"Transformers 4: Ära des Untergangs" (US 2014) Kritik – Ära des Unverstands

Autor: Jan Görner

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In einer Folge der Ausnahme-Sitcom „30 Rock“ läuft Protagonistin Liz Lemon (Tina Fey) in einer Alptraumvision durch die Straßen New Yorks. In der Angst als Comedy-Autorin einer aussterbenden Spezies anzugehören, stößt sie auf ein Plakat: „Transformers 5: Planet of Earth“ steht da drauf. Und drunter: „Written by no one“. Fast möchte man den Autoren dieses Gags für ihr prophetisches Gespür (drei Monate vor Start des dritten Teils) Beifall spenden. Denn tatsächlich scheinen sich Regisseur Michael Bay („Pain & Gain“) und (Noch?-) Autor Ehren Kruger („Transformers 3“) darauf verständigt zu haben, dass das Erfolgsgeheimnis von der „Transformers“-Reihe nur auf eine Weise verfeinert werden kann: Die Menschlichkeit muss weg! Schrieb ich im Mai dieses Jahres noch, Gareth Edwards Katastrophenkracher „Godzilla“ wirke wegen seiner Bezugslosigkeit zwischen Mensch und Monster wie ein „Bandenkrieg auf dem Ameisenhaufen“, so muss „Transformers: Ära des Untergangs“ wirken wie ein Atomschlag im Vakuum: Knallig, grell, gewaltig – aber niemand Lebendiges, der es bezeugen könnte. So menschenleer war Kino noch nie.

An dieser Stelle würde ich normalerweise eine Inhaltsangabe geben. Wer auch immer einen „Transformers“-Streifen wegen des packenden Plots schaut, ich will mit dieser Tradition nicht brechen. Einige Zeit nach den Ereignissen von „Transformers 3“ sind die Autobots auf der Flucht. Das US-Militär ist auf seine außerirdischen Verbündeten nicht mehr angewiesen seit ein exzentrischer Milliardär (Stanley Tucci) es in die Lage versetzt hat seine eigenen Kampfroboter zu bauen. Möglich wurde dies durch das Element Transformium (wirklich, „Transformium“!), aus dem auch (wer hätte das gedacht?) die Transformers bestehen und das irgendwie auch für das Aussterben der Saurier verantwortlich ist, weil es bei Berührung lebende Materie in Metall verwandelt oder sowas in der Art. Jedenfalls ist dann da noch der außerirdische Robo-Kopfgeldjäger Lockdown, der im Auftrag der Transformers-Schöpfer das Gefäß, mit dem das Transformium auf die Erde kam, den sogenannten Samen, ausfindig machen soll. Denn der Samen könnte das Leben auf der Erde vernichten und eine Ära der Transformers einleiten. Das müssen Cade und seine Tochter Tessa (Nicola Peltz) samt unliebsamen Boyfriend (Jack Reynor) natürlich verhindern. Ach ja, Megatron ist auch wieder mit von der Partie, weil Stanley Tucci ihn geklont hat ohne es zu wissen. Alles, was man wissen muss, ist, dass er nun Galvatron heißt und auch Sachen macht.

Mit gänzlich neuem Menschenmaterial ausgestattet gibt sich „Transformers 4“ gerne den Anstrich eines Reboots. Denn wenn es ein Problem an den vorherigen Ausgaben des Franchises gab, dann mit Sicherheit das atmende Personal. Mit Mark Wahlberg übernimmt ein Schauspieler die Protagonistenrolle, der unter richtiger Anleitung durchaus funktionieren kann. (Zu dumm, dass mit Michael Bay ein Regisseur am Steuer ist, der Schauspieler hasst.) Doch Wahlberg hat nichts, mit dem er arbeiten könnte. Das beginnt schon beim Figurennamen: Cade Yeager, könnte auf Luftfahrtpionier Chuck Yeager verweisen. Vermutlich hat Autor Kruger aber einfach nur „Pacific Rim“ geschaut und fand das Wort cool. Denn ich habe selten einen Charakter gesehen, der so einzigartig verpatzt ist wie Cade Yeager. Er wird uns als Erfinder und Robotik-Experte verkauft, zu dumm nur, dass ihn eine ausgeprägte Fortschrittsfeindlichkeit ausmacht. So lebt er fernab der Zivilisation auf einer Farm, nur um zu zeigen, was für ein Jedermann dieser Pfundskerl doch ist. Gleich zu Beginn des Films, als Cade Optimus Prime in einem alten Filmtheater entdeckt, will sich Michael Bay dann allen Ernstes sogar als Bewahrer der Filmkultur gerieren, offenbar ohne zu begreifen, was er dem Kino mit jedem Meter Zelluloid (wenn es mal Zelluloid wäre) antut.

