"True Detective" 1. Staffel (USA 2014) Kritik – Die Antithese des Buddy-Movies

Autor: Pascal Reis

null

„I don’t sleep, I just dream.“

Menschliche Silhouetten legen sich über den Bildschirm, gespickt, umklammert und gleichzeitig entrückt und verfremdet von Landschaftsfragmenten, maroden Gebäudekulissen, ornamentierten Gegenständen. Alles verschmilzt inmitten motivischer Symbolik, wird eins, um mit dem nächsten Wimpernschlag schon wieder voneinander getrennt zu werden, sich abzustoßen, Grenzen innerhalb dieser Kadrage aufzuweisen, während The Handsome Family mit „Far from Any Road“ das Geschehen musikalisch so passend wie abwegig begleitet. Diese Sequenz, das Opening von „True Detective, lässt Großes erahnen, es nimmt den Zuschauer gefangen, öffnet ihm die Pforten in eine neue Welt. Diese neunzig Sekunden sind in ihrer symbiotischen Stilistik für die Ewigkeit; einprägsam, überwältigend, atemberaubend, jede Sekunde ein Kunstwerk für sich, an dem sich die Augen immer wieder krampfhaft festzusaugen versuchen, um all die bleiche Schönheit absorbieren und für das Gedächtnis konservierbar machen zu können. Doch was verbirgt sich in dieser Welt, in die wir so rücksichtslos gezogen werden?

Man kommt kaum drumherum, in die allgemeinen Jubelchöre, wie sie die HBO-Serie „True Detective“ von Cary Fukunaga und Nic Pizzolatto anhaltend auslösen, einzustimmen. Ja, hier wurde sicher Geschichte geschrieben, nicht nur durch seinen von einschneidenden Impressionen gesäumten Auftakt, sondern vielmehr durch seine Form des seriellen Erzählens, die dem Serienmarkt einen enormen Schub verpasst hat und die Qualitäten des Kinos (wie schon „The Wire“) aus dem narrativen Standpunkt betrachtet, offenkundig infrage zu stellen weiß. Und dennoch: Trotz seiner unübersehbaren Kompetenzen auf künstlerischer Ebene, muss sich „True Detective“ zweifelsohne einige Abstriche in der B-Note gefallen lassen, denn von der in letzter Zeit so lächerlich vehement propagierten ‚Perfektion‘ ist man doch noch einen guten Schritt weit entfernt. Aber erst einmal zurück auf Anfang, bevor gemeckert werden darf. „True Detective“ zieht uns in ein Louisiana, das durchweg wie aus der Zeit gefallen scheint; ein Ambiente, das seine scharfen Krallen um den Zuschauer legt, aber niemals eindeutig zu verorten ist: Dieses Louisiana ist eine Illusion.

Die Illusion einer verdorbenen Welt, dessen Anmut und Grazie, Wärme und Zuneigung schon lange abgeblättert ist und sich in einer ewig währenden, einer von triebhafter Maßlosigkeit geprägten Finsternis verloren hat. Rust Cohle (Matthew McConaughey, „Dallas Buyers Club“), einer der beiden Hauptakteure von „True Detective“, ist Produkt und damit auch Opfer dieser Welt. Der Zuschauer lernt ihn als eine Mischung aus Realist, Nihilist und Pessimist kennen, der mit seinen provokanten wie philosophischen Thesen über die Menschheit und das Universum in misanthropischen Haltung abschreckt, wie er in seiner bleiernen Eloquenz auch zu faszinieren weiß. Rust Cohle ist ein gebrochener, von Schicksalsschlägen innerlich verwüsteter Mann, dessen irdische Ordnung nach dem Unfalltod seiner Tochter vollkommen aus den Fugen geraten ist. Trost sucht er im Alkohol, wühlt sich obsessiv in Arbeit und erstarrt in seiner kargen und ohne jedes Mobiliar ausgestatteten Wohnung. An seiner Seite steht Marty Hart (Woody Harrelson, „Die Tribute von Panem: Catching Fire“) als konservativer, christlicher Familienvater, der sich viel zu gerne im Schoß anderer Damen vergnügt und dem chronischen Drang zum Selbstbetrug ausgeliefert scheint.

