"Tödliche Entscheidung" (USA 2007) Kritik – Sidney Lumet verabschiedet sich mit einem meisterhaften Knall

„May you be in heaven half an hour, before the devil knows you’re dead.

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Am 9. April 2011 wurde die Filmwelt von tiefer Trauer und Bestürzung überdeckt, denn eine der großen Regielegenden der Geschichte unterlag ihrem Lymphdrüsenkrebs und starb im stolzen Alter von 86 Jahren. Die Rede vom unvergesslichen Sidney Lumet, der uns einige unsterbliche Klassiker schenkte und immer ein Teil des Filmes bleiben wird, auch nach seinem Tod. Zu seinen großen Meisterwerken zählt sein Debütfilm „Die zwölf Geschworenen“, das Polizisten-Drama „Serpico“, das Drama „Hundstage“ und der Polit-Thriller „Network“. Wer diese Filme gesehen hat, der wird wohl bedingungslos zustimmen, dass Lumet sein Handwerk exzellent verstand und sich nie vor kritischen Themen gescheut hat. Lumet konnte gesellschaftlichen Problemen auf den Zahn fühlen und diese punktgenau durchleuchten, ohne sich in wirre Polemik oder stumpfer Manipulation zu verrennen. Wenn dann aber eine der Legenden die große Bühne verlässt, dann wird immer wieder, verständlicherweise, auf das letzte Werk des Filmemachers geguckt, um sich dann in Sätzen wie „Traurig, dass er sich nicht gebührend verabschieden konnte.“ zu verrennen. Sidney Lumet bewies der Welt jedoch, dass er auch mit 83 Jahren nichts von seinem riesigen Können verlernt hatte und hinterließ mit „Tödliche Entscheidung“ 2007 einen letzten Film, der ihm mehr als würdig ist.

Eigentlich könnte das Leben des Immobilienmaklers Andy gar nicht besser sein: Sein bildhübsche Frau ist im Bett zu sämtlichen Schandtaten bereit, seine luxuriöse Wohnung würde jeden Besucher neidisch machen und sein Jahresgehalt ist im sechsstelligen Bereich. Doch die schöne Welt hat natürlich auch immer wieder ihre dunkle Seiten, denn Andy muss sein extravagantes Leben und die extreme Drogensucht schließlich finanzieren und unterschlägt seiner Firma einen Batzen Geld. Diese Veruntreuung wird natürlich früher oder später auffliegen und um das zu verhindern, hat Andy die Idee, den Juwelierladen seiner Eltern mit seinem kleinen Bruder Hank auszurauben. Der Überfall geht jedoch so dermaßen in die Hose und alles läuft schief, was schieflaufen konnte. Die extremen Folgen dieser Tat bringen schwere Konsequenzen mit sich…

„Tödliche Entscheidung“ verfügt über eine unglaublich unterkühlte Atmosphäre, die ihre Kältestufen im Laufe der Geschichte immer weiter in die Tiefe treibt und den Atem des Zuschauers nicht nur einmal ins Stocken geraten lässt. Für die hoffnungslosen und ebenso düsteren Aufnahmen war Kameramann Ron Fortunato verantwortlich, der sich immer voll auf die Charaktere konzentriert und die extreme Anspannung der Situationen immer kraftvoller auf den Zuschauer überträgt, der selbst keinen Ausweg mehr aus dem Chaos finden kann. Carter Burwells Score verdeutlicht das Gefühl der Trostlosigkeit mit seiner melancholischen Musik nur noch mehr und untermalt die familiäre Eskalation brillant. Einen Kniefall hat auch Kelly Masterson verdient, die mit ihrem Debütdrehbuch dermaßen grandiosen Stoff abliefert, von dem alte Hasen des Geschäfts nur träumen können, denn ihr Drehbuch ist so sorgfältig bis in das kleinste Detail ausgearbeitet, das es nicht nur sämtliche Preise verdient hätte, sondern auch wirklich keinerlei Schwächen offenbart.

