"Die Tragödie der Belladonna" (1973) Kritik

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Ein bewusstseinserweiterndes, jugendstilgeprägtes Zeichentrickkleinod, was mit surrealistischen Szenen und prächtig colorierten Standbildern neue Türen in komplett andere Welten aufwuchtet und zur cineastischen Tiefenpenetration des Hirns bestens geeignet ist. Ein sporadisch animiertes Kunstwerk, welches mit sexuellem Anmut gen Höhepunkt drängt.

Der Regisseur sowie dessen Produzent müssen sich wahrscheinlich ein wenig Tollkirsche (Atropa belladonna) einverleibt haben, bevor sie sich an der Konstruktion dieses Werkes versucht haben. Denn die Tollkirsche hat ihren Namen nicht von ungefähr, da ihr Verzehr Tollheit auslösende Faktoren in großem Stil herbeiführt.

Was der regissierende Eiichi Yamamoto da zusammen mit seinem kongenialen Partner Osamu Tezuka, welchem die Grundideen zu diesem Meisterstück zuzuordnen sind, abliefert, entspricht einer Ansammlung von psychedelisch anmutenden Gemälden.

Von der ersten Minute an pocht Yamamoto auf die unterhaltsame Beweglichkeit der einzelnen Bildmeisterwerke, so dass eine berauschende Komposition zu ihrer Entfaltung gebracht wird, die ich in dieser Form vergebens suchte („Mind Game“ ist aber vorgemerkt).

Für die geschichtlichen Rahmenbedingungen bedient sich Yamamoto aus vielerlei Töpfen. Zum einen erinnert die Figur der Jeanne an die „Jungfrau von Orlèans“ und zum anderen lassen die Grundgerüste der Story ein gewisses Gleichnis zu Jules Michelets Buch „Die Hexe“ erahnen.

Die Erzählung ist in Europa des späten Mittelalters einzuordnen und befasst sich mit dem glücksverliebten Paar mit dem ach so treffenden Namen Jeanne und Jean. Es ist Liebe mit Bestimmung, sie beschließen vor Gott den Bund der Ehe einzugehen und der Fürst erhebt samt Hofstaat Anspruch auf die erste Nacht mit der noch junfernhäutchenbehafteten Jeanne. Diese sexuellen Torturen erwecken bei ihr das Gefühl der Ohnmacht und der Verletzlichkeit, auch Jean scheint an dieser ordungsgerechten Vergewaltigung seiner neuen, entjungferten Gemahlin seelisch zu zerschellen. Jeanne wünscht sich so sehr, etwas gegen diese seelische Mattheit tun zu können und ihr erscheint ein kleines süßes Glied, welcher sich im späteren Verlauf als Satan entpuppen sollte. Er bringt Jeanne wieder zum Lachen und stößt sie zu unermesslich erregenden Höhepunkten und wir dürfen dem Bewusstseinshöhepunkt visuell wie tonal beiwohnen. Der Teufel fordert von Jeanne die bedingungslose Annexion ihres Leibes und ihrer Seele.

Dieser Werk, was wohl an einen LSD-Trip erinnern soll, entlarvt sich als bunter Farbtopf, den man mit brachialer Inszenierungsgewalt um die Ohren geschlagen bekommt, bis man besinnungslos zu Boden wankt und sich diesem künstlerischen Erguss mit Haut und Haar hingibt.

Den berauschenden Score lieferte kein geringerer als die japanische Jazz- und Japrock Legende Masahiko Satō. Gerade bei so einem Flm, der fast ausschließlich für das Szenenbild und von der musikalischen Untermalung steht, ist Satōs Beitrag von unermesslichem Wert. Er schafft mit diesem krautrockverwanten Soundstil eine apokalyptisch-rockige Stimmung, die mich vom ersten Moment an in ihren Bann zog.

Fazit: Ich empfehle dieses Meisterwerk jedem Liebhaber des Anime-Genres, sowie den psychedelischen Filmausflüglern uneingeschränkt.

Bewertung: 8/10 Sternen

Autor: JimiHendrix (Moviepilot-User)