"This Boy’s Life" (USA 1993) Kritik – DiCaprios erster großer Auftritt

„Das ist mein Haus und ich hab das Sagen! Verstanden?!“

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Welcher 18 Jährige Junge hat schon das große Privileg, in seinem ersten großen Filmauftritt, an der Seite von einer Schauspielgröße wie Robert De Niro zu spielen? Tja, niemand geringere als Leonardo DiCaprio. In Michael Caton-Jones Jugend-Drama ‚This Boy’s Life‘ aus dem Jahre 1993, begeistern nicht nur die Darsteller, sondern auch Caton-Jones‘ emotionale und starke Inszenierung.

David Watkins Bilder, die das 50er Jahre Leben in Amerika einfangen, sind schön stimmig und nostalgisch. Dabei verzichtet Watkins auf unnötige Sperenzchen und fängt das Geschehen in standhaften und unaufgeregten Aufnahmen ein. Auch der unaufdringliche und gefühlvolle Score von Carter Burwell trägt seinen Teil zur tollen Atmosphäre bei und schafft es, den Zuschauer immer zur richtigen Zeit zu berühren.

Die Hauptrolle übernimmt also, wie erwähnt, Leonardo DiCaprio. Er spielt Einzelkind Tobias, der auch gerne Jack genannt werden will. DiCaprio bringt für sein Alter eine beachtliche Leistung, die er im gleichen Jahr in ‚Gilbert Grape‘ sogar nochmal toppte. DiCaprio glänzt sowohl durch impulsives als auch sensibles Schauspiel und geht neben De Niro zu keiner Zeit unter, auch wenn er ihm natürlich noch nicht gewachsen ist. Und so kommen wir auch gleich zum zweifachen Oscar Gewinner. Robert De Niro spielt den gewalttätigen Stiefvater Dwight und füllt seinen absolut hassenswerten Charakter fantastisch aus. Auch Ellen Barkin als überforderte Mutter Caroline kann in ihrer Rolle durchgehend überzeugen. In weiteren kleinen Nebenrollen sind zum Beispiel Chris Cooper und Tobey Maguire zu sehen.

‚This Boy’s Life‘ basiert auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Tobias Wollf. Wolffs Leben spiegelt sich hier in DiCaprios Charakter Tobias wieder. Tobias wächst im Amerika der 50er Jahre auf. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Caroline reist er von einer Stadt in die Nächste. Und genauso oft wechselt sie auch ihre Liebhaber. Das ändert sich allerdings, als sie Dwight kennenlernt, der auf den ersten Blicken einen netten, wenn auch eigenwilligen, Eindruck macht. Tobias, der oft Probleme wegen seines groben Verhaltens hat, soll für einige Zeit zu Dwight und seinen drei Kindern ziehen, um zu überprüfen, ob die beiden miteinander auskommen können. Tobias erlebt die schlimmste Zeit seines Lebens und kann ihr nicht entfliehen. Dwight und seine Mutter heiraten und so stecken beide unter der brutalen Fuchtel von Dwight, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

Mit Tobias kriegen wir einen typischen Jugendlichen, der noch nicht weiß, in welche Richtung sein Leben steuern wird und den leichten Hang zum Problemkind entwickelt. Ein Rebell, ohne viel Respekt und mit großer Klappe gesegnet. Seine Mutter ist mit der Erziehung überfordert und eine führende männliche Hand fehlt. In Dwight, ebenfalls alleinerziehender Vater von drei Kindern, sieht er diese nötige Hand. Was sie allerdings nicht weiß, Dwight kann einen Heranwachsenden nicht durchs Leben führen, er kann nur prügeln und bestimmen. Ein Mensch, dessen Charakter aus Hass und Beschränktheit gemeißelt ist und in seiner stumpfen Banalität durch die Welt wütet. Das Dwight in Wirklichkeit ein zerrissene Seele ist, die sich nur mit Gewalt weiterhelfen kann und im inneren einfach nur einsam ist, wird erst spät deutlich, mildert den geschürten Hass auf ihn aber auch nicht. Dafür hat er sich einfach viel zu grausam und ungerecht verhalten. Tobias, der sich erst einmal selber finden muss, wird in seiner schweren Jugend durch diesen schrecklichen Umgang nur noch weiter ausgebremst, verliert dabei aber nicht den Glauben an sich selbst. Dumm ist er nämlich nicht und irgendwie muss er diese endlosen Erniedrigungen überstehen und der Welt zeigen, was in ihm steckt.

Diese eindringliche Charakterzeichnung weiß durchgehend zu fesseln. Obwohl es so scheint, als würde Tobias einen bitteren Stillstand erleiden, entwickelt er sich doch heimlich immer weiter und wird zur klaren Identifikationsfigur des Films. Wir haben Mitleid mit ihm und seiner schlimmen Lage. Leiden und fühlen mit ihm. Man will Dwight einfach nur in die Mangel nehmen, auch wenn man weiß, dass man diesem Kampf nicht gewachsen ist. Hier sind es ganz besonders die unheimlich intensiven letzten 15 Minuten, in denen Dwight und Tobias aufeinander losgehen und die unvorhersehbare Situation in blanker Gewalt und angestauter Wut eskaliert. Manchmal ist die Flucht jedoch der beste und klügste Weg und hat rein gar nichts mit Feigheit zu tun.

„An den meisten Nachmittagen wanderte ich wie in Trance herum.“

Caton-Jones Inszenierung schafft es, den Zuschauer mit ihrer Authentizität immer bei der Stange zu halten und weiß genau, wie sie den Zuschauer berührt und anpacken muss. Die aufwühlende Geschichte, mit all ihren Ecken und Kanten, lebt an erster Stelle von den exzellenten Leistungen der Darsteller. Doch auch das Erzähltempo trägt einen großen Teil zur packenden Atmosphäre bei. Der Film bleibt konsequent im ruhigen Tempo, zwar schleichen sich hier und da ein paar Längen ein, aber der Film schafft es, durchgehend spannend zu bleiben. Ein Film, der auf Kitsch und übertriebene Rührseligkeit verzichtet und Tobias‘ Schicksal niemals übertrieben, sondern ehrlich, darstellt. Ein kraftvoller Film, voller brüchiger Fassaden, eingegrenzter Jugend und der erschwerten Selbstfindung in einem Kreis aus Gewalt, Schmerz und verlorener Freiheit. Dabei ist der Film zwar schlussendlich ein Drama, tragisch durch und durch. Aber am Ende wird uns dennoch dieser kleine Hoffnungsschimmer am Horizont geschenkt, den wir trotz der schweren Zeit ergreifen müssen und so auf ein besseres Leben hoffen können. Die wahren Verlierer sind nur die, die sich weigern wieder aufzustehen.

Fazit: ‚This Boy’s Life‘ ist ein intensives Drama, über das Erwachsenwerden und über Entwicklungen, die durch Gewalt nicht völlig zerstört werden können. Ein toller Film, mit grandiosen Schauspielern, packender Atmosphäre und Caton-Jones‘ präziser Inszenierung. Sicher nicht ganz ohne Schwäche, aber ein wichtiger, emotionaler und berührender Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

„Töten oder heilen? Töten oder heilen?“

Bewertung: 8/10 Sternen