"Die üblichen Verdächtigen" (USA 1995) Kritik – Die überbewertete Spannung

„Aber ein Mensch kann nicht ändern was er ist. Er kann andere überzeugen, dass er jemand anderes ist, aber niemals sich selbst.“

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Wenn man sich bestimmte Listen anschaut, in denen die besten Filme aller Zeiten eingetragen wurden, dann stolpert man immer wieder über die gleichen Namen. Ob es nun ‚Der Pate‘, ‚Pulp Fiction‘, ‚2001‘, ‚Fargo‘ oder ‚Der Herr der Ringe‘ sind. Alle sind sie vertreten und das immer und immer wieder. Doch es gibt noch einen ganz bestimmten weiteren Film, der ebenfalls schier ausnahmslos in jeder dieser Top-Listen auftaucht. Gemeint ist Bryan Singers ‚Die üblichen Verdächtigen‘ aus dem Jahr 1995. Singer, der sich inzwischen auch beim Mainstreampublikum mit ‚X-Men‘ und ‚X-Men II‘ einen Namen gemacht hat, wurde mit Lobesreden geradezu überhäuft. Doch hat sich sein Film überhaupt diesen Ruf als grandioses Meisterwerk verdient? Die Antwort ist kurz: Nein. ‚Die üblichen Verdächtigen‘ ist sicher ein guter und spannender Film, der keinesfalls dumm ist, doch die Genialität, die dem Film immer wieder aufgezwungen wird, kann er nicht aufweisen.

Nach einem schlimmen Zwischenfall an einem Hafen, erzählt der Krüppel Roger „Verbal“ Kint seine eigene Geschichte. Ein paar Wochen vorher suchte die Polizei für eine Gegenüberstellung wegen eines entwendeten Lastwagens fünf Kriminelle zusammen. Neben Kint waren es Ex-Cop Keaton, ein Sprengstoffexperte namens Hockney und die zwei Profi-Verbrecher McManus und Fenster. Aus Rache wegen dieser unnötigen Sache, wollen die Männer zusammen ein Ding drehen. Was sie dabei jedoch nicht ahnen: dadurch haben sie einem unbekannten aus den hinteren Reihen in die Suppe gespuckt und zwar dem Verbrecher Keyser Soze, der in Kreisen als Legende gilt und niemand weiß genau, ob es ihn überhaupt gibt. Doch Soze setzt schon alle Hebel in Gang und Männer geraten in ein Spiel, dass niemand durchschaut.

Der Cast, den Singer für seinen zweiten Film zusammengestellt hat, ist allererste Sahne. Da hätten wir Kevin Spacey als Kint, Gabriel Byrne als Keaton, Kevin Pollak als Hockney, Benicio del Toro als Fenster, Stephan Baldwin als McManus, Chazz Palminteri als Dave Kujan und Pete Postlethwaiter als Kobayashi. Sie alle sind großartig, selbst Stephan Baldwin, der sich heute viel zu oft selbst ins Aus gespielt hat, beweist, dass er schauspielern kann. Spacey ist allerdings mal wieder unantastbar und beweist seinen unendlichen Facettenreichtum. Seinen Oscar für den besten Nebendarsteller hat er sich voll und ganz verdient.

Singer entfaltet seine Krimistory immer im Wechsel aus Gegenwarts- und Vergangenheitsaufnahmen. Kint erzählt dem Polizisten Kujan seine Geschichte. Diese Vernehmung wird zum Grundstein der Erzählstruktur, bei der sich Singer an Regisseuren wie Kurusawa und Welles orientiert hat. Ein intelligentes wie spannendes Netz wird gesponnen, ohne eine große Lücke zu öffnen. Wir bekommen es mit fünf verschiedenen Männern zu tun, die alle bereit zum Töten sind und nie einen unüberlegten Schritt gehen würden. Doch der Dreh und Angelpunkt des Films ist ein Name, der durchgehend seinen Platz findet und auf den sich alles zuspielt: Keyser Soze. Zu Gesicht bekommt man ihn nie und die eigentlich undurchsichtige Lage spannt sich zunehmend an. Wer ist dieser Keyer Soze? Was versteckt sich hinter diesem schon gefürchteten und kaltblütigen Namen wirklich? Und wie lange sind die Männer schon längst Marionetten von ihm? Die Handlung zieht immer größere Kreise, es werden immer weitere Facetten aufgedeckt und fast im Minutentakt eröffnen sich neue Sichtweisen. So schafft es ‚Die üblichen Verdächtigen‘ auch, dass der Zuschauer, trotz mancher Dickflüssigkeit im Mittelteil, immer am Ball bleibt und endlich eine Auflösung will. Die alles entscheidende Antwort und das Entknoten des Netzes aus Lügen, Vertrauen, falschen Identitäten.

Wenn wir jedoch am Ende des Films angekommen sind und sich alles wie ein Reißverschluss zusammengefunden hat, steht man als Zuschauer dann doch etwas enttäuscht da. Singer will uns einen Twist der Sonderklasse bieten, der uns in die pure Sprach- und Ratlosigkeit treibt. Ist man als Zuschauer jedoch sofort bei der Sache und spitzt von Anfang an die Ohren, ist der Twist schon nach wenigen Minuten keiner mehr und die Auflösung fast von Beginn an eine eindeutige. Keine Frage, McQuarries Drehbuch ist detailliert ausgearbeitet und wirklich durchdacht und offenbart eigentlich keinerlei Schwächen, doch etwas wirklich Besonderes ist es eben nicht. Man kann sich am Ende nun freuen und sich auf die Schulter klopfen, in dem man angibt, man hätte es gleich gewusst. Doch das war sicher weder McQuarries noch Singers Plan. Es bleibt ein etwas fader Nachgeschmack auf der Zunge, der ‚Die üblichen Verdächtigen‘ von seinem hohen Ross runterholt und ihn in die Reihe stellt, in die er auch gehört. ‚Die üblichen Verdächtigen‘ ist sicher ein düsterer, spannender und keinesfalls schlechter Film, doch am Ende will er den Zuschauer einfach zu sehr mit seinem Twist überwältigen, obwohl dieser eigentlich längst keiner mehr ist.

Fazit: Bryan Singers Jahrhundertwerk ist in Wahrheit ein guter Thriller, der in jedem Punkt sehenswert ist. Packend, unterhaltsam und großartig gespielt. All das stimmt, doch die Auflösung ist einfach zu klar um wirklich überraschend zu sein und auch einige Längen, die zwar nicht schwerwiegend sind, kann man dem Film nicht absprechen. ‚Die üblichen Verdächtigen‘ ist gut, aber auch ziemlich überbewertet.

Bewertung: 7/10 Sternen