"U-Turn" (USA 1997) Kritik – Kein Weg zurück

„Die Menschen sind nicht nur menschlich, verstehst du? In ihnen drin lebt auch ein Tier.“

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In seiner Blütezeit konnte man Oliver Stone als einen der vielschichtigsten und ehrlichsten Regisseure überhaupt bezeichnen. Mit Filmen wie ‚Platoon‘ oder ‚Geboren am 4 Juli‘ inszenierte er gleich zwei der besten Anti-Kriegsfilme aller Zeiten und schilderte den Krieg und seine Auswirkungen so, wie sie waren. Dazu sein Debütfilm ‚Salvador‘, der von einem Kriegsberichterstatter handelte, ‚Wall Street‘, die Politfilme ‚JFK‘ und ‚Nixon‘ und natürlich die Satire ‚Natural Born Killers‘, die heute Kultstatus hat und jedem Filmfan ein Begriff ist. Heute ist mit Oliver Stone allerdings nicht mehr allzu viel los und Filme wie ‚World Trade Center‘ oder ‚Wall Street 2‘ ließen das einstige Talent des Filmemachers schmerzlich vermissen. Dieser qualitative „Umbruch“ begann im Jahre 1997, in dem Stone seinen Road-Movie-Thriller ‚U-Turn‘ in die Kinos brachte.

Wegen eines überhitzten Kühlers muss der Durchreisende Bobby Halt in einem Kaff namens Superior machen. Hier trifft er allerhand eigenartiger Menschen und lernt die hübsche Grace kennen, von der er gleich mehr will. Allerdings hat er die Rechnung ohne ihren Ehemann Jake gemacht, der Bobby erst mal eine Tracht Prügel gibt und ihm danach das Angebot macht, 20.000$ Dollar zu bekommen, wenn er Grace umbringt. Das Geld könnte Bobby nur zu gut gebrauchen, doch umbringen will er Grace nicht. Er versucht sie irgendwie aus den Händen ihres brutalen Ehemannes zu reißen und mit ihr zu fliehen, doch immer wieder legen sich neue Stolpersteine in seinen Weg…

Besetzt ist ‚U-Turn‘ mit einigen tollen Darstellern, die auch der größte Pluspunkt des Films sind und ihn immer wieder zurück in die Spur holen. Da hätten wir Sean Penn als Bobby, der wie immer eine gute Leistung zeigt, zwar keine seiner Topleistungen abruft, aber seinen oft verzweifelten Charakter passend auszufüllen weiß. Neben ihm ist Jennifer Lopez als Grace zu sehen, die nicht gerade mit großem Schauspiel überzeugen kann, sondern eher auf Sparflamme läuft und schon beinahe als austauschbar bezeichnet werden könnte. Anders Nick Nolte als bekloppter Ehemann Jake, der seine Figur schön bösartig und abstoßend verkörpert. Ein weiteres Highlight ist Billy Bob Thornton als schmutziger Mechaniker Darrell, der unter all dem Dreck kaum zu erkennen ist und befreit aufspielen kann. Genau wie Jon Voight als blinder Obdachloser oder Joaquin Phoniex als Toby, der für seine große Klappe noch bezahlen muss und seinen ersten Filmauftritt hier ausgerechnet zum Song Ring of Fire von Johnny Cash hat, den er in ‚Walk the Selber‘ selber grandios spielen durfte.

Die „etwas anderen“ Road-Movies dürften uns inzwischen bekannt sein. Tony Scott hatte seins mit ‚True Romance‘, Robert Rodriquez mit ‚From Dusk Till Dawn‘ und Dominic Sena mit ‚Kalifornia‘. Und was nehmen wir aus all diesen Filmen mit? Es kommt immer anders, als man es sich vorstellt. Das ist auch in ‚U-Turn‘ so und Stone, der sich auch als Drehbuchautor bei ‚Scarface‘ ausgezeichnet hatte, holt sich einige Eindrücke seiner Vorbilder und mischt sie in seinen Film. Verboten ist das natürlich nicht und stören tut das in diesem Fall auch eher weniger. Die Geschichte selbst ist weder innovativ noch besonders: durch einen blöden Zufall, oder vielleicht auch durch das Schicksal, bleibt Bobby in einem Kaff in Arizona hängen. Er trifft eine bildhübsche Frau und will sie mitnehmen. Das war es vordergründig. Natürlich lässt Stone seinen Film nicht so plump stehen, sondern würzt die Handlung mit einigen Überraschungen und Wendungen und die hitzige Lage wird immer wieder in eine andere Richtung gelenkt. Charaktere kehren wieder, drehen sich um ihre eigene Achse und helfen der Story im besten Fall auch weiter. ‚U-Turn‘ scheitert allerdings an einem ganz anderen Punkt.

„Ein Mann ohne Moral, ist ein freier Mann.“

Die Atmosphäre ist durchaus dicht, der Erzählstil eigenwillig, aber interessant, genau wie Morricones Score. Auch die gelegentlichen Wendungen sind nett, die Spannung ist da, dochnicht immer auf einem soliden Level. Was ‚U-Turn‘ am meisten schadet ist die Tatsache, das der Film viel zu oft in den Bereich der Belanglosigkeit schlittert. Stone kann uns zwar die meiste Zeit unterhalten, doch an erster Stelle fehlt ‚U-Turn‘ der richtige Drive und auf der anderen Seite etwas Besonderes. Das Stone hier fleißig abgeguckt hat, ist nicht das Problem, doch der Funke will einfach nicht überspringen. Die trockene Coolness und das fiese Ende machen schon etwas her, aber ‚U-Turn‘ hat seine Momente, in denen er einfach auf der Stelle steht und sich zurück bewegt, anstatt nach vorn. Für zwischendurch ist der Film sicher mal geeignet und die grobkörnigen, staubigen und hitzigen schnellen Schnitte wie die gewöhnungsbedürftigen Farbfilter erzeugen ein feines Feeling, doch so richtig packen kann uns Stone hier nicht.

Fazit: Der langsame Abstieg des Oliver Stone wurde eingeleitet durch ‚U-Turn‘. Skurrile Charaktere, ein eigenwilliger Filmstil und doch viel zu oft die stumpfe Belanglosigkeit. Ein netter Film, ohne Frage, und auch keinesfalls schlecht, doch so richtig geboten bekommen wir nichts. Die guten Schauspieler tun ihr nötigsten, retten den Film aber auch nur noch bedingt. Am Ende ist ‚U-Turn‘ ein guter Streifen, den man schauen kann, wenn mal nichts anderes kommt oder die Langeweile wieder siegen will, doch sehen muss man ihn sicher nicht.

Bewertung: 6/10 Sternen