Kritik: Tore tanzt (DE 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„Wenn ich nicht glauben könnte, dann hätte ich gar nichts.“

Ab dem 20. November wird die ehrwürdige MOMA in New York der „Neuen Berliner Schule“ ein Programm widmen. Die analytisch-ästhetisierten Werke dieser „Schule“ sind auf Festivals gern gesehene Gäste, schaffen es nur nicht diese Anerkennung auch im eigenen Land zu generieren. Woran das liegt und ob die Filme daran schuld sind, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden, wohl aber der internationale Eindruck das „deutsche“ (Arthouse-)Kino sei nur durch die Brille dieser sogenannten „Schule“ interessant. Die Antipoden zu Arslan, Schanelec und Co. finden sich nämlich nicht nur im Zentrum gut-bürgerlicher Spießer-Komödien eines Til Schweigers und auch nicht im US-Replikkino der Eichinger-Dynastie.

Dieses Jahr gewährte bereits Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ eine interessante Perspektive, genauso wie Matthias Glasner mit seinem Film „Gnade“. Und nun kommt „Tore tanzt“, das Langfilmdebüt von Katrin Gebbe, das sogar nach Cannes eingeladen und, wohlwollend formuliert, zwiespältig aufgenommen wurde. Nun ist Gebbes Film ohne Zweifel ein Film, der unterschiedlichste Reaktionen provozieren kann, nur lässt er sich ebenso wenig mit so schlichten Kategorien wie gut und schlecht erfassen. Ich würde so weit gehen und behaupten, wäre „Tore tanzt“ ein skandinavischer Film, das Festival-Publikum hätte bereits einstimmig applaudiert, aber vielleicht dürfen „deutsche“ Filme zurzeit nicht so aussehen. So bleibt wenigstens die Einladung nach Cannes als verdienter Ritterschlag.

 
Der junge Tore (Julius Feldmeier) ist ein Jesus-Freak, also ein Punk mit größtmöglicher Bindung zu Gott, der allen Menschen offen begegnet und an das Gute in ihnen glaubt. Manchmal überkommen ihn epileptische Anfälle, die er als Berührungen durch den heiligen Geist versteht. Durch Zufall lernt er Benno (Sascha Alexander Gersak) und seine Familie kennen, die ihn bei sich aufnehmen. Tore hilft im Haushalt und freundet sich mit der Tochter Sanny (Swantje Kohlhof) an. Das Idyll verwandelt sich allerdings zunehmend in eine Glaubensprüfung für Tore, der von Benno und seiner Partnerin zunehmend misshandelt wird. Benno will den Glauben des Jesus-Freaks brechen, während Tore bereitwillig die andere Wange hinhält.

Die Geschichte hätte ebenso aus der Feder Lars von Triers stammen können und erinnert oftmals an Triers Melodram „Breaking the Waves“ verquickt mit Motiven seines Meisterwerks „Dogville“. Wie auch der dänische Regisseur teilt Gebbe ihren Film in Kapitel und malt mit dickem dramaturgischen Pinsel, dafür aber mit kräftigen Farben. Die Kamera von Moritz Schultheiß ist schwebend und sinnlich mit ausgeklügelten Low-Key-Momenten. So wie Tores ist auch der Kamerablick ein offener; lose Bildkompositionen gepaart mit Subjektivierungen und ebenso schonungsloser Härte in der Darstellung. Ästhetisch schon deshalb interessant, da es dem Film hier gelingt sich von Triers Schatten zu lösen. Zwar mag Triers verfremdende Handkamera intellektuell spannender sein, aber Gebbes Inszenierung geht dafür eine weitaus mutigere Verbindung mit dem Genrefilm ein. So sehr wir Teil von Tores Passion werden, desto mehr rückt das Geschehen in das Feld des Horrorfilms, ohne dafür aber seine naturalistischen Wurzeln zu verlieren. Ganz so als würde man einen Horrorfilm sehen, der sich nicht bewusst ist einer zu sein.

Die reißbrettartige Erzählung diffundiert dank dieser Genremotive zunehmend und beschwört im Kern nur eine einzige Frage herauf: Wer ist stärker? Derjenige, der glaubt oder derjenige, der nicht glaubt? Eine einfach klingende Frage, doch selbst nach hundertzehn grauenvollen Minuten, bleibt die Ungewissheit. Selbst wenn Tores Passion mit einer Erlösung endet, wirkt sie im gesellschaftlichen Kontext eher verschwendet und es ist gerade dieser Dualismus, den Gebbe mit voller Wucht ihrem Publikum an den Kopf wirft. Welchen Wert messen wir dem Guten überhaupt noch bei? Spätestens da hat sich „Tore tanzt“ auch vom Christentum verabschiedet.

Tore ist reinen Glaubens und Benno verkörpert, besonders im System des Horrorfilms, das Urböse. Dank der Besetzung von Julius Feldmeier und Sascha Alexander Gersak behält diese Allegorie stets ihre Bodenhaftung. Die Liebäugelei zwischen Arthouse-Drama und Genrefilm verkürzt letztendlich die Distanz des einen und verwischt den Eskapismus des anderen. Übrig bleibt ein wütender, grübelnder Film mit hämmerndem Soundtrack und lauten Bildern; eben keine „Berliner Schule“, sondern der leibhaftige Tanz der Teufel.