Allerdings ist „Tödliches Entscheidung“ vielmehr astreines Schauspielkino, denn Lumet wirft jede Last seiner Inszenierung auf die hochinteressanten Charaktere, die er dazu noch herausragend besetzt hat und wie immer zu Höchstleistungen antreiben konnte. Als Andy Hanson sehen wir Philip Seymour Hoffman, der wohl zurzeit mit Sean Penn und Daniel Day-Lewis der beste Charakter-Darsteller unserer Zeit ist. Hoffman versteht es immer wieder, seinen Charakteren durch sein ebenso impulsives wie zurückhaltendes Schauspiel eine außerordentliche Tiefe zu verleihen, die eine mimische Brillanz aufweist, der man sich in ihrer beeindruckenden Präzision einfach nicht entziehen kann. Die zweite Hauptrolle wurde Ethan Hawke gegeben, der sich nun noch nicht unbedingt als Charakter-Darsteller bewiesen hat, aber auch schon einige richtig starke Leistungen auf sein Konto nehmen konnte. In „Tödliche Entscheidung“ bringt er als Hank Hanson seine wohl beste Karriereleistung und begeistert genau wie Hoffman, mit seiner exakten Mimik und Gestik, die seinen Charakter so überragend wiedergibt, dass keine Wünsche offenbleiben. Albert Finney als Vater Charles ist ebenfalls grandios und kann wieder seine ganze Kraft aus seinem trauergeladenen Minenspiel ziehen, welches nahegeht und in seiner Eindringlichkeit immer sitzt. Und dann wäre da noch Marisa Tomei als Hanks Frau Gina, die gleichzeitig noch eine Affäre mit Hank hat und hier ganzen Körpereinsatz zeigen kann, was sich schon in der Eröffnungsszene verdeutlich zeigt, in der sie beim Verkehr mit Andy im Urlaub ihren tollen Körper in Aktion zeigen darf.

Wie weit würden Menschen gehen, die in schwerer Geldnot stecken? Diese Frage beantwortet Sidney Lumet in „Tödliche Entscheidung“ in eindringlicher Konsequenz: Sie würden ihre eigene Familie, ihren letzten Halt in schwersten Stunden, in das endlose Verderben stürzen und jegliche familiäre Bindung an sich selbst zerbrechen lassen. Lumet inszeniert hier in bitterböses Familienbild, in der zwei verschiedene Brüder, ein mitleiderregender Versager und ein abhängiger Anzugträger, wohl den fragwürdigsten Weg einschlagen um an das benötigte Geld zu gelangen. Der Plan war klar strukturiert, doch es läuft alles anders als geplant und die Abgründe öffnen ihre düstere Endlosigkeit, in der sich jeder der Beteiligten verlieren wird und sich am Ende nur noch als lebloser Schatten vergangener Zeiten wiederfindet. Dabei setzt der Regisseur eigentlich auf eine simple Geschichte, die sich um einen missglückten Überfall dreht, aber so komplex vorgetragen wird, allein wegen der brillanten Charakterzeichnungen, dass Lumet den Zuschauer mit seiner nüchternen und doch so emotionalen Inszenierung einfach in einen Rausch der Zerstörung zieht. „Tödliche Entscheidung“ ist ein düsteres und pessimistisches Drama, in dem die Tragödie unausweichlich ist und die Zeitebenen wie Perspektiven sich gekonnt verschieben und nach und nach jeden Blickwinkel durchleuchten, die die Geschichte rundum Gier, Sucht, Rache und Abschied komplettieren. Lumet ist hier ein schweres, eiskaltes, hartes und ambivalentes Meisterwerk gelungen, welches man lange Zeit nicht vergessen wird.

Fazit: Sidney Lumet ist mit „Tödliche Entscheidung“ genau das gelungen, was man jedem großen Regisseur nur wünschen kann: Ein Meister verabschiedet sich mit einem Meisterwerk und zeigt den jüngeren Generationen noch einmal, wie man richtig gutes Schauspielkino inszeniert, denn genau von denen lebt sein Abschiedswerk. Mit Ethan Hawke und Philip Seymour Hoffman hat man zwei Hauptdarsteller, die sich von ihrer besten Seite zeigen und zur präzisen Großleistungen auffahren, genau wie die Nebendarsteller, die mit Marisa Tomei und Albert Finney ebenso toll besetzt sind. Dazu gibt es noch ein grandioses Drehbuch, einen fantastischen Score und eine düstere Atmosphäre, die „Tödliches Versprechen“ eben zu dem Meisterwerk machen, welches es geworden ist. Chapeau, Mr. Lumet, so müssen sich Legenden verabschieden.

Bewertung: 9/10 Sternen