Kritik: To Rome With Love (USA/IT/ES 2012)

„Der Junge ist Kommunist. Der Vater ist Bestatter. Leitet die Mutter eine Leprakolonie?“

null

Es erstaunt immer wieder, wie es Woody Allen, mittlerweile 76 Jahre alt, schafft jedes Jahr einen neuen Film auf die Leinwand zu bringen. Früher war das ja noch einfacher. Heute erfordert es aber weit mehr Kraft einen Film auf den Weg zu bringen, ihn also praktisch überhaupt drehen zu können, was man in besonderen Ausprägungen ja an den Zeitspannen zwischen den Filmen Paul Thomas Andersons oder Terrence Malicks sehen kann. Nur Woody Allen, bei ihm scheint die Zeit stehen geblieben, er dreht unbeirrt weiter und erfreut und ärgert uns gleichermaßen jedes Jahr aufs Neue.

Im amerikanischen Kino nahm Allen schon immer eine Sonderstellung ein, was nicht nur an seiner topografischen Distanz zur Traumfabrik liegt, sondern auch an seiner starken Verbundenheit zum europäischen Kino. So etwas wie Woody Allen, das konnte nur während des „New-Hollywood“ entstehen und während vieler seiner Kollegen seit Ende der Achtziger nur noch ein Schatten ihrer selbst sind, liest sich Allens Filmografie mehr wie ein Aufstieg der Karriereleiter. Allen ist heute weitaus populärer als Francis Ford Coppola und Co. Die Leute gehen gerne in seine Filme. Damit sind auch die Kritiker gemeint. So ähnlich war es wohl früher als man in einen Hitchcockfilm ging. Man wusste worauf man sich einstellen konnte. Allen ist Marke, Künstler und Produzent, ein Auteur, dessen Filme man bereits von weitem erspäht. Seit Anfang des neuen Jahrtausends sind Woodys Filme besonders erfolgreich. Seit seiner Neuorientierung mit „Match Point“, wo zuerst die Filmkritik verdutzt glotzen musste, wird jeder neue Film mit der Lupe beäugt. Mit „Midnight in Paris“ drehte er letztes Jahr sogar seinen größten Publikumserfolg und kam mal wieder in die unangenehme Lage einen Oscar zu gewinnen.

Nach so einem Film warten nun umso mehr Zuschauer auf das neue Werk des New Yorkers, der seine Europareise filmisch weiterführt. Nach London, Barcelona und Paris, ist nun also Rom an der Reihe. Im Vergleich zu seinen vorherigen europäischen Filmen erzählt Allen „To Rome with Love“ als klassischen Episodenfilm. Alle Geschichten sind miteinander verwoben und drehen sich, wie bei Woody Allen gewohnt, um Beziehungen, Kunst, den Tod, Vernunft und Gefühl. Da gibt es z.B. ein provinzielles junges Ehepaar, das nach Rom ziehen will. Als sich die Frau (Alessandra Mastronardi) in der Stadt verirrt, muss ihr verklemmter Ehemann (Alessandro Tiberi) aus Verzweiflung mit einer Prostituierten (Penélope Cruz) zur reichen Verwandtschaft und sie als seine Frau ausgeben. Neben vielen italienischen Stars, u.a. Ornella Muti und Roberto Benigni, hat Allen natürlich wieder zahlreiche Hollywood-Sternchen für seinen Film gewinnen können, von Legenden wie Alec Baldwin und Judi Davis bis hin zu Newcomern wie Jesse Eisenberg, Greta Gerwig und Ellen Page.

