Kritik: Trance – Gefährliche Erinnerung (GB 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„The choice is yours. Do you want to remember or do you want to forget?“

Der Drehbuchautor, Filmregisseur und Filmkritiker Paul Schrader teilt die Stilrichtung des Film Noirs in drei Phasen ein. Die „wartime period“ (1941-46), in der überwiegend einsame Privatdetektive ihr Dasein fristen. Danach folgte die „post-war realistic period“ (1945-49), die den Charakter des Großstadtmolochs in den Mittelpunkt rückte und sich den alltäglichen Verbrechen auf den Straßen widmete. Die letzte und zugleich spannendste Phase war dennoch die „period of psychotic action and suicidal impulse“ (1949-53), in der sich allmählich die Figuren auflösen und meistens sogar Mörder und Psychopathen die Hauptrollen sind. Seit dem Ende des klassischen Film Noirs haben sich seine Motive und Reflexionen hartnäckig im Kino gehalten. Sie haben Filme wie „Blade Runner“, „Chinatown“ und „L.A. Confidential“ hervorgebracht und der Begriff des Neo-Noirs gehört heute zum guten Filmvokabular. Ist der Film-Noir also tot? Definitiv, denn was wir heute sehen ist allenfalls ein postmoderner Widerhall und dennoch kann ein Neo-Noir mehr sein als bloße Pose oder Hommage, nämlich wenn er sich seiner kulturellen Geschichte bewusst wird. Danny Boyle, dessen letzte Filme den süßlichen Geruch der Award-Seasons leider nicht abstreifen konnten, hat nun solch einen Film gemacht. „Trance“ ist ein „Meta-Noir of psychotic action and suicidal impulse“.

Simon (James McAvoy) arbeitet als Auktionator von wertvollen Kunstwerken. Eines Tages hilft er einer Diebesbande ein Goya-Gemälde zu stehlen, wird dabei aber am Kopf verletzt und kann sich darauf nicht mehr daran erinnern, wo er das Gemälde versteckt hat. Die Gang, angeführt von Franck (Vincent Cassel) ist darüber natürlich nicht begeistert und schickt Simon zur Hypnotiseurin Elizabeth (Rosario Dawson), die Simons verschollene Erinnerung wieder frei legen soll. Als sie immer tiefer in sein ohnehin schon kaputtes Unterbewusstsein vordringt, vermischen sich für Simon die Grenzen zwischen Realität und Illusion.

„Trance“ ist ein vollkommenes Kunst-Produkt, was Danny Boyles Fähigkeiten mehr entspricht als so ein seltsamer Reality-Hybrid wie „127 Hours“. Jedes Detail, jede Kameraeinstellung verweist auf seine Schöpfung. Kein Kostüm und keine Requisite sieht so aus als wäre sie zufällig in den Film geraten; eine klare Absage an den Alltagsrealismus, dessen Kinobilder sich stets einer dokumentarischen Beliebigkeit hingeben. „Trance“ ist im Wagnerischen Sinne komplett durchkomponiert und bis in James McAvoys Fingernägel symbolistisch aufgeladen. Boyles Inszenierung sucht das künstlerische Ideal. Kein Bild, keine Szene darf vergeblich sein. Alles hat sich einer schöpferischen Logik zu unterwerfen, so wie in den lückenlosen Meisterwerken Alfred Hitchcocks.

Das Verhältnis von Schöpfung und Realität wird auch inhaltlich offen ausgetragen und ohne zu viel zu verraten, geht es in „Trance“ um die schlichte und seit „Inception“ zu Tode gerittene Frage: Was ist real? Das Drehbuch von John Hodge und Joe Ahearne durchleuchtet dieses Motiv aber in einem kunsthistorischen Kontext. Inwieweit haben sich die Abbilder der Realität verändert? Wo beginnt die Illusion? Simon arbeitet nicht nur mit Gemälden. Er versteht sie auch. Der Durchbruch der vierten Wand kommt gleich am Anfang. James McAvoy spricht in die Kamera und erzählt dem Publikum von berühmten Gemälden, die gestohlen wurden. Eines von ihnen ist ein Rembrandt, in dem sich der Künstler selbst hinein gemalt hat. Direkt in der Bildmitte sitzt er und starrt uns an, so wie Simon uns ansieht und dennoch ist er weitestgehend unsichtbar. Dieses Paradox macht sich „Trance“ strukturell zu eigen. Den ganzen Film über wird es darum gehen, was man sieht und was man nicht sieht. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Ist Simon der Betrachter oder der Teil eines Kunstwerks?

Ästhetisch arbeitet Boyles Hauskameramann Anthony Dod Mantle mit allen Techniken des digitalen Kinos. Die Bilder täuschen von Minute eins an. Die überwiegend verspielten Kadragen mit ihren klinischen Texturen versuchen den wahren Schmutz zu verstecken. Boyles, am Kino Nicolas Roegs geschulte Bildsprache, verweigert sich dem rein Künstlichen dennoch zunehmend. Besonders die Begrenzungen der Leinwand rücken in den Vordergrund; der Rahmen als Grenze zur Welt.

