"Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum" (USA 2013) Kritik – Eine glitschige Heldengeschichte

Autor: Pascal Reis

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„You’re a freak of nature!“

Theo ist eine herkömmliche Gartenschnecke, nur eine von vielen, doch im Gegensatz zu seinen ihn belächelnden Artgenossen träumt Theo einen ganz großen Traum: Er möchte gegen sein Idol Guy Gagné beim Indy-500-Rennen in Indianapolis antreten und ihm mal zeigen, wer der wahre Chef auf der Rennstrecke ist. Das Problem ist eben nur, das Theo eine Schnecke ist und daher nicht nur ein unbedeutendes Leben unter den Füßen der Menschen führt, sondern auch gähnend langsam in seiner Fortbewegung ist. Als Theo eines Abends von einer Brücke mal wieder den Verkehr beobachtet und durch einen Unfall in das Nitro-Einspritzsystem vom Verbrennungsmotor eines Sportwagens gerät und dadurch seine DNA schlagartig verändert, kommt Theo seinem Traum ein ganzes Stück näher, denn von nun an ist er nur noch als Hochgeschwindigkeitsschnecke Turbo bekommt!

Es ist schon seltsam auffällig, wie oft sich die Hollywoodstudios innerhalb kürzester Zeiträume auf ähnliche oder gar gleiche Konzepte stürzen und diese daraufhin in geringem Abstand die Kinos bringen. Hier nur einige Beispiele: Christopher Nolans „The Prestige“ musste Neil Burgers „The Illusionist“ zeitgleich in die Augen blicken, der Anarcho-Comedy-Hit „Das ist das Ende“ wurde vom Cornetto-Trilogie-Abschluss „The World’s End“ begleitet, in „Freundschaft Plus“ kamen sich Natalie Portman und Ashton Kutcher näher, während in „Freunde mit gewissen Vorzügen“ Mila Kunis und Justin Timberlake dem Filmtitel alle Ehre machte. Zuletzt gab es auch ein doppeltes Lottchen im Action-Genre, denn wo Antoine Fuqua Gerard Butler im Namen der Vereinigten Staaten in „Olympus Has Fallen“ morden ließ, musste Channing Tatum in Roland Emmerichs weitaus besseren „White House Down“ die Behausung des Präsidenten mit geballten Fäusten beschützen.

Das „Gute“ an derartigen Zwillingsproduktionen ist wohl nur die individuelle Vergleichsmöglichkeit, in der sich aber in jedem Fall in der Vergangenheit immer ein klarer Sieger herauskristallisieren konnte – Die Brandmarkung „unnötig“ müssen sich diese kommerziellen Schachzüge aber ohne Wenn und Aber gefallen lassen, auch wenn es natürlich im Auge des Betrachters liegt, welchen der konkurrierenden Filme man nun zum persönlichen Favoriten krönt. Nun eignet sich ein erneuter kinematographischer Machtkampf an, der sich diesem Doppeltrend ebenfalls in gewisser Weise anpasst: Zum Einen hätten wir da Ron Howards „Rush – Alles für den Sieg“, in dem sich Daniel Brühl als Niki Lauda und Chris Hemsworth als James Hunt ein dramatisches Duell auf der Piste liefern. Der Kontrahent zum Formel 1-Charakter-Drama kommt aus dem Hause des DreamWorks Animations-Studios, lässt nicht minder die Rennstrecke qualmen und hört auf den alles sagenden Titel „Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum“.

Dass die Animationsabteilung der DreamWorks Studios überaus kreative wie kompetente Köpfe in ihren Reihe hat, zeigt sich an Filmen wie „Shrek – Der tollkühne Held“, „Madagascar“ und nicht zuletzt „Drachenzähmen leicht gemacht“. Sucht man aber eine ähnliche Klasse in letzten Outputs der Studios, dann schleicht sich das große Schweigen an. Weder „Die Croods“, noch „Die Hüter des Lichts“ konnten den Erwartungen gerecht werden und degradierten DreamWorks wieder auf den dritten Platz im Kräftemessen zwischen Disney („Ralph reicht’s“, „Rapunzel – Neu verhöhnt“) und Pixar („Merida“, „Die Monster Uni“) um die Vormachtstellung der Animations-Studios. Mit „Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum“ lässt sich aber wieder eine Steigerung in der Qualitätskurve DreamWorks‘ erkennen, obwohl man sich hier nun auch kein Großkaliber à la „Shrek“ und Konsorten erhoffen sollte und darf. Genau wie man den erwähnten Vergleich zwischen Howards möglichen Oscar-Kandidaten „Rush – Alles für den Sieg“ und dem Animations-Abenteuer eher mit einem Augenzwinkern hinnehmen darf.

Die Geschichte von „Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum“ ist ohne Frage altbacken und ihre Konstruktion scheint der unermesslichen Innovationskraft anderer Animationsprojekte mit breitem Grinsen zu entsagen. Aber während sich das Drehbuch von David Soren nicht mit Ruhm bekleckert, ist die Inszenierung von Langfilmdebütant David Soren ein pures Vergnügen. Mit Liebe zum Detail und dem nötigen Feinsinn in der herrlich anzusehenden Visualisierung, ist nicht nur der glitschige Held Turbo ein temporeicher Flitzer, auch der Film hält Durchhänger konsequent auf Abstand und mausert sich als launige wie sympathische Angelegenheit, die nicht nur den kleinen Zuschauern ein Lächeln auf die Lippen zaubern wird, wenngleich sich das Geschehen in Sachen große Lacher dann doch eher bedeckt hält. „Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum“ ist eher als amüsanter Wohlfühlfilm zu betrachten, als Motivationsstütze und Mutmacher, der wieder einmal verdeutlichen will, dass man aus eigener Kraft und unermüdlichen Siegeswillen alles schaffen kann. Und sowas ist, abseits der Real-Manipulation, doch auch mal wieder ganz angenehm.

Fazit: „Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum“ ist ein erneut schöner Ausflug in die vielfältige Welt der DreamWorks Animationsstudios. Mit sympathischen Figuren, deren Stimmen von Mimen wie Paul Giamatti, Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson geliehen wurden, einer motivierenden Geschichte über die eigene Stärke und den – wie gewohnt von DreamWorks – herrlichen Animationen ist „Turbo – Kleine Schnecke, große Traum“ ein sehenswertes und durchgehend spaßiges Abenteuer für die ganze Familie.