Regisseure im Fokus: Unausweichliche Gewalt, degenerierte Menschen und lähmender Voodoo – Drei Werke des Wes Craven

Autor: Pascal Reis

„Das letzte Haus links“ (USA 1972)

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Die Freundinnen Mari und Phyllis wollten ganz entspannt ein Rockkonzert in New York besuchen. Die auf den ersten Blick obsolet erscheinenden Eltern von Mari sind zwar nicht begeistert vom Vorhaben der pubertären Mädels, doch ein Verbot würde nichts bezwecken, und so machen sich Mari und Phyllis auf den Weg aus der ländlichen Idylle, direkt in die verseuchte Großstadt. Radiowarnungen werden ignoriert, Drogen sollen den Abend vorerst anheizen und da schnappt Wes Cravens durchtriebene Falle zu. Natürlich war die Warnung über die entflohenen Straftäter aus dem Radio kein Zufall, denn genau diesem inhumanen Pack laufen die beiden Mädchen in ihrer Naivität geradewegs in die Arme. Cravens Inszenierung wird zum Fahrstuhl der gefühllosen Brutalität, direkt in den messerwetzenden Schlund der unzivilisierten Bande, die unseren zwei Mädchen die letzten Minuten unter der Lebenden zur Hölle machen. Erniedrigung, Vergewaltigung und Mord. Die kommende Bedrohung, eigentlich bereits ab der Aufblende unterschwellig spürbar, hat ihren intensiven Höhepunkt erreicht und die Flucht der Verbrecher führt direkt in die Arme der Eltern der grausam ermordeten Mari. Hilfestellung in Sorge schlägt um in erschreckende Gewissheit und mündet in barbarischer Rache.

Das „Das letzte Haus links“ hier effektiven Antagonismus betreibt, lässt sich unschwer erkennen: Das traute Land – die verruchte Stadt, das gehütete Elternhaus – die unerwarteten Eindringlinge, die drastische Selbstjustiz – die wirkungslose Polizei. Mit zunehmender Laufzeit unterscheiden sich Eltern und Peiniger in ihren Vorgängen nicht mehr, „Rape & Revenage“ war mehr als nur präsent und der soziale wie gesellschaftliche Kontrollverlust in einer Zeit des Vietnamkrieges, lässt nicht nur den Zahn der Zeit aus dem angeschlagenen Gebiss der Stars and Stripes-Nation brechen, sondern entfacht auch intensives wie verstörenden Terror-Kino, gesteuert durch die viehischen Vergeltungssucht, ohne Ordnung, impulsiv pochend durch die unausweichliche Eskalation, unheimlich sadistisch, extrem fies und mit der kleinbürgerlichen Krämerseele abrechnend. Sucht man nach Schuldigen, findet man sie hier in jedem Charakter.

„Hügel der blutigen Augen“ (USA 1977)

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Männer hassen auf Reisen nichts mehr, als nach dem Weg fragen zu müssen, vor allem dann nicht, wenn man noch auf den Namen Big Bob hört und seine Stellung als robustes Familienoberhaupt verdeutlichen muss. Aber um das sommerliche Ziel namens Kalifornien zu erreichen und das Misslingen eines familiären Urlaubs unterbinden zu können, springt man auch mal über seinen stolzen Schatten und fragt den seltsamen alten Mann an der Tankstelle, der allem Anschein nach schon länger kein sauberes Wasser mehr gesehen hat, nach dem richtigen Weg. Der Mann, freundlich wie er ist, gibt die Richtung klar an: Immer auf der Hauptstraße bleiben, und der pensionierte Cop Big Bob bricht samt Ehefrau Ethel, dem Sohnemann Bobby, den Töchtern Brenda und Lynne, Lynnes Ehemann Doug und den zwei Schäferhunden Beauty und Beast auf. Aber mitten auf der Straße durch die Wüste kommt es zum unverhofften Zwischenfall: Achsenbruch. Die Fahrt hat irgendwo im nirgendwo bereits ihr Ende gefunden und Big Bob sieht sich gezwungen, 15 Meilen zurück zur Tankstelle zu laufen um Hilfe anzufordern, denn über Funk ist hier niemand zu erreichen. Der abgründige Wahnsinn beginnt und die Augen aus den Hügeln werden nicht nur heimliche Beobachter bleiben.

