"Die Truman Show" (USA 1998) Kritik – Big Brother is watching you

„Wir akzeptieren die Realität der Welt die uns dargeboten wird. So einfach ist das.“

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„Big Brother“ dürfte inzwischen jedem bekannt sein. Alljährlich läuft sich die Sendung auf der ganzen Welt, in Deutschland RLT II, im Vorabendprogramm zu Tode und regt eine Hälfte der Konsumenten einfach nur auf, während sich die Fans immer wieder aufs Neue von der doch simplen Idee faszinieren lassen. Wer immer noch nicht weiß, wie das Konzept von „Big Brother“ funktioniert, dem sei es an dieser Stelle noch einmal schnell erklärt: Mehrere Personen melden sich, um über einen bestimmten Zeitraum zusammen eingesperrt zu werden und an allen Ecken und Enden des „Containers“, in dem sich die neuen Bewohner befinden, wird eine Kamera platziert, damit auch wirklich keine einzige Bewegung verloren geht. Privatsphäre = Null. Warum man das mit sich machen lässt, kann auf den altbekannten Grund zurückgeführt werden: Wegen des Geldes, denn nach und nach können von Publikum Personen herausgewählt werden und der Traum vom großen Gewinn verpufft innerhalb von Sekunden. Was wäre jedoch, wenn man Zeit seines Lebens beobachtet wird, ohne es allerdings zu wissen? Wenn man nur Teil einer großen Fassade ist, in der man selber der unbewusste Hauptdarsteller ist? Mit dieser Frage beschäftigte sich Regisseur Peter Weir in seiner wunderbaren Mediensatire „Die Truman Show“ aus dem Jahre 1998.

Jeder kennt und liebt die Truman Show, die inzwischen schon seit ganzen 30 Jahren auf Sendung ist und ein wahrer Klassiker der TV-Geschichte ist. Dreh- und Angelpunkt der Sendung: Truman Burbank, dessen Leben seit der Geburt aufgenommen und beobachtet wird, allerdings weiß er davon nichts. In einer künstlich erschaffenen Welt von Produzent Christof, die auf den Namen Seahaven hört, ist Truman zuhause und jeder Schritt wird von 5000 Kameras verfolgt, 24 Stunden am Tag. Alle Personen, mit denen er über die Jahre Beziehungen aufgebaut hat, sind engagierte Schauspieler, die alles dafür geben, um die Scheinwelt nicht zerbrechen zu lassen, doch Truman schöpft langsam aber sicher Verdacht, denn als ein Scheinwerfer aus heiterem Himmel vor seine Füße fällt, versucht er die Ungereimtheiten, die ihm immer wieder begegnen, zu erforschen. Zwar stellen sich genügend Statisten, Schauspieler und Mitarbeiter ihm in den Weg, doch Truman will ausbrechen und die echte Welt erleben…

Den größten Coup landet der australische Regisseur jedoch mit der Besetzung von Jim Carrey als Truman Burbank. Jeder, der gewisse, und auch berechtigte, Vorurteile gegen Carrey hegt, der wird mit seiner Darstellung als Truman endlich eines besseren belehrt. Der Grimassenschneider und Clown legt seine Albernheiten beiseite und fährt nicht nur mit einer ernstzunehmenden Performance auf, sondern auch mit einer präzisen wie sensiblen, die jeder Facette seines interessanten Charakters voll und ganz gewachsen ist. Das Risiko mit Carrey in der Hauptrolle war natürlich groß, und die Gefahr, das alles nach hinten losgeht ebenso, doch Weirs Mut macht sich mehr als nur bezahlt, denn Carrey lässt sich wohl mit Fug und Recht als Idealbesetzung für den vermeidlichen TV-Star bezeichnen. Auch die Nebenrollen sind fantastisch gewählt. Ed Harris als Christof zeigt ebenfalls eine wunderbare Darstellung, der sich als „Schöpfer“ von Truman sieht und die Welt von oben aus dem Studio beobachtet. Dazu sind noch Laura Linney und Noah Emmerich in weiteren Nebenrollen zusehen, die den feinen Cast stark abrunden.

Das wunderbare an „Die Truman Show“ ist im ersten Fall die mögliche Projektion auf das eigene Leben. Man fragt sich immer und immer wieder, wie es wohl wäre, selber in der Haut von Truman zu stecken und was passiert, wenn man der gefälschten Realität auf die Schliche kommt. Welchen Wert hat ein Leben, das in jeder Stunde, jeder Minute und jeder Sekunde von Millionen Augen beobachtet wird? Wie viel Wahrheit kann ein Mensch ertragen und wie viele Lügen hat er in seiner Welt zugelassen, ohne sich die Frage zu stellen, was es für eine Welt ist, in der er lebt? Die Menschheit kennt Truman, kennt seine eigentliche Geheimnisse und war in jedem Moment bei ihm. Der erste Schritt, der erste ausgefallene Zahn und der erste Kuss am Strand. Peter Weir zieht uns in diese Scheinwelt, in der es nur einen echten Menschen gibt und dieser wird umzingelt von Voyeuren, Schauspielern und verfälschten Tatsachen, die dennoch sein Umfeld ausmachen und nie fremd erscheinen lassen, einfach weil er es seit dem Tag seiner Geburt so kennengelernt hat.

„Die Truman Show“ kann sich in erster Linie als sehr unterhaltsame Medienkritik profitierten, in dem sie sowohl die blanke Manipulation thematisiert, aber gleichzeitig auch auf der philosophischen Ebene Treffer landet. „Schöpfer“ und „erschaffener Mensch“ kommen hier in Spiel. Die Frage nach der eigenen Wahrheit und der Wahrheit des Lebens. Ein vollkommen eintöniger Alltag wird bis aufs letzte ausgeschlachtet und der Zuschauer muss sich dem Voyeurismus geschlagen geben, denn egal was gerade geschieht, sei es noch so belanglos, man muss hinsehen und jeden Augenblick in sich aufsaugen. Truman ist schon zu einer Art Familienmitglied geworden, ein ständiger Begleiter in allen Lebenssituationen. Peter Weir versteht es mir Bravour, die Dramatik und Komik zu verknüpfen, ohne sich in eine der beiden Richtungen klar zu verlagern. „Die Truman Show“ steht für die Frage nach freier Menschlichkeit und stimmt gleichermaßen nachdenklich. Wann wird es auch bei uns soweit sein? Wann sind wir selber unbewusster Teil einer Show oder sind wir es sogar schon längst? Zwischen dem Standard der Fassaden und der Erkenntnis der eigenen wie fremden Wirklichkeit eröffnet uns Weir hier etwas ganz Besonderes.

Fazit: Auch wenn Weir in manchen Moment nicht den äußersten Schritt wagt und bis in den letzten Moment konsequent wirkt, so hat er doch einen hochinteressanten, unterhaltsamen und durchaus philosophischen Film über die Medien und die Menschlichkeit inszeniert. Jim Carrey zeigt in der Hauptrolle eine seiner besten Leistungen, unterstrichen von einem sensiblen und gefühlvollen Score und einem intelligenten Drehbuch, verfasst von Andrew Niccol, wird „Die Truman Show“ zu einer fantastischen Satire, in der alle Facetten überzeugen und immer und immer wieder zu gefallen wissen.

Bewertung: 8/10 Sternen