Kritik: Tomboy (FR 2011)

„Du erzählst allen du wärst ein Junge? Warum machst du sowas?

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„Tomboy“ ist ein richtig guter Inhaltsangabenfilm, also ein Film, dessen Inhaltsangabe zum Sehen verführt. Ideal für die Berlinale, wo der Film im Panorama zusehen war. Da man als Festivalzuschauer, komplett ohne die Beeinflussung durch Werbung, seine Filmauswahl treffen muss, hat ein Film mit einer interessanten Inhaltsangabe im Prospekt die besten Zuschauerchancen, wenn nicht gerade namhafte Leute Regie führen oder Schauspielen.

Celine Sciamma ist jedenfalls kein reich beschriebenes Blatt, was ebenso auf das Ensemble zutrifft und auch ihr Film hat mehr zu bieten als nur eine gute Inhaltsangabe. In „Tomboy“ geht es um das französische Mädchen Laure, die in eine neue Nachbarschaft zieht und sich unter den anderen Nachbarskindern als Junge ausgibt. Sie gewinnt eine neue Freundin, die sich aber heillos in sie verliebt. Wie gesagt, wer will nicht bei so einem authentischen und unaufgeregten Handlungskonflikt ins Kino stürmen?

Sciamma erzählt ihren Film stilistisch fernab großer Vorbilder. Die Kamera ist stets nah an den Figuren und wagt es selten sich weiter als Halb-Total zu positionieren. Ohnehin sind die Kadragen so smooth, alles gleitet, vom Schnitt bis zur Farbpalette, nichts sticht ins Auge, will provozieren, keine Innovation, keine Risiken, aber auch keine Fehler, denn abgesehen von dem Hauch Fernsehfilmatmosphäre, die „Tomboy“ stets umgibt, macht Sciamma letztendlich alles richtig. Sie lenkt nicht ab von ihrer Geschichte, hält den Zuschauerblick fest im Griff.

Wenn man die Jungdarsteller beobachtet, dann wünscht man sich sowieso keine filmischen Finten und keine Knalleffekte, denn besonders die Darstellerin der Laure ist eine erstklassige Besetzung, die in vielen statischen Großaufnahmen nuancenreich aufspielt. Eine bewegte Kamera würde hier einer Zerstreuung gleichkommen. Die stilistische Klarheit des Films, sein puristischer Erzählwille, wird dann doch durch dramaturgische Schwächen getrübt.

Die Elternfiguren sind zwar sehr gut besetzt, aber leider viel zu kantenlos. Wer einmal perfekte Eltern in einem Film sehen möchte, sollte sich „Tomboy“ ansehen. Das ist umso gravierender, weil dadurch der ganze Konfilkt geschwächt wird. Denn wenn Laures Geheimnis aufgedeckt wird, braucht sie schon mal keine Angst vor den Konsequenzen ihrer Eltern zu haben. Die wollen doch nur knuddeln. Abgesehen davon, ist „Tomboy“s größte Schwäche eine grundsätzliche Konflikt-Armut, denn summa summarum speist sich Sciammas Drehbuch nur aus einer einzigen Idee, eben der Idee, die mich ins Kino trieb. Der Unterschied ist, sobald man im Kino sitzt, will man etwas sehen, was man noch nicht kennt. Da versagt „Tomboy“ komplett. Obwohl der Film seine 80 Minuten füllen kann, habe ich mich letztendlich doch gefragt, ob ein Kurzfilm hier nicht ausgereicht hätte.

Schlussendlich ist mir noch eine Sache aufgefallen, die mich sehr irritiert hat. Sciamma lässt den Zuschauer zu Beginn im Glauben Laure sei ein Junge. Den Moment der Aufklärung wählt sie allerdings ziemlich unbedacht. Laure badet, ihre Mutter ruft sie, sie steht auf, wir sehen, dass sie ein Mädchen ist, sie wirft sich ein Handtuch um. Was David Mamet einmal als ästhetische Distanz beschrieb, halte ich hier für missachtet. Warum muss man ein Kind nackt auf der großen Leinwand zeigen, wenn es tausend andere Wege gibt die Geschlechterfrage zu klären? Wie stand die Kinderdarstellerin selbst dazu? Was haben ihre wirklichen Eltern beigetragen? Was hat sich die Regisseurin dabei gedacht? Ein nacktes Kind im Bild irritiert immer, wirft den Zuschauer aus dem Film heraus und bringt ihn zum Husten. Das darf bei solch einem Film nicht passieren. Besonders, wenn man davor so viel richtig gemacht hat, angefangen bei der spannenden Inhaltsangabe.

Bewertung: 6/10 Sternen