"Total Recall" (USA 2012) Kritik – Was ist real? Colin Farrell im Erinnerungschaos

„If I’m not me, then who the hell am I?“

null

Im Jahr 2084, nach dem dritten Weltkrieg, ist die Erde, mit Ausnahme von der „Vereinigten Föderation von Großbritannien“ und der „Kolonie“ Australien, komplett verseucht und unbewohnbar. Durch die neueste Technik kann man aber in gerade mal 17 Minuten mit einem Transporter, der „The Fall“ genannt wird und am Erdkern vorbeiführt, von der einen Nation zur anderen reisen. Zwischen den beiden Nationen besteht aber keineswegs ein freundschaftliches Verhältnis, denn für die Föderation ist die Kolonie Abschaum. Aus diesem Abschaum stammt auch Douglas Quaid, und so fristet er Tag für Tag dasselbe Leben. Er ist Fabrikarbeiter, weswegen er jeden Tag in die Föderation reisen muss, seine Aufstiegschancen stehen dort aufgrund seiner Herkunft bei Null. Daher beschließt er eines Tages, seinem Leben etwas Abwechslung zu gönnen, indem er sich bei der Firma „Rekall“ einen Gedanken einpflanzen lässt. Er möchte für ein paar Stunden das Leben eines Spions fühlen. Bevor diese Aktion jedoch gestartet werden kann, befindet sich Quaid bereits mitten in einem anderen Leben, und dort muss er ums nackte Überleben kämpfen.

Positiv hervorzuheben ist vor allem Colin Farrell als Douglas Quaid. Er versucht gleich gar nicht einen auf Arnie zu machen, der in der 1990er-Verfilmung den Quaid gab, und irgendwelche Oneliner rauszuhauen. Auch hat er andere physische Qualitäten als das österreichische Muskelpaket, so ist der neue Quaid deutlich reaktionsschneller und wendiger als das testosterongeladene Original. Farrell kann man also keineswegs anlasten, dass aus dem Remake nichts geworden ist. Natürlich war davon auszugehen, dass von der großen Remakewelle irgendwann Paul Verhoevens „Total Recall“ betroffen sein würde, denn an die Vorlage „Erinnerungen en gros“, eine Kurzgeschichte von Philip K. Dick, hatte sich damals Verhoeven kaum gehalten. Das eröffnet einer Neuauflage viele Möglichkeiten, und daher ist es auch lobenswert, dass sich Len Wiseman von Verhoevens „Total Recall“-Vision zu distanzieren weiß.

Weniger positiv ist allerdings, dass Wisemans Version einer Mixtur aus „Star Wars“, „Das Bourne Ultimatum“ und „Minority Report“ gleicht, bei der er auch einige eigene Ideen an den Tag legt, die jedoch an einer Hand abzählbar sind. Schade ist dabei vor allem, dass der Film zwanghaft auf FSK 12 getrimmt wurde. Wenn sich Quaid beispielsweise ein in die Hand integriertes Handy rausschneidet, dann wäre das bei Verhoeven richtig schön eklig, aber cool und spannend gewesen. Bei Wiseman sind solche Szenen einfach nur öde. Was ebenfalls auf die Nerven geht, sind die verbalen Erklärungen von Dingen, die sich ganz offensichtlich auf dem Bildschirm abspielen (Nolan-Syndrom). Die Kiddies müssen ja schließlich auch verstehen, was sich dort auf der Leinwand abspielt.

Zeitweise vermag „Total Recall“ trotzdem zu überzeugen und kann neben Farrells Leistung mit einer düsteren und detailverliebten Optik punkten, und obwohl der offensichtlichen, externen Einflüsse, kann Wiseman inszenatorisch neue Akzente setzen. Dumm nur, dass das Drehbuch reine Behauptung bleibt und sich wenig bis gar nicht mit dem gesellschaftlichen Zwist zwischen den Nationen auseinandersetzt. So dient die soziale Lage nur als Ausgangspunkt für pausenlose Action. Nach Tiefgründigkeit und interessanten Figuren sucht man vergebens. Durchaus sorgen die vielen Wendungen für ein gelungenes Verwirrspiel, dank dem bis zum Bombastfinale nicht ersichtlich wird, was Wirklichkeit und was Vorstellung ist. Clever ist das aber keinesfalls, sondern nur effektiv genug, um den Zuschauer für volle zwei Stunden bei Laune zu halten.

Fazit: Die detailvernarrte Inszenierung, die optischen Spielereien und Colin Farrells glaubhafte Darstellung des in seiner eigenen Person verlorenen Quaid können letztendlich nicht verhindern, dass man „Total Recall“ am nächsten Tag schon wieder vergessen hat. Dazu ist der Film einfach zu eintönig gestaltet und zu oberflächlich. Denkt man jedoch an die blödsinnigen, saftlosen Blockbuster wie „Battleship“ zurück, gleicht die Neuverfilmung von Dicks Literaturklassiker „Erinnerungen en gros“ einer Offenbarung. Seltsam belangloses Filmchen, das Wiseman hier geschaffen hat, richtig schlecht ist aber sicherlich etwas anderes.