"Die Tribute von Panem – The Hunger Games" (USA 2012) Kritik – 24 Kandidaten, nur einer wird überleben

“They just want a good show, that’s all they want.” – “There’s 24 of us Gale, only one comes out.”

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„Die Tribute von Panem – Schnulzenspiele“ würde sicherlich besser als Titel für den neuesten Hype aus den Vereinigten Staaten passen. Eine futuristische Gesellschaft, in welcher 24 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren in einem Gladiatorenkampf als Strafe für die Revolutionsversuche der 12 Distrikte von Panem antreten und bis zum Tod kämpfen müssen. Jeder Distrikt muss dafür ein Mädchen und einen Jungen als Tribute stellen. Dabei tritt Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) für den allseits unbeliebten Distrikt 12 an. Diese Geschichte hätte durchaus eine durchdachte, sozialkritische Ohrfeige für Talentshows aller Art, welche Jugendliche und ihre Privatphäre bis auf das letzte Detail ausbeuten, werden können. Stattdessen verliert man sich während der knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit in unbedeutenden Turteleien und Massenunterhaltung.

Regisseur Gary Ross leistet Starkes, zumindest in der ersten halben Stunde. Im Sekundentakt wechseln sich Emotionen, Düsternis und wunderschöne Aufnahmen ab. Sobald es jedoch zur eigentlichen Action, der Vorstellung der 24 Jugendlichen und zur anschließenden tödlichen Auseinandersetzung dieser kommt, verlor er wohl seine Willenskraft oder das Geld lockte ihn mehr als die Kunst, seine Zuschauer zu fordern. Inwiefern der Film immer mehr vom ernstzunehmenden Blockbuster zur billigen Unterhaltungsware abdriftet, hat sich vor allem am Verhalten des Kinopublikums gezeigt. Es wurde geklatscht und die Hungerspiele wurden angefeuert anstatt für schockierte Gemüter und nachdenkliche Gesichter zu sorgen. Da fragt man sich dann ehrlich, wo der erzählerische Anspruch verloren gegangen ist. Spätestens, wenn das Publikum beim Abschlachten von Jugendlichen zu klatschen anfängt und mit der Protagonistin mitfiebert, ist nämlich klar, dass der Film in Punkto psychologischer Tiefe nichts zu bieten hat. Die anderen Kandidaten sind egal, sie werden nicht einmal vorgestellt, abgesehen von zwei bis drei, welche allerdings auch nur als weitere Identifikationsfiguren dienen, um den Zuschauer emotional zu berühren. Sehr fragwürdig! Katniss ist der Anziehungspunkt, die Figur ohne Makel, die Heldin, daher fiebert das Publikum mit ihr. Das ist so einseitig, dass es weh tut. Die Antagonisten sind zudem aalglatte Abziehbilder und die Story ist streng kalkuliert, unkreativ und versucht alles zu verharmlosen. Dabei hätte es doch wirklich interessant werden können. Die vielen Ansätze machten Hoffnung, Hoffnung auf komplexe Konstellationen zwischen den Kämpfern, Hoffnung auf intelligente Unterhaltung. Viel mehr darf man dann von den anderen Figuren auch nicht sehen und, wenn manche das Zeitliche segnen, tun sie das von einem Moment auf den anderen, so, wie es das Drehbuch gerade eben braucht.

Auch in der Erzählung selbst zeigen sich viele Makel. Für Nicht-Kenner der Bücher dürften einige eingeworfene Handlungsfäden unverständlich bleiben. Viele zwischenmenschliche Beziehungen wurden ganz weggelassen. Da hätte man lieber nur die Grundidee übernommen und aus Suzanne Collins Vorlage eine ganz eigene Geschichte spinnen sollen. Dann hätte man auch die absolut nervige Liebesgeschichte (musste das schon wieder sein) herausstreichen können. Die Altersfreigabe PG13 hat sicherlich auch nicht positiv zum Resultat beigetragen, denn alle Szenen, denen mehr Doppelbödigkeit und Kritik nicht geschadet hätten, wurden lieber altersgemäß abgedreht. Es ist eben ein Teenie-Film. Gewalt zum Nachdenken, vielseitige und unvorhersehbare Figurenkonstellationen, mehr ausgearbeitete Figuren, komplexere und brutalere Wendungen, das wäre alles too much gewesen.

Fazit: Darf man anfangs noch eine Dystopie und ein gesellschaftskritisches Spektakel erwarten, so wird man recht bald überrumpelt, inwieweit das Ganze vielmehr in eine Kitschopie abdriftet. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Gary Ross hätte lieber etwas wagen sollen, in Form einer aussagekräftigeren Bildsprache, welche nicht für die Allgemeinheit zurechtgeschnitten ist. Das Design, der Score und vor allem die grandiose Jennifer Lawrence reißen jedoch noch einiges raus und lassen die Zeit im Nu vergehen. Was wir daraus lernen können? „Kleider machen Leute!“