Malerei, Fotografie und Film sind durch Bildseitenverhältnisse, Formate und Bilderrahmen förmlich beschränkt. An der Wand montiert, ähneln sie einem Fenster durch das man hindurch schauen kann. Wieder wird die Dialektik der Realität und seines Abbilds deutlich thematisiert. Wenn Simon das zu stehlende Gemälde zu Beginn mit einem Messer aus seinem Rahmen befreit, scheint das Dilemma unausweichlich. Es geht verloren und mit dem Schlag auf Simons Kopf verliert auch seine (erschaffene) Welt ihren Rahmen. Simons Identität löst sich auf. Das Vor- und das Abbild vermischen sich. Der Bilderrahmen, die Leinwand im Kino, diese harten Grenzen trennen beide Welten voneinander. Fehlen sie, kann nicht mehr unterschieden werden.

Das Motiv des Rahmens nutzt „Trance“ als Bindeglied seiner kulturgeschichtlichen Aufarbeitung. Es zieht sich vom Rembrandt-Gemälde, mit dem der Film beginnt, bis zum iPad am Schluss. Alles ist durch einen Rahmen verbunden. Sie alle produzieren Abbilder und dennoch eröffnet der Film eine medienkritische Lesart. Unsere Smartphones und Tablets sind zwar durch ihre Rahmen von uns getrennt, aber sie sind anders als ein Gemälde oder das Kino völlig wandelbar. Sie können mühelos Abbilder produzieren und reproduzieren. Und was noch viel entscheidender ist, die Interaktion zwischen Subjekt und Objekt negiert den Rahmen letztendlich komplett. Die Abbilder mögen zwar an den Seiten begrenzt sein, aber der Bildkader an sich hat sich durch die Touch-Funktion in den realen Raum verlagert. „Trance“ erzählt diesen Wandel ebenso und zeigt das iPad als einzige Konstante im Strudel von Simons Identitätswirrwarr. Die kritischen Untertöne werden endgültig hörbar, wenn Simon während einer Computertomografie immer wieder das Bild der Hypnotiseurin Elizabeth anklickt, obwohl ihm dann (eingebildete) Stromschläge verpasst werden.

Das Abbild in all seinen Ausformungen verknüpft „Trance“ mit einem aufregenden Thriller-Konstrukt, das sich im Zuge des zunehmenden Wahnsinns der Hauptfigur stetig auflöst. An künstlerischer Kohärenz ist Boyle letztendlich nicht gelegen. Viel eher spürt man die Lust und Laune des ganzen Teams am filmischen Fabulieren des waghalsigen Plots, der durch seine motivische Dichte aus Noirismen und anderen kulturhistorischen Elementen ein unfassbares Eigenleben entwickelt. Wenn Simon, als Verweis auf Goyas nackte Maya, Elizabeth anhand ihres rasierten Intimbereichs (wieder)erkennt, dann weiß auch das geübte Feuilleton nicht mehr, ob es lachen oder applaudieren soll. Wahrscheinlich beides, denn auf die bierernste und durchdeklinierte Seriousness eines „Inception“ hat „Trance“ überhaupt keinen Bock.

Das heißt aber nicht, dass Boyles Film ein lauwarmes Vergnügen ist. Wie schon gezeigt, bietet „Trance“ einen veritablen Nährboden für großzügige Analysen. Auch das gehört ja zum Kunstbetrieb und zur Abbildungsphilosophie dazu. Franck und seine Gang sehen im gestohlenen Goya-Gemälde nur eine Menge Geld. Für Elizabeth bedeutet das Bild weit mehr als nur fünf Millionen Pfund – Kunst als Ware, Film als Ware. Den Schlusspunkt seines Vexierspiels der Abbilder und Täuschungen erreicht „Trance“ durch die mutige und völlige Dekonstruktion seiner Hauptfigur. Simon ist, wie schon anfangs gedacht, nicht das, was er zu sein glaubt und Boyles erzählerischer Fokus verlagert sich zunehmend weg von Simon als „gesunde“ Sympathiefigur.

Unsere Erinnerungen sind ja auch nichts anderes als Abbilder der Wirklichkeit. Sie trügen. Die Triebfeder des Wahnsinns ist die Gewissheit, dass unsere Erinnerungen uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, sind wir es auch. Es fehlt der Rahmen. Ganz ohne Touch-Funktion vermengen sich Realität und Abbild und wir werden zu dem Rembrandt im Gemälde, allerdings ohne zu wissen, dass wir es sind. Simons Identität muss sich unweigerlich in völligem Wahnsinn auflösen, ganz wie die Helden in den späten von Paul Schrader klassifizierten Film Noirs. Nur hier gibt es keine kriegsgebeutelte Welt als Vorlage. Als Neo-Noir erliegt „Trance“ der Gewissheit seiner Nicht-Wirklichkeit. Mit oder ohne Rahmen, die Abbilder durchdringen uns tagtäglich, verändern und erschaffen uns neu. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Die Antwort gibt es vielleicht beim Klick auf die nächste App.