Das „Hügel der blutigen Augen“ heute natürlich einen deutlichen Trash-Faktor besitzt ist unwiderlegbar und kann sich in gewissen Momenten gegen ein charmantes Lächeln nicht wehren. Nichtsdestotrotz hat Wes Cravens prägender Klassiker kaum etwas von seiner terrorisierenden Qualität verloren und legte signifikante Genre-Grundsteine, an denen sich bis heute noch die unzähligen Nachkömmlinge die Zähne ausbeißen und auch in Zukunft ausbeißen werden. „Hügel der blutigen Augen“ versteht es die Spannung kontinuierlich zu steigern und die bedrohliche Atmosphäre beißend auf den Zuschauer zu transferieren. Die Lage, in der sich unsere Protagonisten befinden, ist da Katalysator in Sachen Anspannung genug: Unbekanntes Territorium, hilflos dem [vorerst] unsichtbaren, aber fühlbaren „Feind“ ausgeliefert. Ein instinktiver Kampf um Leben und Tod beginnt, bei dem Craven in seiner puren und dynamischen Art verdeutlicht, dass der Überlebensdrang alles andere ausschaltet und den Menschen selbst zu unvorstellbaren Taten antreibt. Sieht man von dem Survival-Terror allerdings einmal ab, besitzt „Hügen der blutigen Augen“ noch einen gesellschaftskritischen Subtext, der sich auf nationaler Ebene der Vereinigten Staaten bewegt. Zwei Familien konfligieren: Die eine ist Teil der amerikanischen Mittelschicht, die Angehörigen der anderen Familie wurden durch die blinde Idiotie der Atomwaffentests zu Ausgestoßenen degradiert. Degenerierter Kannibalismus ist die Teilfolge, nur als ignorierte wie geächtete Minderheit könnte sie bestehen.

„Hügel der blutigen Augen“ funktioniert gerade deswegen durch seinen galligen Mutualismus. Mit Wut im Bauch bleibt den Gestrandeten nur noch die brutale Verteidigung gegen die in Höhlen lebenden Mutanten. Die Angst muss verdrängt werden, auch wenn sie natürlich immer Teil der Lage ist. Man sollte „Hügel der blutigen Augen“ unbedingt im Kontext seines Erscheinungsjahres betrachten, anderenfalls wird man zugegeben müssen, dass Cravens Inszenierung nicht mehr die Grenzen überschreitet, wie er es im Jahre 1977 getan hat. Abschreckende Gewalt, scharfe Kritik, treffende Symbolik und die klammernde Grundstimmung machen „Hügel der blutigen Augen“ aber problemlos zu einem Highlight.

„Die Schlange im Regenbogen“ (USA 1988)

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Was Wes Cravens „Die Schlange im Regenbogen“ in erster Linie so unheimlich interessant macht, ist der etwaige Grat, auf dem sich die Geschichte fast durchgehend bewegt. Durch die Berichte des Anthropologen und Ethnobotaniker Wade Davis inspiriert, schickt Craven Dennis Alan (Bill Pullman) auf den geheimnisvollen Inselstaat Haiti, um eine mysteriösen Droge zu beschaffen und ihre Wirkung zu ergründen, denn dieser pulverisierte Stoff soll Menschen wieder zum Leben erwecken und in hörige Zombies verwandeln. Wir als Zuschauer können hier nie genau sagen, auf welcher Ebene sich das Geschehen momentan abspielt. Beruhen die Bilder nun auf tatsächlichen Ereignissen, sind die eingestreuten Fakten der Wirklichkeit entsprechend oder beugt sich Cravens Inszenierung nur dem erdichteten, sprich fiktiven Nonsens. Der Spagat zwischen all diesen Möglichkeiten entfacht eine Melange, die sich auch dank der unangenehmen Atmosphäre des opaken Haitis beklemmend verdichtet. „Die Schlange im Regenbogen“ ist dabei kein Horrorfilm im eigentlichen Sinne, sondern ein lähmender Trip in die Welt des Voodoo-Kultes und den dubiosen Kräften der schwarzen Magie. Menschen werden zu Sklaven ihrer Reinkarnation, hilflos dem Erstreben des kreolischen Rituals ausgeliefert. In den intensivsten Momenten fühlt man sich als Zuschauer nicht nur mit einer stattlichen Dosis Psilocybin konfrontiert, sondern auch als Gefangener auf dem zwielichtigen Pfad der faszinierenden Gefahr. Würde Wes Craven gegen Ende nicht die Zügel lockern und etwas über das abgegriffene Ziel hinausschießen, dann wäre „Die Schlange im Regenbogen“ mehr als nur eine seiner stillen Perlen.

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