"The Tree of Life" (USA 2011) Kritik – Die Kunst des Lebens

„Keiner von uns weiß wann die Sorge bei ihm anklopft.“

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Mit ‚The Tree of Life‘ bleibt Terrance Malick seinem Ruf treu. Sein Film befindet sich wieder weitab vom Mainstream. Was nicht heißen soll, dass ‚The Tree of Life‘ jedem Zuschauer gefallen wird, der nichts mit Blockbustern anfangen kann. Nein, ‚The Tree of Life‘ wird mit Sicherheit auch einigen größten Cineasten nicht gefallen. Doch das sollte bei dem Namen Malick inzwischen bekannt sein. Entweder man kann sich auf eine Reise mit ihm einlassen oder man findet es einfach nur gähnend langweilig und ist mit den Gedanken schnell woanders. Wer jedoch mit Malick’s Filmen gute Erfahrungen gemacht hat, darf auch hier wieder einschalten und eine einzigartige Erinnerungsreise erleben.

In ‚The Tree of Life‘ gibt es keinen festen Storyverlauf. Alles verschmilzt. Gegenwart, Vergangenheit, Erinnerungen, verschwommen oder glasklar. Dazu wird die Entstehungsgeschichte des Universums immer wieder eingebaut. Malick legt dabei keinen großen Wert auf Effekte, einzig bei den Dinosaurier-Animationen, sondern setzt wie Aronofksy in ‚The Fountain‘ auf mikroskopisch festgehaltene chemische Reaktionen. Das war schon bei ‚The Fountain‘ wunderschön zu sehen und genau das ist es auch in ‚The Tree of Life‘. Allgemein die großen Bilder der Welt und ihrer Natur von Emmanuel Lubezki sind grandios verpackt. Doch die Kamera wirkt auch auf den Zuschauer immer distanziert, als würde sie am Leben der Familie leicht vorbeilaufen. So haben wir die Natur auf der einen Seite und das Familienleben auf der anderen. Auch der ruhige, unterschwellige und berührende Score von Alexandre Desplat trifft genau ins Schwarze und gibt dem Film immer den melancholischen Unterton.

Mit dem Cover oder dem lesen der Besetzungsliste könnte ‚The Tree of Life‘ falsche Erwartungen wecken. Mich hat er jedenfalls ziemlich hinter das Licht geführt. Brad Pitt und Sean Penn. Pitt, einer der besten Schauspieler überhaupt und Penn, mein absoluter Lieblingsdarsteller. Dementsprechend freute ich mich auf den Film, ohne weiteres über die Leistungen der beiden gelesen zu haben. Brad Pitt spielt Mr. O’Brien. Der strenge und ehrgeizige Vater von drei Söhnen, der immer besonders streng, so scheint es, zu Jack ist. Brad Pitt bringt wie inzwischen von ihm gewohnt sein dürfte, eine starke Leistung und zeigt sich als mehr oder weniger Haustyrann eine überzeugende Vorstellung. Hunter McCracken der Jack in seiner Jugendzeit verkörpert, erweist sich als Glücksgriff und bringt eine durchgehend authentische Leistung. Auch Tye Sheridan, der Jack’s Bruder spielt kann in seiner Rolle überzeugen. Jetzt zum großartigen und fantastischen Sean Penn. Nix is. Penn spielt den erwachsenen Jack und ist nicht mal 10 Minuten zu sehen. Wenn er dann aber mal wieder im Bild ist guckt der traurig drein und fährt mit irgendwelchen Aufzügen durch die Wolkenkratzer oder stiefelt durch sandige Landschaften. Absolut verschenkt, was mich natürlich besonders schmerzt und meine Euphorie immer mehr und mehr ausgebremst hat.

‚The Tree of Life‘. Der Lebensbaum. Die innere Bindung und Verwurzelung mit dem, was uns einmal gegeben wurde und von jedem wieder genommen werden kann. Terrance Malick inszeniert einen Film über das Leben, das Geschenk was uns allen gegeben wurde, doch in jeder Hinsicht völlig unterschiedlich angesehen, angefasst und aufgebaut wird. Das Leben, das für viele Menschengruppen von verschiedenen Pfeilern gestützt wird. Die einen finden ihren Halt in der Religion, die anderen finden ihn der Familie und wieder andere finden ihn nie. Doch was bedeutet eigentlich Leben? Was bedeutet Existenz? Was ist das Leben und was bedeutet der Tod? Wo stehen wir in dieser Welt und wann fallen wir? Was ist Nähe, Zuneigung, Verständnis, Respekt, Distanz und Schmerz? Was sind Gefühle und wie kann man sie kontrollieren? Wann dürfen wir sie zulassen? Wann dürfen wir Lieben und wann ist Hass verständlich? ‚The Tree of Life‘. Eine religiöse, psychologische und poetische Reise in verschiedene Menschen die zusammen etwas Ganzes ergeben. Eine Reise in die unterschiedlichsten und fremden Menschen und gleichermaßen eine Reise in das eigene Ich. Ein lebenslanger Weg, ständig auf der Suche nachdem was wir sind, was wir nicht sind und was wir immer sein wollen. Ein langer Weg auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem Entdecken der eigenen Bedeutung. Unzählige Themen die Malick in seinem Film behandelt, die auch gleichermaßen unglaublich interessant sind, weil sie uns einfach alle beschäftigen. Doch so spannend dass alles auch sein mag, Malick schafft es nicht durchgehend erstklassig zu bleiben. Einige Längen schleichen sich ein und Malick übernimmt sich in seiner Darstellung und Inszenierung das ein oder andere Mal. Dazu kommt mein persönliches Problem mit der Penn-Figur, was aber dann ganz klar an meinen falschen Erwartungen gelegen hat. Trotzdem bleibt ‚The Tree of Life‘ in jedem Fall etwas Besonderes. Vor allem hat man doch das Gefühl, dass es ein Film der noch unglaublich viel Luft nach oben bietet, den man immer wieder mit anderen Augen entdecken kann, da man sich immer weiterentwickelt und den Film immer wieder neu sieht.

Fazit: ‚The Tree of Life‘ ist ein Kunstwerk. Und genau wie bei jedem anderen Kunstwerk muss man es sich öfter ansehen um wirklich alle Details zu erfassen. Nach dem ersten Mal kann ich jedenfalls behaupten einen wirklich besonderen Film gesehen zu haben, der zwar hier und da einige Schwächen hat, aber dafür wunderschöne Bilder, starke Schauspieler und vor allem viele interessante Themen behandelt. Auf ‚The Tree of Life‘ werde ich mit Sicherheit noch einige Male zurückkommen.

Bewertung: 8/10 Sternen