Kritik: To The Wonder (USA 2012)

Autor: Conrad Mildner

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„You gathered me up from earth. You’ve brought me back to life.“

Urplötzlich befindet sich Olga Kurylenkos Figur Marina wieder an der französischen Küste am Mont-Saint-Michel. Sie ist allein, dreht sich um und ein warmes Licht strahlt in ihr Gesicht. Es ist die letzte Szene in Terrence Malicks neuem Film „To The Wonder“, wenn man hier überhaupt noch von „Szenen“ sprechen kann. Eine Szene definiert sich bekanntlich durch die Einheit von Raum, Zeit und Personen. In Malicks Film gibt es solch eine Einheit nicht, jedenfalls nicht im Kontext mehrerer Kameraeinstellungen und schon gar nicht im bewussten Verlauf einer Geschichte. Chronologie existiert höchstens im eigenen Kinosessel. Auf der Leinwand sind dagegen Zeitreisen angesagt und so verliert Marinas Schlussbild jegliche narrative Bedeutung, da es weder Anfang noch Ende gibt.

Es macht daher auch wenig Sinn an dieser Stelle die obligatorische Inhaltsangabe zu liefern. Zwar erzählt „To The Wonder“ eine Geschichte über einen Mann namens Neil (Ben Affleck), der abwechselnd zwei Frauen (Olga Kurylenko & Rachel McAdams) liebt und über einen Pater (Javier Bardem), der von seiner Einsamkeit übermannt wird, aber dennoch ist die Erzählung einem stetigen Wandel unterworfen, denn jede Zuschauerin und jeder Zuschauer sieht hier einen anderen Film.

Auf den russischen Regisseur Sergej Eisenstein geht der Ausspruch zurück, dass durch jeden Schnitt von einem Bild auf ein anderes stets ein drittes Bild im geistigen Auge des Publikums entsteht. Allein in dieser simplen These steckt die ganze Wahrheit filmischer Möglichkeiten. Nur durch das geistige Auge wird das Erzählen überhaupt möglich. Wenn im Film jemand einen Kofferraum öffnet und wir daraufhin den Inhalt des Kofferraums sehen, dann wissen wir, dass es sich um den selben Kofferraum handelt, obwohl beide Bilder durch einen harten Schnitt voneinander getrennt sind und im seltsamsten Fall sogar an völlig unterschiedlichen Tagen und Orten gedreht wurden. Die Einheit des Kofferraums bleibt eine Mutmaßung unseres geistigen Auges, die Filmemacher_innen zu ihrem Vorteil nutzen und nur die besten von ihnen versuchen nicht nur zwischen den Bildern eine Geschichte zu erzählen, sondern nutzen die Lücken als abstrakten Raum, als Resonanzfläche des Publikums, ob sinnlich oder gegenständlich.

Die Gräben zwischen den Bildern in Malicks Filmen sind über die Jahre größer geworden. Seit „Tree of Life“ sind sie nicht mehr rational begreifbar oder gar entschlüsselbar. So gibt es mitten in „To The Wonder“ einen Schnitt auf eine Schildkröte unter Wasser ohne jeglichen logischen Zusammenhang. Letztendlich vertraut der Regisseur seinem Publikum mehr als je zuvor. Niemand muss verstehen. Jeder kann fühlen. Natürlich ist „To The Wonder“ weniger beeindruckend als „Tree of Life“, schon allein weil er sich einer spektakulären kosmologischen Perspektive verwehrt. Darüberhinaus begnügt sich Malick bereits damit seine autobiografischen Erfahrungen elliptisch verschränkt nachzubauen, was den Zugang umso schwerer gestaltet. Wer also schon mit dem Vorgängerfilm wenig anzufangen wusste, wird sich in seinem neuen Film verloren fühlen wie Rachel Weisz und Jessica Chastain, die bekanntlich im Film mitgespielt haben sollen, von Malick aber großzügig herausgeschnitten wurden.

Alle Assoziationen sind möglich. Kein Gedanke, kein Gefühl ist vergebens. Wer bei Malicks kitschigen Off-Texten die Augen rollt und bei Lubezkis Kameraführung an einen Parfümwerbespot erinnert wird, hat allenfalls eine andere Brücke über die Kilometertiefen Gräben zwischen den Bildern gefunden als jemand, der in Malicks Bilderrausch ein weiteres Meisterwerk vermutet. Ohne Frage hat der amerikanische Filmemacher im Zuge seiner neu belebten Produktivität zu einer gänzlich singulären und originellen filmischen Form gefunden. So aufregend zwiespältiges Kino bekommt man selten von einem Siebzigjährigen zu sehen. Wobei Malicks typische Motive nun endgültig alles durchdringen, inhaltlich wie ästhetisch.

Die Verklüngelung von Mensch und Natur bleibt das zentrale Thema. Dabei löst sich „To The Wonder“ von jeglichen vordergründigen Charakterisierungen, da alle Figuren nur noch leere Gefäße sind, die Malick im Kontext der Montage nach Belieben füllen kann. Menschen werden zu Symbolen der Natur filmisch gedichtet. Jane und Marina kriechen auf der Erde herum, krallen sich fest, tänzeln und knien nieder. Neil fließt nur an ihnen vorbei, wie das Wasser, das sein Charakter zu beschützen versucht, unergründlich tief und nie zur gleichen Zeit am selben Ort. Unvereinbar scheinen Erde und Wasser und dennoch gehen sie eine faszinierende Verbindung im Wattenmeer am Mont-Saint-Michel ein. Der Ort, an dem Neil und Marina einst glücklich zusammen waren. Doch diese Tage sind nur noch bloße Erinnerungsfetzen im Strom der (Film-)Zeit, Projektorenlicht im Gesicht Olga Kurylenkos.