"Tucker & Dale vs Evil" (CA 2010) Kritik – Verkehrte Welt in den Wäldern von West Virgina

„Ich hab in ein Wespennest gesägt. – „Wieso?“ – Das hab ich nicht aus Spaß gemacht, du Idiot.“

null

Wir alle kennen die Geschichten, von den Jugendlichen, die in einer Hütte irgendwo in den tiefsten Wäldern die Freiheit genießen wollen und dann von den fiesen Hinterwäldlern überrascht werden. In wie vielen Filmen dieses Thema schon verarbeitet wurde, kann man wahrscheinlich kaum noch aufzählen, eben auch deswegen, weil jährlich immer wieder neuer Genre-Zuwachs dazukommt und das durchaus plattgefahrene Subgenre des Backwood-Horrors nur noch reizloser darstellt. Filme eines Kalibers wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“, der noch eine mehr als sozialkritische Botschaft in sich trug oder Wes Cravens/Alexandre Ajas „The Hills Have Eyes“, sind inzwischen nur noch Mangelware und der sehnsüchtige Blick zurück in die Vergangenheit wächst mit jeder neuen Enttäuschung. Wenn man also an dem verzweifelten Punkt der Innovationslosigkeit angekommen ist, und das ist man im Horror-Bereich leider schon seit geraumer Zeit, dann gibt es einen exzellenten Mittelweg, der die Fans wie auch die Verweigerer friedvoll in einen Einklang bringen könnten: Die Parodie. Im besten Fall ist es eine Parodie, die sich auch als Hommage verstehen lässt und den erfahrenen Zuschauer ein ganz persönliches Lächeln auf die Lippen zaubert. Eli Craig hat den Schritt mit „Tucker & Dale vs Evil“ 2010 gewagt und die Rechnung ging durchaus überzeugend auf.

Würde man Tucker und Dale an einer düsteren Lichtung im Wald begegnen, dann dürfte man es schon mal mit der Angst zu tun bekommen, denn gepflegt sehen die beiden Zeitgenossen nicht unbedingt aus und gerade Dale ist ein zerzauster Bär von einem Mann. Die Wahrheit ist jedoch, dass die beiden augenscheinlichen Hillbillys zwei furchtbar nette Typen sind, die keiner Fliege etwas zuleide tun würden. Als sie sich auf den Weg machen, um das Ferienhaus von Tucker in den Wäldern von West Virginia wieder auf Vordermann zu bringen, treffen die zwei Freunde auf eine Gruppe College-Kids, die genau dieses feindliche Bild von den beiden Kumpels bekommen. Als es dann zu einem unglücklichen Zwischenfall kommt und Tucker und Dale die hübsche Allison vor dem Ertrinken retten, ist der Fall für ihre Freunde klar: Die Hinterwäldler haben Allison entführt. Das verdrehte Chaos beginnt…

Eli Craig dürfte selbst für bewanderte Filmfreunde ein unbekanntes Gesicht sein. Verständlicherweise, denn neben einiger kleiner Nebenrolle in belanglosen B-Movies konnte der Mann noch gar nichts auf die Beine stellen. Mit „Tucker & Dale vs Evil“ sollte sich das jetzt ändern und den ersten großen Jubelrausch gab es für den Regisseur bereits auf dem Sundance Film Festival wie auch auf dem Fantasy Filmfest in Berlin. Vollkommen zu Recht, denn wenn man sich allein die wunderbare Besetzung von „Tucker & Dale vs Evil“ ansieht, wird man schnell merken, dass die Darsteller fantastisch auf ihre Rollen angepasst wurden. Alan Tudyk („Ritter aus Leidenschaft“) und Tyler Labine („Planet der Affen: Prevolution“) harmonieren so fantastisch, dass sie die Sympathien in Windeseile auf ihre Seite ziehen können und sich im Verlauf des Films keinerlei Sorge darüber machen müssen, auch nur einmal den Groll des Zuschauers auf sich zu ziehen. Die knackige Katrina Bowden als Allison und Jesse Moss als energischer Chad überzeugen ebenfalls und wissen ihre Figuren, die so manches Unheil überstehen müssen und auch die ein oder andere schwere Veränderung durchmachen, solide auszufüllen.

„Dieses kranke Arschloch lässt sie ihr eigenes Grab schaufeln!“

Eli Craig verdreht die abgedroschenen Genre-Richtlinien in „Tucker & Dale vs Evil“ gnadenlos nach Lust und Laune. Sind es hier nicht die vermeidlichen Hillbillys, die den Teenagern blutrünstig an den Kragen wollen, sondern die Jugendlichen, die sich durch eine Menge schwerer Missverständnisse in Gefahr sehen und zum Angriff blasen wollen. Dabei werden Tucker und Dale zu den mehr als sympathischen Protagonisten erkoren und die College-Kids, die sich in ihrer dämlichen Ignoranz nach und nach selbst richten, zu den blinden Gegenspielern degradiert. Wenn „Tucker & Dale vs Evil“ die äußerst blutigen Zufälle und Fehlschläge in herrlich überzogener Art und Weise verknüpft, weiß Eli Craigs Inszenierung durchgehend bestens zu unterhalten und lässt keinerlei Verschnaufpause zu. Allerdings ist das nur die ersten 45 Minuten der Fall und nach dem Ablauf dieses temporeichen Feuerwerks macht es beinahe den Anschein, als wäre dem Regisseur hier schon die Puste ausgegangen sein und die Mechanismen des Blackwood-Genres, die vorher auf wunderbare Weise parodiert wurden, wechseln in ein konventionelles Muster, welches gerade beim Ende jede innovative Ader vermissen lässt. Nichtsdestotrotz ist „Tucker & Dale vs Evil“ liebenswert und unterhaltsam und kann mit vielen Zitaten und der Aussage, dass die Probleme auf die fehlende Kommunikation zurückzuführen sind, durchaus gefallen, auch wenn die Möglichkeiten nicht konsequent bis zum Abspann ausgereizt wurden.

Fazit: „Tucker & Dale vs Evil“ ist eine überaus gelungene Parodie wie Hommage an den Backwood-Horror. Eli Craig verdreht die Genre-Vorgaben nach Belieben und macht die augenscheinlichen Hinterwäldler zu schüchternen wie liebenswürdigen Protagonisten, während die Teenies in ihrer Dummheit zu Opfern ihrer selbst werden. Würde Eli Craig nicht nach gut der Hälfte des Films den Fuß vom Gas nehmen und sich nach und nach an den altbekannten Konventionen orientieren, dann hätte „Tucker & Dale vs Evil“ eine wirklich glänzende Perle unter den unsäglichen Parodien werden können. So bleibt letztlich ein liebenswerter wie sympathischer Splatter-Spaß, der seine Möglichkeiten nicht vollständig ausbreiten kann.