"The New World" (USA 2005) Kritik – Die Poesie von Liebe, Leben und Tod

„Wie viele Länder liegen hinter mir? Wie viele Meere? Welche Rückschläge und Gefahren?“

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Terrence Malick ist mit Sicherheit kein Regisseur für das große Publikum, dennoch sind seine Filme geradezu gemacht für die Lichtspielhäuser. Für die einen ist der Filmemacher ein aufgeblasener und Pseudo-Intellektueller, dessen Filme einfach nur träge und langweilig sind. Für anderen ist Malick ein Poet des Kinos, ein Meister der Bildkunst und ein Visionär, der sich einen Dreck um Unterhaltung oder Konventionen schert. Gehört man zur zweiten Gruppe und kann mit dem assyrisch-amerikanischen Regisseurs wirklich etwas anfangen, dann erlebt man immer wieder eine neue Offenbarung, die man so vorher sicher noch nicht gesehen hat. Das beste Beispiel ist wohl sein letztes Werk ‚The Tree of Life‘, der so polarisierte und die Filmwelt in zwei dermaßen verschiedene Ecken gliederte, wie schon lange kein Film mehr. Malick ist, und das ist vielleicht noch zu simpel ausgedrückt, ganz eindeutige Geschmackssache, denn entweder man kann mit seinen Art etwas anfangen, oder erkennt in ihm nur einen uninteressanten Quacksalber. Einen seiner großartigsten Filme inszenierte Malick 2005 mit ‚The New World‘, der seiner Zeit etwas untergangen ist und auch heute natürlich noch in die typische Malick-Geschmackssparte passt.

Mit ‚The New World‘ nahm sich Malick der weltberühmten Pocahontas-Geschichte, die, wie wir inzwischen wissen, nicht nur erfunden ist, an. Alles beginnt in Nordamerika, ungefähr im Jahre 1607. Drei große englische Schiffe treffen im April mit über hundert Männern an Bord an der Ostküse an. Dort sollen die Engländer ein neues Lager einrichten, die sich nach und nach als der Start für eine neue Welt betrachten lassen soll. Auf einem der Schiffe befindet sich auch der ausgebildete Soldat John Smith, der eigentlich zum Tode verurteilt war, mit seinem Können allerdings eigentlich unentbehrlich und auch zu angesehen ist, als das man ihn einfach umbringen könnte. Sie errichten sich ihren Stützpunkt Jamestown ein, doch sind damit mitten im Gebiet der amerikanischen Ureinwohner gelandet. Sie müssen die Gunst der Indianer gewinnen, doch durch das typische machtbesessene Verhalten des Menschen verspielen sie sich das schnell.

Smith wird währenddessen losgeschickt, um die Insel weiter nach Lebensmitteln zu erkunden, wird dabei aber von den Ureinwohnern, ein Stamm der Algonquian, gefangengenommen und lernt in dieser Gefangenschaft die Häuptlingstochter Pocahontas kennen. Immer mehr lebt er sich in die neue Kultur ein und verliert sein Herz an die Indianerin. Als er wieder zurück zu seinen Männern kehrt, sind Krankheiten ausgebrochen und die Männer sehen sich in ihren Aggressionen zum Kannibalismus gezwungen. Smith bekommt einen neuen Auftrag und muss weiterreisen und damit auch seine Liebe verlassen, die er in dem Glauben lässt, er wäre bei der Reise verstorben. Sie passt sich darauf den Lebenssitten der Engländer an und lernt den Plantagenbesitzer John Rolfe kennen. Doch schon bald erfährt sie die Wahrheit über Smith…

