"The Sacrament" (USA 2013) Kritik – Kameraschwenk hinter den Vorhang der Scheinheiligkeit

Autor: Pascal Reis

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„We were doing something great down here. We were gonna change the world.“

Nicht unscheinbar in seinem Gebaren, aber doch reichlich übergangen musste Ti West seine ersten Gehversuche in der Filmwelt erfahren: „The Roost – Angriff der Fledermäuse“ und „Trigger Man“ wurden zwar hier und da mit positiven Stimmen versehen, wirklich ins Blickfeld eines öffentlichen Interesses haben es diese Filme aber gewiss nicht geschafft. Von „Cabin Fever 2: Spring Fever“, der Fortsetzung von Eli Roth gewiefter Retro-Party „Cabin Fever“, distanzierte sich West anschließend auch echt bald, hat ihm das Studio doch einige gewaltige Stöcke zwischen die Beine geworfen, die seinem künstlerischen Ausdruck einen massiven Riegel vorschoben. 2009 sorgte Ti West dann aber für Furore, wenngleich sich dieses Aufsehen selbstredend auf dem spezifischen Horror-Radius ausgebreitet hat: „The House of the Devil“ kam auf atmosphärischen Samtpfoten vorbei geschlichen, um hinten raus ein wahres Inferno abzuliefern, wie man es in dieser replizierenden Genre-Form schon lange nicht mehr erlebt hat. Nur zwei Jahre später vollbrachte es West mit seinem psychologischen Haunted-House-Meisterwerk „The Innkeepers“ sogar noch eine Schippe obendrauf zu legen.

„The House of the Devil“ und „The Innkeepers“ strotzten geradezu vor vitaler Genreaffinität und bewiesen eindrucksvoll, dass es auch heutzutage noch klassizistische (nicht zu verwechseln mit antiquierte) Subtilität im Horror-Sujet zu bestaunen gibt. Ti West hat sich unlängst als neue Hoffnung für eine neue qualitative Kontinuität des Genres etabliert und sein hochbudgetiertes Äquivalent James Wan („Insidious“, „The Conjuring – Die Heimsuchung“) im Handumdrehen ausgestochen, weil sein Grusel als emphatische Herzensangelegenheit erblüht, anstatt stupide in Intervallen aus den Lautsprechern zu bersten. Wie soll man seine Vorfreude also noch im Zaum halten, wenn ein solch begabter Regisseur wie Ti West sein neues Werk ankündigt? Und wie mag die Aufregung ausfallen, wenn man dann endlich in den Genuss dieses kommen darf? Nachdem schon frühzeitig bekannt wurde, dass sich Ti Wests nächster Film „The Sacrament“ der Found-Footage-Ästhetik bedienen wird, wurde die Entzückung natürlich noch weiter angefeuert, mit der Erwartung, dass diese durch das „Paranormal Activity“-Franchise und Konsorten ausgelutschte Stilistik ihren zweiten Frühling erleben wird.

Es wäre eine handfeste Überraschung gewesen, wäre „The Sacrament“ letzten Endes als ein über alle Maße uninteressanter Film ausgefallen. Ti West weiß genau, wie er mit dem Medium umgehen muss. Der Found-Footage- respektive Mockumentary-Stil jedoch bietet nicht die dramaturgischen Spielräume, wie man sie in der klassischen Narration finden kann und hat durch ihre formalistischen Konventionen klare Grenzen einzuhalten. „The Sacrament“ kann es nicht mit „The House of the Devil“ und noch weniger mit „The Innkeepers“ aufnehmen – Einen verdammt guten Film hat uns Ti West dennoch beschert. Angelehnt an den verheerenden Jonestown-Massensuizid vom 18. November 1978, bei dem über 900 Mitglieder der neureligiösen Kommune Peoples Temple ums Leben kamen, rekonstruiert Ti West das einschneidende Ereignis in seinem Ablauf zwar getreu dem Vorfall, er fiktionalisiert jene Tragödie aber auch im gleichen Schritt bewusst – denn Film ist nun mal Film – ohne seine auf Realismus bedachten Prinzipien verraten zu müssen. Nicht umsonst stellt er das Journalistenteam als VICE-Crew vor, einem New Yorker Lifestyle-Magazin, das vor allem durch ihre schnippische Schreibe bekannt ist.

Eine der großen Stärken von Wests Duktus war immer seine immense Wertschätzung von Expositionen. „The Sacrament“ bildet da keine Ausnahme und nimmt sich eine gute Stunde Zeit, um den im Dschungel von Guyana angesiedelten Mikrokosmos Parish Eden sowie seine Bewohner zu etablieren. Alle scheinen sie hier den inneren Frieden gefunden zu haben und nur noch aus schierer Liebe zu handeln, in dem sie tagtäglich das Wort Gottes predigen und die Verrohung der modernen Gesellschaft, deren Fundamente für sie Imperialismus, Rassismus, Gewalt, Armut, Automatisierung und Menschenrechtsverletzung darstellen, verdammen. Wenn dann die Fassade langsam bröckelt und deutlich wird, dass Parish Eden nicht das glückselige Paradies ist, sondern einem totalitären Machtgefüge unterliegt, an dessen Spitze der charismatische „Father“ thront, offenbart Ti West, wie viel Intensität in seinem, zugegeben, nicht gerade wasserdichten Found-Footage/Mockumentary-Konzept steckt: Die letzten 30 Minuten sind beklemmend in ihrer unausweichlichen Radikalität und lösen ein wahres Ohnmachtsgefühl vor und hinter der Mattscheibe aus. Die vom Dschungel umrahmte Glaubensgemeinschaft manifestiert sich letzten Endes als ideeller Entwurf eines isolierten Utopia – Die grässlichsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.