Hinter Allens Starrummel verbirgt sich allerdings nicht nur ein kommerzieller Gedanke. Wieder kommt die Verbindung zu Alfred Hitchcocks Kino in den Sinn, der Stars für seine Filme dringend brauchte um seine Figuren zu füllen. Schauspieler wie Cary Grant oder James Stewart waren bei Hitchcock immer auf die Rollen abonniert, die ihrem Image entsprachen. So brauchte er sich im Film nicht mit unnötiger Figurenzeichnung belasten. Die Stars füllten ihre Rollen automatisch aus. So ähnlich ist es auch bei Woody Allen. Jesse Eisenberg jedenfalls spielt wie erwartet den gehemmten Intellektuellen, der in ein Gefühlschaos geschleudert wird. Roberto Benigni verkörpert wortwörtlich den Durchschnittsitaliener, der von einem Tag auf den anderen zum Prominenten wird. Der Slapstick und Klamauk der Rolle ist auf ihn zugeschnitten. Umso klarer wird Allens Cast beim eigentlichen Besetzungscoup des Films. Es ist Woody Allen selbst. Seit sechs Jahren Leinwandabstinenz ist „To Rome with Love“ der erste Film, in dem er mal wieder den Neurotiker spielt. Natürlich muss gesagt werden, dass dieser Besetzungsstreich beim restlichen italienischen Cast nur bedingt gelingt. Dafür wirken diese Charaktere mehr im Film verankert, wie für ihn geboren also, da sie nicht aus ihm herauswachsen.

Bleiben wir aber bei Woody Allens Figur, die archetypisch für sein komplettes Werk steht. So viel sei gesagt, wenn man viele seiner Filme kennt und mag, so entwickelte man über die Jahre eine Art Verbundenheit mit dieser Figur, so ist es auch gerade dieser Charakter, der im Film quasi wie ein Katalysator funktioniert. Sobald man Allen das erste Mal wieder sieht, werden Erinnerungen wach. Man wird sentimental und lacht herzhaft, ganz egal was er sagt. Die Besetzung in diesem Film ist ein Vorzeigebeispiel wie man mit Stars angemessen umgeht. Sie sind Selbstläufer und so erstaunt es nicht, dass auch „To Rome with love“ fast wie von selbst läuft. Die Dialoge drehen sich um gewohnte Inhalte und sind dennoch urkomisch. Die Figuren wirken wie aus der Retorte, funktionieren aber trotzdem bis ins Mark genau. Klar, es gibt Geschichten, die sind besser gelungen als andere. Das passiert den meisten Episodenfilmen. Schade ist nur, dass man das Gefühl bekommt, Woody Allen hätte der uninteressantesten von ihnen die meiste Screen-Time geschenkt. Die Dreiecksgeschichte um Eisenberg, Page und Gerwig, bekommt zwar durch Baldwins surrealistische Auftritte einen gehörigen Schuss Ironie, aber spannender wird sie dadurch trotzdem nicht, geschweige denn aufschlussreicher. Dennoch kann man sich in diesem Lustspiel wunderbar amüsieren. Allen weiß immer noch welche Knöpfe er zu drücken hat, doch irgendwie hat man auch das Gefühl er drücke nur abgenutzte Knöpfe.

Das ist kein neuer Anklagepunkt in Woodys Strafverzeichnis. Das gehört dazu, wenn man ein Auteur ist. Dafür weiß ja auch das Publikum mit was es rechnen kann, wenn es das Kino betritt, so wie bei Hitchcock. Allerdings hat sich die britische Regielegende stets einen Spaß daraus gemacht diese Erwartungen zu unterlaufen. Bei den meisten Hitchcockfilmen hatte man danach das Gefühl etwas Neues gesehen zu haben. Das kann man von Allens neuem Film nicht sagen. Wie schon gesagt: „To Rome with Love“ ist ein tolle Komödie. Niemand wird hier schreiend aus dem Kino stürmen, aber gerade so nistet sich Allens Film in der Nische der berüchtigten Wohlfühlfilme ein, diese ominöse Schnittmenge an Filmen, wo sich makelloses Handwerk und inhaltliche Reibungsfreiheit vereinen, im Grunde die Erfolgsformel kommerzieller Arthousefilme. Keine schräge Zeitreise wie bei „Midnight in Paris“ oder schwergewichtige Dramatik ala „Match Point“. Vielleicht ist es auch ein bisschen zu viel verlangt von einem Regisseur sich jährlich bei jedem Film neu zu erfinden, aber ich schütte trotzdem Salz in die Wunde, gerade weil man damit rechnen muss, dass es Woody Allen bald nicht mehr geben wird. Dann reißt die Kette jährlicher Allenfilme einfach so ab, urplötzlich und ohne Vorwarnung. Also ganz ehrlich: Welcher Regisseur will einen Film wie „To Rome with Love“ als sein Vermächtnis haben?

Bewertung: 5/10 Sternen