dem Unterschied, dass ein politisches Anliegen im Hintergrund kursiert, welches man aber doch bitte nicht zu ernst auffassen sollte.

Gut, das lässt sich als Außenstehender leicht sagen, wenn man sich aber in der Haut eines ideologisch komplett verstrahlten Diktators befindet, kann man sich durch „The Interview“ schon etwas auf den Schlips getreten fühlen. Kim Jong-un (gespielt von Randall Park) nämlich ist hier nichts weniger als ein von Vaterkomplexen heimgesuchter Dreißiger, der sich in seinem Leben wohl etwas zu oft allein fühlen musste. Das würde beinahe eine tragische Tiefe mit sich führen, wäre das Drehbuch von Dan Sterling nicht so hartnäckig darauf bedacht, Kim Jong-un zur Witzfigur herabzusetzen und die gesamte Staatsanlage wie ihre Gepflogenheiten (Oberflächenmanipulation ist hier das A und O) von Nordkorea nach Strich und Faden zu karikieren. In die Höhle des Löwen – oder Welpen? Passenderweise überreicht Kim Jong-un einen solchen an seine amerikanischen Gäste – werden Dave Skylark (James Franco), Moderator eines Klatschmagazin, welches in der ersten Szene direkt mal durch die Decke geht, als Eminem sein staubtrockenes Coming Out hinlegt, und sein Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen) geschickt.

Was erst aus dem Gefühl verletzter Ehre keimte, ist das Skylark-Magazin doch weniger für seinen seriösen Journalismus als für triefenden Gossip bekannt, wird später durch das Eintreffen der CIA-Geheimagentin Lacey (Lizzy Caplan) zur Staatsangelegenheit im Top-Secret-Modus: Kim Jong-un nämlich soll liquidiert werden, um der globalen Stabilität wieder ordentlich auf die Beine zu helfen. Dass sich „The Interview“ eine Fülle an popkulturellen Referenzen nicht verkneifen kann, war von vornherein klar, haben sich Filme wie „Ananas Express“, „Beim ersten Mal“ und vor allem „Das ist das Ende“ doch ebenfalls mit ihren referenziellen Querschlägern gebrüstet. Seinen Humor zieht „The Interview“ aber eindeutig aus dem wie immer wunderbar harmonierenden Gespann um Seth Rogen und James Franco, deren innige Real-Life-Freundschaft sich auch schon lange auf der Leinwand bezahlt macht. Während Seth Rogen sich in seinem Spiel etwas zurückhält, zwar auch die ein oder andere Plattitüde auf seine Rechnung nimmt, ist es Workaholic James Franco, der wie entfesselt Gas gibt und die irrsten Schnuten zieht.

In „The Interview“ floriert mehr der Schwach-, denn der Scharfsinn. Wer eine fundiert-geistreiche Satire erwartet, die dem Personenkult des Diktators in geschliffenen Dialogsequenzen auf die Pelle rückt, der wird sich ob der zuweilen präferierten Grobschlächtigkeit im Humorverständnis verschreckt abwenden. Es gehört schon Mut dazu, einen Film wie „The Interview“ in dieser respektlos-beschwingten Art aufzuziehen, die große Kontroverse aber hat sich der Film nun nicht verdient. Maximal als Brachialsatire, eher aber als temporeiche Komödie zu deklarieren, macht „The Interview“ einfach Spaß, so wie es wohl auch von Anfang an geplant war. Natürlich lässt er sich nicht aus seinem politischen Kontext lösen, stichhaltige Gegenstöße gegen jenes totalitäres Regime sucht man indes vergebens. Seth Rogen und James Franco haben sich eine „brisante“ Plattform für ihren Ulk geschaffen und nutzen Nordkorea als Gegenstand purer Albernheiten. Ernsthaft angegriffen dürfte sich angesichts der eindeutigen Over-the-Top-Marschroute des Drehbuches niemand fühlen, höchstens etwas gefoppt. Als Verfechter von Seth Rogen und James Franco wird man aber in jedem Fall zwei unterhaltsame Stunden erleben.