"The Woman" (2011) Kritik – Feministische Urgewalt

Wird man heutzutage nur noch von Hollywoodremakes alter, für die Jugend vielleicht zu alter, Horrorklassiker „bestraft“ und durchgehend von nie enden wollender Franchise-Vergewaltigungen genervt, bekommt man mit THE WOMAN einen originären und ungemein interessanten, sowie brettharten Schocker geboten. Im Kern dreht sich die Geschichte um die Familie Cleek, dessen Vater eine wilde unzivilisierte Frau im Wald beim Jagen fängt und in seinem Keller gefangen hält, um sie der Gesellschaft anzupassen. Die (scheinbar) heile Familie wird in das „Projekt“ einbezogen und soll helfen die Frau zu „entwildern“. Doch die Menschenfleisch fressende Frau scheint nicht das einzige Problem der Cleeks zu sein…

Die Handlung erscheint grotesk. Und das ist sie durchaus: Ständig muss sich der Zuschauer mit Fragen über die eigene Gesellschaft beschäftigen und über die Stellung der Frau als durch den Mann gestraftes Individuum. Ist ein im Film beschriebenes Patriachart überhaupt noch möglich? Bemerkenswert auch die Frage von Gut und Böse: Ist das Böse nun der die Familie unterdrückende Vater oder die besagte Frau, die Fleisch zur Leibspeise hat und nach unseren Maßstäben abstoßend, unmenschlich und brutal wirkt? Oder das Oberhaupt der Familie, welcher durch Gewalt erzieht, unterdrückt und menschenverachtend im Geheimen handelt und dadurch der familiären Gemeinschaft schadet und diese zerstört, aber öffentlich den Normen des gutbürgerlichen Lebens folgt?

Die Frau, auch Synonym der Natur, weil sie aus dem Wald entstammt, emanzipiert sich am Ende des Films schlussendlich und treibt durch einen brutal-verstörenden, ebenso außergewöhnlichen Schlussakkord jeden Zuschauer in den Wahnsinn. Regisseur Lucky McKee schafft Bilder, die wahrscheinlich immer im Kopf des Zuschauers bleiben werden. Durch konträr eingesetzte Musik lässt uns Lucky in die Köpfe der Protagonisten und Antagonisten blicken: Wenn der Vater die im Wald jagende Frau bemerkt ertönt feinster Rock’n’Roll und jeder weiß wieso: Mr. Cleek empfindet die Frau als Spielzeug seiner wilden Männerfantasien. Das rockt in seinem Kopf. Hinzu kommen auch überaus zärtliche Momente, in denen McKee seinen Figuren auch – anders als in anderen Horrorfilmen der letzten Jahre – Gefühl, Innenleben und Seele zugesteht. Zum Beispiel dann, wenn Tochter Peggy in Zeitlupe an ihrem Unglück zerbricht und Sean Spillanes wunderschöner, retrospektiver Soundtrack erklingt, welcher wehmütig die 70er Jahre huldigt.

Dann kollidiert Gewalt und Gefühl, Subversion und Loyalität. Wenn dann am Ende der Film klar Stellung bezieht, wenn er für sich entscheidet was für ihn böse und was gut ist, dann evoziert er die brutalste und bildsprachlichste Emanzipierung der jüngeren Filmgeschichte. Das ist purer, mit Blut befleckter Feminismus eines Films, dem Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird. Klarer kann man sich nicht positionieren. Ein Juwel von Film.