"Unbroken" (USA 2014) Kritik – Eine Heldenmär mit Pelz auf der Zunge

Autor: Pascal Reis

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„A moment of pain, is worth a lifetime of glory.“

So langsam nimmt sie gar lästige Formen an, die aus den Vereinigten Staaten herüberschwappende kinematographische Selbstweihräucherung durch die auf Massenkompatibilität gebürstete Rekonstruktion historischer Kapitel und (Über-)Stilisierung namhafter Beteiligter: Ist das Selbstvertrauen tatsächlich derart ramponiert? Fürchtet die imperialistische Großmacht um ihren globalen Nimbus und ersucht sich nun darin, durch die Kraft des Kinos stützendes Schulterklopfen einzufahren und der Welt über die Landesgrenzen hinaus simultan dazu noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, wie edel und stark die USA doch eigentlich sind? Mit „Herz aus Stahl“ fing es eigentlich noch ziemlich überdurchschnittlich an, natürlich, Abstriche in Sachen Charakterisierung der amerikanischen Panzergrenadiere und deutschen Wehrmacht/Schutzstaffel mussten gemacht werden, David Ayer bemühte sich indes aber dennoch um Ambivalenzen und kennzeichnete die letzten Tage des zweiten Weltkrieges als verrohte Schlammschlacht, irgendwo zwischen Heldenverehrung- und Dämmerung. Aber nicht nur „American Sniper“ wird Ende Februar bei uns heftig gegen Grauzonen ankämpfen, auch Angelina Jolies „Unbroken“ verfällt tendenziösen Mustern.

Selbstverständlich ist es im hochbudgetierten Historienkino nicht wirklich möglich, die augenscheinlichen „Bösen“, im Falle von „Unbroken“ die Japaner, sonderlich differenziert darzustellen, obliegt die Perspektive doch gänzlich dem Blick des Protagonisten. Hier ist das nun Louis Zamperini (Jack O’Connell), Sohn italienischer Immigranten, der in seiner Jugend vor allem wegen flegelhaftem Verhalten auffiel, früh Alkohol und Tabak konsumierte, sich in aller Regelmäßigkeit prügelte und stahl, was ihm unter die Augen kam. Sein Bruder Pete (Alex Russell) ist es, der ihn von seinen Schindluder abbringt, in dem er ihm kräftig ins Gewissen redet und somit sein Talent als Landstreckenläufer fordert: Durchkämpfen müsse er sich, sich noch mehr anstrengen, als es alle anderen tun. Dass Zamperini es aber tatsächlich bis zu den Olympischen Sommerspielen von 1936 in Berlin schaffen würde, darf dennoch als Sensation für die Kleinstadt Torrance, in der Zamperini aufwuchs, und seine Förderer gewertet werden. Angelina Jolie zelebriert die sportlichen Wettkämpfe förmlich, sie saugt sich den wirbelnden Beinen Zamperinis fest.

Symbolträchtig sind die Läufe ebenso, definieren sie auch das Durchhaltevermögen des Italo-Amerikaners: Erst wenn er im Ziel angekommen ist, heißt es für ihn durchatmen, vorher wird bis zum Kollaps um das Bestmögliche gerungen. Eine Eigenschaft, die ihm später im Gefangenenlager von Naoetsu, an der Nordwestküste Japans, immer wieder zur inneren Mitte finden lässt. Auf Kohlenschiffen buckeln sich Zamperini und die Mitgefangenen den Rücken krumm, um sich dann noch den Sadismen des effeminierten Aufsehers Mitsuhiro „The Bird“ Watanebe (Miyavi) gesetzt zu sehen. Aber springen wir noch einmal einige Tage zurück. „Unbroken“ beginnt mit einer wirklich tadellos inszenierten Szene: An Bord des B-24-Liberator, erlebt Zamperini den Krieg aus luftigen Höhen, während unter ihm das ewige Blau des pazifischen Ozeans schäumende Wellen schlägt. Kurze Zeit später steht der Bomber unter feindlichem Beschuss, die Blechwände werden innerhalb weniger Sekunde durchsiebt, Chaos bricht aus, Todesängste müssen ausgestanden werden, bis das Militärflugzeug schließlich abstürzt.

Und dann hieß es: 47 Tage auf offenem Meer ausstehen, rohen Fisch verzehren, von Mamas Küche träumen und schließlich Gott die ewige Treue schwören, bis man schlussendlich in die Hände des Japaner fällt: „Eine gute und eine schlechte Nachricht“, so fasst Zamperini ironisch diesen Winkelzug des Schicksals zusammen. In der lokalen Kirche bekam Zamperini als kleiner Pimpf noch eingetrichtert, seine Feinde zu lieben und die Nacht zu erdulden, um sie überwinden zu können und die ersten Sonnenstrahlen am Horizont hervorschimmern zu sehen. Bis Angelina Jolie ihren Helden aber wieder auf die Knie fallen lassen darf, um den amerikanischen Boden mit Küssen zu begrüßen, muss Zamperini erst mal unzählige Male in den Matsch geprügelt werden. „Unbroken“ macht es sich dabei denkbar einfach, das Gut-und-Böse-Schema zu bedienen, in dem er die japanischen Aufseher dämonisiert, sie zu neurotischen Fratzen verunstaltet, die die Kriegsgefangenen mit aller Abscheulichkeit brechen wollen: Ein Louis Zamperini aber lässt sich nicht unterkriegen!

Die Heldenmär begann schon mit der Aufblende, seine endgültige Apotheose erfährt Zamperini aber dann, wenn er ein massives Holzbrett unter Tränen über den Kopf stemmt. Angelina Jolie, die bei jedem Schnäuzen einmal quer durch die Mühlen des Boulevardjournalismus gefetzt wird, und ihr prominentes Autorengespann um Joel & Ethan Coen, Richard LaGravenese sowie William Nicholson agieren ähnlich grobschlächtig wie jene breitärschig-plakativen Magazine, in denen vor allem die Überschrift und markante Posen zählen. Elendstourismus und brodelnder Ergriffenheitskitsch ergebende hier die filmische Synthese, durch die „Unbroken“ den Schlüssel zum Überleben findet: Den Patriotismus. Das Metronom für den Takt in der Brust eines jeden wahren Helden. Zweifelsohne, die Vita des Louis Zamperini ist Stoff für das Kino, ist bewegend und überaus abenteuerlich, allerdings hätte es im Kontext des historischen Verbürgen etwas mehr Feingefühl und die komplett unter den Tisch fallende Ambiguität gebraucht, die sich auch bei einem Louis Zamperini hätte finden lassen. So muss es Alexandre Desplats Spiel auf der Pathos-Klaviatur richten, kompetent, aber zu welchem künstlerischen Preis?