"The Wolf of Wall Street" (USA 2013) Kritik – Martin Scorsese und die Anziehungskraft des Geldes

Autor: Florian Feick

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„Let me tell you something. There’s no nobility in poverty. I’ve been a poor man, and I’ve been a rich man. And I choose rich every fucking time.“

Sex, Geld, Ruhm und eine florierende Karriere – Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) hat all das nicht. Aufgewachsen in einer durchschnittlichen Mittelklasse-Familie hat er finanziellen Reichtum weder je am eigenen Leibe erfahren noch überhaupt eine vage Vorstellung davon besessen. Doch er hat bereits die Witterung aufgenommen; nur eine Armreichweite und ein paar Nummern entfernt findet er statt, der Traumberuf als Aktienbroker. Der wahr gewordene American Dream für jederman, vom telefonierenden Nobody zum Millionär.

Martin Scorsese inszeniert eine Geschichte, von der wir bereits nach nur fünf Minuten wissen, dass es sich hier um den Aufstieg und Fall des Jordan Belfort handelt. Tatsächlich fühlen wir uns mehr als einmal an seine großen Rise-and-Fall-Geschichten wie „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnert; die Einführung der Figuren, der sinuskurvenartige Handlungsverlauf, seine gesamte Grundstimmung – böse Zungen würden womöglich sogar behaupten, es handele sich bei diesem Werk um ein „Goodfellas“ im Börsen-Milieu, lediglich zugeschnitten auf heutige Sehgewohnheiten; und diese bösen Zungen sollen über weite Strecken sogar Recht behalten. „The Wolf of Wall Street“ zelebriert den reinen Exzess, viele Szenen des Filmes bestehen aus berauschenden Parties, welche in Sachen Dynamik an Filme wie „The Great Gatsby“ oder „Project X“ erinnern und den betörenden Duft des Materialismus heraufbeschwören.

Jonah Hill sorgt derweil als Belforts Sidekick und Partner für eine üppige Prise Humor und bereichert so das äußerst zynische und hochgradig überzeichnete Aktienbroker-Portrait. Wenn der millionenschwere Firmen-Boss aufgrund einer Ludes-Überdosis wie ein sabberndes Neugeborenes über den Boden kriecht und nicht mehr ordentlich zu sprechen in der Lage ist, ist das schon recht ulkig mit anzusehen.

Der Rausch des Geldes jedoch kann fatal sein. Immer tiefer rutscht DiCaprios Charakter in die Lethargie des Wohlstands hinab, erkennt die Realität vor lauter Speichellecker, vor lauter Menschen um ihn herum, nicht mehr. Vor allem Drogen konsumierend, die ihn entweder vollkommen entmachten oder sein Selbstbewusstsein verstärken, befindet er sich permanent in einer selbstzerstörerischen On-Off-Beziehung mit seinem eigenen Leben. Er ist masochistisch veranlagt, weil er zu erfolgreich ist; als ranghöchstes Tier des Rudels ist er gelangweilt von der monetären und gesellschaftlichen Allmacht, die ihm zuteil wurde.

Selbstverständlich wird dieses altbekannte und tendenziell platte Motiv etwas zu plakativ ausgereizt, doch darauf kam es Scorsese wohl gar nicht an, der lediglich darauf bedacht scheint, ein „Goodfellas“ für ein modernes Publikum zu kreieren und es mithilfe eines recht zügigen Montagerhythmus möglichst permanent bei Laune zu halten. Sein Übriges tut die comichafte Charakterzeichnung, welche Börsen-Makler ausschließlich als triebgesteuerte Tiere darstellt, die nur das Laster kennen. „The Wolf of Wall Street“ gleicht somit mehr einer Milieu-Karikatur als einem adäquaten Bildnis seiner Zeit, die mehr auf berauschende Demonstrationen von Macht setzt denn auf ernstzunehmendes Charakter-Kino.

Irgendwann ist allerdings jeder Spaß mal zu Ende und Jordan kommt für drei Jahre ins Gefängnis (wo der reale J. Belfort die Vorlage zum Film schrieb). Versucht man, Scorseses Botschaft zu deuten, so teilt er uns mit, dass Belforts einziges Verbrechen die Manipulierbarkeit seiner primitiven Mitmenschen sei, welche ihm zu freien Stücken überteuerte und nutzlose Aktien abkauften, weil sie sich Reichtum davon versprachen. Und der 71-jährige Regisseur, der mit Filmen wie „Taxi Driver“ Geschichte schrieb, tut es ihm in gewisser Hinsicht sogar nach: Auch er schwatzt uns gut in Szene gesetzten, kalten Kaffee als sinnvolle Investition auf und verspricht nicht weniger als künstlerischen Reichtum. Abgesehen davon, dass er über weite Strecken thematisch lediglich an der Oberfläche kratzt, ist das einzige Verbrechen seines Filmes, dass er uns schlicht überhaupt nichts Neues zu erzählen hat. Was nützen einem gute Schaupieler, solides Handwerk und eine flotte Dramaturgie, wenn der Zuschauer am Ende ohne jeglichen Mehrwert aus dem Kino geht? Mr. Scorsese würde uns diese Frage wahrscheinlich mit einem cleveren Verkaufsgespräch beantworten.