"Tödliches Kommando" (USA 2008) Kritik – Wenn Krieg zur Sucht wird

„Wie viele Bomben haben Sie schon entschärft?“ – „873.“

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Über Frauen am Steuer gibt es ja genügend klischeehafte Sprüche und Scherze, die sich wahrscheinlich schon jede Frau einmal im Leben anhören musste, vielleicht auch deswegen, weil sie das ungeliebte Klischee auch noch bestätigten konnte. Über Frauen auf dem Regiestuhl gibt es solche Witze eigentlich nicht, aber darum geht es in der Filmwelt schließlich nicht, sondern nur darum, was diese Regisseurin abliefert und wie der Erfolg aussieht. Und hier treffen wir auf Kathryn Bigelow, die sich in der Vergangenheit als wahrer Kassenschreck entpuppte. Ihre Filme wie „Near Dark“, „Strange Days“ und „K:19“ waren extreme Flops, die ihre hohen Produktionskosten nicht im Ansatz wieder einspielen konnten und der Ex-Frau von James Cameron so den Wind und die künstlerische Freiheit gewaltig aus den Segeln nahm. Aber Frauen, so heißt es jedenfalls, lassen sich nicht unterkriegen und Kathryn Bigelow kehrte 2008 eindrucksvoll zurück. Mit einem Budget von 11 Millionen Dollar konnte ihr Kriegs-Drama „Tödliches Kommando“ nicht nur bei den Oscars abräumen, ganze 6 Trophäen gab es, darunter auch für den Besten Film und Beste Regie, sondern der talentierten Regisseurin zu Recht auch wieder neuen Antrieb geben und die Türen für weitere Projekte öffnen.

Irak, 2004: Sanborn und Eldrige sind Elitesoldaten des Exploside Ordnance Disposal (EOD), im Klartext, sie sind Bombenexperten und entschärfen diese. Als sie bei einem Einsatz ihren Vorgesetzten verlieren, wird ihnen direkt ein neuer Anführer zugeteilt: Staff Sergeant William James. Und dieser Staff Sergeant ist gar kein Teamplayer, sondern liebt es geradezu, dem Tod in die Augen zu blicken und durch seine gefährlichen Alleingänge das ganze Team in Gefahr zu bringen. Eldrige und Sanborn haben nur noch 40 Tage rumzubekommen und die sollen nun nicht unbedingt in einem Leichensack Richtung Heimat enden. Doch die Aufträge werden immer riskanter und gefährlicher, genau wie sich die Lage unter den Soldaten immer extremer anspannt…

Den ersten großen Pluspunkt kann „Tödliches Kommando“ daraus ziehen, das das Drehbuch von Mark Boal geschrieben wurde, einem Journalisten, der vor Ort war und die Umstände des EOD einfangen und verfassen konnte, ohne falsche Moral oder dergleichen. Zu Recht wurde das Drehbuch mit dem Oscar prämiert. Des Weiteren erweist es sich hier auch als klarer Vorteil, das Kameramann Barry Ackroyd den Film mit einer HD-Digicam gedreht hat, was hier nicht nur nervigen Überschlägen und extremen Wackeleien führt, sondern dazu, dass man sich als Zuschauer wirklich in die Lage versetzen kann und mittendrin, statt nur dabei ist. Die erdrückende Anspannung ist sofort fühlbar, genau wie die Atmosphäre, ob im Einsatz oder zwischen den Männern in der Kaserne, den Zuschauer umklammert. Nicht zuletzt wegen Marco Beltramis Score, der mehr als gekonnt eingesetzt wird.

Schauspielerisch kriegen wir hier auch so einiges geboten. In der Hauptrolle sehen wir Jeremy Renner als Staff Sergeant William James, für den sich Renner auch eine Oscar Nominierung einstecken konnte. Renner zeigt mal wieder was für ein hervorragender Schauspieler in ihm steckt und füllt den draufgängerischen Adrenalinjunkie, der in der normalen Welt allerdings nicht mehr zurecht kommt, mit viel Präzision aus und schafft es, jede Facette seines hochinteressanten Charakters grandios auszuspielen. Ebenfalls großartig sind Anthony Mackie als Sergeant JT Sanborn und Brian Geraghty als Specialist Owen Eldridge, die ihre ambivalenten Charaktere mit Kraft und Gefühl darstellen, jedoch nicht die Klasse und Präsenz von Jeremy Renner erreichen. Und dann wären da noch die Auftritte von Guy Pearce, Ralph Fiennes und David Morse, die im Vorfeld groß angekündigt wurden und auch das Poster zieren. In Wahrheit haben alle drei zusammen maximal 10 Minuten Leinwandzeit, wobei Guy Pearce zu Anfang des Films noch den stärksten Auftritt hat.

Von „Tödliches Kommando“ sollte man in erster Linie keinen Kriegsfilm im herkömmlichen Sinne erwarten, denn hier gibt es weder große Feuergefechte, noch irgendwelche Stellungnahmen des Kriegsgeschehens. Und das erweist sich schon als einer der großen Pluspunkte von Kathryn Bigelows Inszenierung, die sich auf keine Seite stellt, die moralischen Fragen dem Zuschauer überlässt und auch die politischen Meinungen umgeht. Der Zuschauer darf sich selbst ein Bild vom Geschehen machen und darf entscheiden, wie er zu dem Verhalten und den Handlungen steht. So nimmt „Tödliches Kommando“ dabei schon fast eine dokumentarische Form an, ohne aber zu trocken oder kühl zu wirken, ganz im Gegenteil. Wenn die Bombenexperten ihrer Arbeit nachgehen und das Leben an einem einzigen Draht hängt, dann hält man als Zuschauer wirklich die Luft an und kann die anspannende Intensität dieser Situation am ganzen Körper spüren. Bigelow vergisst es dazu auch nicht, auf die Psyche der Soldaten einzugehen, die tiefen Ängste zu offenbaren, genau wie die extreme Belastung, die seelische Isolation und die Süchte nach dem Kick und dem Adrenalinrausch. Wir werden Teil dieser Einheit, können jede Narbe der Soldaten, ob physisch oder psychisch, fühlen und müssen miterleben, wie Männer an ihrer Abhängigkeit zerbrechen und nie wieder ein normales Leben führen können. „Tödliches Kommando“ ist ein ehrliches, realistisches, hochspannendes und paralysierendes Kriegs-Drama, ohne jegliche Verlogenheit oder Patriotismus.

„Der Rausch des Kampfes wird oft zu einer mächtigen und tödlichen Sucht. Denn Krieg ist eine Droge.“
– Chris Hedges

Fazit: Man könnte „Tödliches Kommando“ vielleicht vorwerfen, dass der Film in seiner dokumentarischen Art immer wieder etwas an Tempo verliert, aber das wäre unsinnig, gerade weil Kathryn Bigelow keine krachende Kriegs-Action inszenieren wollte, sondern aufzeigen, unter was für einem Druck diese Männer im Irak arbeiten. „Tödliches Kommando“ wird zum tiefgehenden, emotionalen und äußerst packenden Kriegs-Drama, das sicher auch bei seinen Actionszenen überzeugt, diese aber nie in den Fokus stellt, sondern sich voll und ganz auf die Charaktere konzentriert. Ein kraftvoller und eindringlicher Film über die vernarbte Psyche der Soldaten, mit tollen Darstellern, einem fantastischen Drehbuch und ebenso intensiven Bildern.

Bewertung: 8/10 Sternen