Über das Drehbuch von Terrence Malick braucht man an und für sich keine vielen Worte verlieren, denn weder wird hier viel gesprochen und richtige Dialoge aufgebaut, noch gibt es eine komplexe Geschichte, die sich durch Überraschungen und Unerwartetes auszeichnet. Eigentlich eher das genaue Gegenteil, dann die Handlung selbst ist konzipiert und klar, doch das soll kein Kritikpunkt sein, denn Malick setzt andere Schwerpunkte, die ‚The New World‘ ausmachen. Die wichtigste Rolle spielt hier der Kameramann Emmanuel Lubezki, ein Meister, der hier einen Bildrausch entstehen lässt, der in manchen Momenten seinesgleichen sucht und mit fantastischen Landschaftsaufnahmen auffahren kann, die den Zuschauer in ihrer ganzen Schönheit und schöpferischen Symbolik sofort gefangen nehmen. Warum Lubezik einer der, vielleicht sogar der beste Kameramann unserer Generation ist, beweist er hier auch mal wieder in einem atemberaubenden Ausmaß. Aber auch der zarte Score von James Horner trägt seinen Teil zu ‚The New World‘ bei, gerade wenn Lubezki mit seiner ruhigen Kamera wieder die Weiten einsaugt und von Horners sensiblen Klängen begleitet wird. Die historischen Figuren John Smith, Pocahontas, Captain Christopher Newport und John Rolfe wurden hochkarätig besetzt. Angefangen mit Smith, der von Colin Farrell mit viel feinfühlig darstellt wurde und sein Schauspiel immer weiter sensibilisieren kann, dabei ohne großen Ausbrüche oder sonstiges auskommt. Q’orianka Kilcher als Pocahontas dürfte kaum jemanden etwas sagen, doch auch sie bringt die kindliche Verspieltheit und weibliche Anziehung überzeugend rüber. Dann Christopher Plummer als Captain Newport und Christian Bale als John Rolfe, die in ihren Szenen auch durchgehend ihr Können zeigen können.

„Hier ist Wirklichkeit, was ich stets für einen Traum hielt.“

Müsste man ‚The New World‘ mit zwei Wörtern beschreiben, dann würde man den Film wohl einen poetischen Bilderrausch nennen, denn genau das trifft den Nagel auf den Kopf. Regisseur Terrence Malick will hier keine großen Reden schwingen oder den Zuschauer mit bombastischen Effekten beeindrucken. Viel mehr inszeniert er einen Film, der in seiner ganzen Ruhe und Stille, nie ein Wort zu viel verliert und sich seiner poetischen Sogwirkung, natürlich auch in Kombination der hervorragenden Kameraarbeit, voll entfalten kann. Die Engländer betreten die Küste von Nordamerika, fühlen sich wie Könige, doch sind sie auf sich allein gestellt, dann droht alles zu zerbrechen und in ihren Augen hilft, wie immer, nur noch die Gewalt. Krankheiten, Misstrauen, Kannibalismus und Hoffnungslosigkeit breiten sich über ihnen aus, während die Ureinwohner, ein ruhiges und ebenso zärtliches Volk, in ihrem eigenen Paradies ewig leben können. Die Liebesgeschichte zwischen Smith und Pocahontas kommt ebenfalls ohne große Gesten aus, sondern setzt auf Andeutungen, leichte Berührungen und fühlbare Annäherungen, die ihre gefühlvolle Sanftheit nie verlassen. Setzt Malick dann Rolfe in seinen Film, dann wird die Romanze auf eine neue Ebene gehoben, die sich zwischen neuer Annahme und unüberwindlicher Trauer verfestigt. ‚The New World‘ setzt den Traum ins Verderben, die Liebe in den Kampf und den Krieg in den Frieden. Worte sind hier unnötig, die Geheimnisse des Lebens vergessen sich im Anbetracht der Natur und die Wiederkehr wird zum ewigen Abschied. ‚The New World‘ steht für berührende, Tonnenschwere Poesie, ohne erdrückend oder beladen zu wirken, sondern ist dabei immer mit der unendlichen Schönheit des Lebens verbunden.

Fazit: ‚The New World‘ ist eine Historien-Romanze, die sich gar nicht um das Entdecken der neuen Welt kümmert, sondern um das Finden einer neuen, entfernten Liebe, die die Sprache und Kultur überwindet. Malick weiß mit seiner ruhigen Führung durchgehend umzugehen und entfacht einen poetisch-philosophischen Sog, der sich aus Liebe, Schmerz, Verbannung und Verdrängung zusammensetzt. Die Wilden werden zu Menschen und die Menschen zu Wilden. Dazu die fantastischen Fotografien, der tolle Score und die passenden Schauspieler, die hier zwar gar nicht die erste Geige spielen, ihre Rollen aber gut auszufüllen wissen. ‚The New World‘ ist nicht für jeden geeignet, doch wer sich auf den Film einlassen kann, erlebt etwas ganz Besonderes.

Bewertung: 8/10 Sternen