Die anderen Menschen sind kaum der Rede wert. Der talentierte Jack Reynor („Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft“) ist in seiner Rolle als, ja was eigentlich – draufgängerischer Autofahrer?, völlig verschenkt. Schon seine Einführung misslingt, als er während der ersten Actionsequenz aus dem Nichts erscheint, um Cade und seine Tochter zu retten. Als Charakterisierung muss reichen, dass der 20-jährige Testosterontank es auf Mark Wahlbergs Tochter abgesehen hat. Dieser Konflikt wird dermaßen überreizt, dass es eine Szene in diesem Film gibt, in der sich zwei erwachsene Männer ungelogen darum streiten, wer eine junge Frau besitzt. Besitzt! Dementsprechend funktioniert auch Nicola Peltz‘ Rolle in „Ära des Untergangs“. Sie ist da, damit Wahlberg frustriert in Slow-Mo auf den Boden schlagen kann, als sie entführt wird und um ungelenke Dialoge über Dinge zu führen, die beide Charaktere wissen sollten, das Publikum aber erfahren muss. Weißt du noch, Kind? Deine tote Mutter? Nun, da wir etabliert haben, dass ich ein aufopferungsvoller Single-Dad bin, lass uns nie wieder von ihr sprechen. Es ist so lächerlich! Ansonsten sagt uns Bay am Ende mit einem schmierigen Grinsen, dass es durchaus okay ist, 17-jährigen Mädchen nachzueifern. Ehrlich! Es gibt da ein Gesetz. Die Darstellung dieser Figur ist ein so widerlicher wie reaktionärer Rundumschlag, dass man „Ära des Untergangs“ allein dafür meiden müsste.

Auch sonst scheint Bay die Gelegenheit zu nutzen, die in „Transformers 3“ vernachlässigten stereotypen Figuren und seine generelle gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wieder ein bisschen zu pflegen. Da wäre die kiebige schwarze Vermieterin, die die Frechheit besitzt ihren säumigen Mieter zu ermahnen. In Bays Gedankenwelt gehört auf solche Leute geschossen. Haha, wie ulkig! Auf Seiten der Roboter liefert der sonst geschmackssichere John Goodman („Inside Llewyn Davis“) als zigarrenrauchender Redneck-Transformer eine der peinlichsten Leistungen seiner Karriere ab. Ken Watanabe („Godzilla“) muss den Alien-Samurai-Robo mimen, der – stilecht mit wallendem Metallmantel – fernöstliche Kalendersprüche unters Volk bringt. Überhaupt ist Asien als wichtiger Markt auch in dieser Hollywood-Großproduktion mal wieder übervertreten. So findet einer der großen Showdowns (der Film hat etwa drei) in Hongkong statt. Natürlich stilecht mit putzigen Chinamännern, die putzig sind, weil sie kein Englisch können.

Ich gebe zu, 2007 war „Transformers“ für mich technisch perfektes Überwältigungskino Spielberg’scher Prägung. Sowas hatte ich in der Tat noch nicht gesehen. 2014 ist der vierte Teil der Reihe mit das Dümmste und Langweiligste, das ich je erleben musste. Viel verspricht „Ära des Untergangs“: Einen Einblick in die Entstehung der Transformers, ein neues Kapitel im Kampf Gut gegen Böse und nicht zuletzt die bei den Fans beliebten Dinobots. Doch tatsächlich nehmen diese im Gesamtgefüge nur eine minimale Rolle im dritten Unter-Finale dieser endlosen Action-Tirade ein. Die Struktur des Drehbuchs ist ein heilloses Durcheinander, das ohnehin schon immer übertriebene Charakter-Design ist ein Witz (Transformers-Samurairock!) und die Figuren sind eine Beleidigung. Wenn es etwas Positives über „Transformers: Ära des Untergangs“ zu sagen gibt, dann dass Kelsey Grammer („X-Men – Der letzte Widerstand“) und allen voran Stanley Tucci („Die Tribute von Panem“) ihre Arbeit anständig machen, auch Tom Lennon (Autor „Nachts im Museum“) als Stabschef des Weißen Hauses ist mit für ein paar Lacher gut. Aber das alles kann „Transformers: Ära des Untergangs“ nicht retten. Dieser Film ist ein Totalausfall.