Mit dieser reziprok voneinander verkehrenden Charakter-Konstellation, der verlorene Alkoholiker, der seine seelische Zerrissenheit nicht mehr verbergen kann und dem Vater von zwei Töchtern, der irgendwie versucht, die Fassade einer Bilderbuchehe aufrecht zu halten, formuliert „True Detective“ eine Antithese auf das gesamte Buddy-Segment im Kosmos von Film und Fernsehen: Marty und Rust gehen gemeinsam durch Abgründe, sie erleben die Hölle auf Erden, doch sie wachsen nicht zusammen, sondern bleiben auf Abstand. Sie bilden maximal eine Zweckgemeinschaft, die einen rituell-motivierten Mordfall an einer Prostituierten auflösen soll. Der Fall selber aber rückt ebenso schnell in den Hintergrund, beschäftigt sich „True Detective“ doch viel mehr mit seinen beiden Hauptdarstellern und definiert sich schnell als packende Psychographie, deren Leitfaden der moralischen Schuld gehört. Dass das Frauenbild (darunter auch Michelle Monaghan) in „True Detective“ derart negativ ausfällt, lässt sich als eines der Mankos der Serie festhalten, sind die Damen hier entweder zum Fremdgehen geeignet, arbeiten als Nutten im Trailerpark oder vögeln sich selber aus ihren auferlegten Problemen frei. Sie besitzen einen rein funktionalen Charakter, dessen emotionale Fallhöhe durchaus mehr hätte bieten können.

Wer allerdings ein adrenalingeladenes Format mit brisantem Spannungsbögen und fiesen Cliffhangern erwartet, den bremst „True Detective“ in seiner ganzen Elegie aus. „True Detective“ nämlich ist viel mehr Meditation denn Entertainment, weiß aber durch seine Dynamik zwischen Rust und Marty zu fesseln, selbst in den Momenten (und davon gibt es verdammt viele), in denen nichts passiert. Geschickt werden Klimaxen positioniert, die es in ihrer Intensität dann auch wirklich in sich haben – die Szene in den Gemäuern von Carcosa drückt in ihrer atmosphärischen Ausarbeitung so dermaßen tief in den Sessel, wie die sechsminütige Steady-Cam-Fahrt, die eine Wohnhaussiedlung zum Schlachtfeld erklärt. Gleichwohl versteht sich „True Detective“ als authentische Milieu-Schilderung, die kahle Landstriche, ewige Sümpfe und abgelegene Bauernhöfe samt Bewohner als treffsicheres Porträt tief in das matte Americana-Herz blickt. Auf mehrere Perioden verteilt und durch Perspektivwechseln und Vor- und Rückblenden dargeboten, wird „True Detective“ auch eine (Meta-)Reflexion über das Erzählen selbst, die mehr verschlüsselt, als sie entwirren kann. Ist ein Rätsel gelüftet, öffnet sich schon wieder ein neues.

Die chiffrierte Methodik weiß zu gefallen, gleitet zusammen mit dem Zuschauern über gesichtslose Straßen, dekonstruiert kulturelle Wertevorstellungen und findet nach literarischen, paranormalen, surrealistischen und existenzialistischen Referenzen schließlich sein jähes Ende. Die Auslösung enttäuscht, scheint wie aus dem Katalog für klischeeisierte Ungeheuer auf zwei Beinen entsprungen und gibt sich dann im letzten Augenblick noch einem Dialog hin, der sich als schlichtweg unnötig gestaltet und die gesamte Tonalität der Serie beinahe konterkariert. Am besten gefällt „True Detective“ dann, wenn er Rust und Marty mit ihren eigenen Dämonen ringen lässt, wenn er auf sie eingeht und ihnen Raum zur freien Entfaltung gewährt. Natürlich funktioniert das nur so blendend, weil „True Detective“ mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson zwei Darsteller im Repertoire hat, die zur Höchstform anlaufen und schauspielerisch wirklich alles niederwalzen. Ihnen gebührt nicht zuletzt der Dank dafür, dass „True Detective“ eine sehr gute Serie geworden ist.