"Unthinkable" (USA 2009) Kritik – Wie weit darf ein Mensch gehen?

„Der Mann hat 53 Menschen auf dem Gewissen, darunter Frauen und Kinder, und ich bin jetzt der Böse?“

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Bei dem Wort „Terrorismus“ dürften inzwischen überall die Alarmglocken klingeln, denn Osama Bin Laden und die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2011 sind jedem Menschen ein Begriff. Taliban, Spekulationen und nukleare Gefahr. Hier lassen sich viele Bereiche verknüpfen, denn all die Spekulationen beziehen sich auf die möglichen Anschlagsziele der arabischen Miliz, die auf der ganzen Welt ausgeübt werden können. Verbunden mit diesem aktuellen und ebenso brisanten Thema, ist allerdings auch ein ganz anderer Bereich, der nicht weniger diskutabel und heikel ist: Die Anwendung von Foltermethoden. Natürlich fallen die ersten Gedanken nun auf die üblichen Torture-Pornos, die heutzutage in aller Regelmäßigkeit die Lichtspielhäusern verseuchen und höchstens die niveaulosen Jugendlichen nicht mit ihrer quälenden Langeweile verseuchen. Es gibt einen anderen Bereich, der nicht als Grenzüberschreitung betrachtet wird, sondern den politischen Hintergrund der Folter thematisiert. Darf man einen Menschen unter unmenschliche Qualen aussetzen, um wichtige Informationen zu erhalten, die im Gegenzug andere Menschenleben verschonen? Darf ein Mensch sterben, wenn durch seinen tot andere Menschen überleben? Gregor Jordans „Unthinkable“ aus dem Jahre 2009 befasst sich genau mit diesem Diskussionsthema.

Als die Terror-Spezialeinheit des FBI eine Videobotschaft erreicht, in dem ein Terrorist offenbart, dass in der nächsten Zeit drei verschiedene Sprengköpfe in amerikanischen Großstädten hochgehen, ist der Schock natürlich groß. Special Agent Helen Brody hat den vermeidlichen Terroristen des Videos schnell aufgespürt, denn es handelt sich um den ehemaligen Bombenspezialisten Arthur Younger. Seine Beweggründe sind allerdings vollkommen unklar, genau wie die Orte, an denen die Bomben platziert wurden. Die Wahrheit muss aus Younger herausgequetscht werden und nachdem das Militär mit ihren verhältnismäßig laschen Vorgehensweisen nicht weiter kommt, wird der gnadenlose und ebenso mysteriöse H ins Spiel gebracht, der sich als wahrer Spezialist in Sachen Folter erweist. Die Frage die sich stellt ist nur, wie weit darf H in diesem Fall wirklich gehen?

Samuel L. Jackson ist auch an einem Punkt in seiner Karriere angekommen, an dem es sich selbst für Filmfreunde als äußerst schwieriges Unterfangen erweist, einen gewissen Durchblick in seiner Filmografie zu behalten, denn es kommt einem immer deutlicher so vor, als würde Jackson jede Rolle annimmt, selbst wenn sie vollkommen belanglos und platt ist. In „Unthinkable“ können wir jedoch zum Glück wieder ein Teil von Jacksons wahrem Talent werden, denn als H beweist der Amerikaner nach langer Zeit eine intensive schauspielerische Vielschichtigkeit, die fasziniert, abstößt und ebenso packt. Aber Jackson steht mit seiner grandiosen Darstellung nicht allein auf weiter Flur. Michael Sheen als Terrorist Younger gibt den überzeugenden Gegenpart und lässt den Zuschauer nicht nur einmal in Zweifeln kommen. Genau wie Carrie-Anne Moss, die noch einen weiteren moralischen Standpunkt als Agent Brody einnimmt und das Quartett stark abrundet. Die mehr als gelungene Charakterzeichnung ist in dem Fall auch dem feinen Drehbuch zu verdanken, an dem das israelische Multitalent Oren Moverman beteiligt war, der 2009 sein Meisterwerk mit „The Messengers“ ablieferte.

Was „Unthinkable“ so ansprechend macht, ist die Nüchternheit, mit der Regisseur Gregor Jordan seinen Film erzählt. Der große Vorteil in diesem Fall ist die Freiheit, die Jordan dem Zuschauer lässt, denn „Unthinkable“ ordnet sich keiner moralischen Seite zu und alle Ansichten werden abgedeckt. Mit Agent Brody haben wir die humane Befürworterin, für die Folter nicht infrage kommt und jede Brutalität vollkommen fehl am Platz ist. H ist das krasse Gegenteil und die mit Abstand interessanteste Figur im Film. Hier verknüpft sich der gefühlskalte Pragmatismus mit der typischen Vaterfigur der Vorstadt. Niemand erweist sich als Identifikationsperson, niemand kann wirkliche Sympathie für sich ernten und die Ambivalenz, die „Unthinkable“ umklammert, zieht immer größere Kreise. Als Zuschauer wird man in einen Strudel aus Moralität, Rechtfertigung und Unverständnis gezogen. Kann man es gutheißen, einen Menschen zu foltern, um andere Menschen durch die Qualen zu retten? Gibt es in diesem Fall ein wirkliches richtig und falsch? Wann ist eine derartige Legitimierung gerechtfertigt, oder stehen die Rechte und die Würde des Einzelnen immer über allem?

„Einen Mann ohne Fingernägel klagt man nicht an.“

Jordan gibt keine Antworten, stattdessen behält er seine inszenatorische Konsequenz durchgehend bei und setzt dem Film zum Ende sogar noch die schockierende Krone auf, in der sich alle Individuen gegenseitig in die Augen blicken, von Besserung oder Lösungen keine Spur ist und das wahre Chaos noch bevorsteht. Was „Unthinkable“ aber abhält schlussendlich von einem wirklich herausragenden Film abhält, ist nicht das geringe Budget, denn das fällt zu keiner Sekunde auf, dafür ist die Inszenierung viel zu sorgfältig auf ihre kammerartige Atmosphäre zu konzentriert. Zuweilen fehlt die Straffheit, die sich aus den brisanten Mustern noch etwas erhebt und das nächste Level einleitet. Genau wie die leichten Klischees des muslimischen Bombenlegers, die zwar am griffigsten sind, aber durchaus als abgestanden bezeichnet werden können. Jedoch sind das Schönheitsfehler, die „Unthinkable“ schlussendlich zwar vom Low-Budget-Meisterwerk abhalten, den Film aber ohne Probleme in den fesselnden und überaus sehenswerten Bereich drücken, der auch noch zum Nachdenken und Diskutieren anregen wird.

Fazit: Wenn jeder politische Thriller mit einer derartigen Konsequenz vorgehen würde, wie Gregor Jordans „Unthinkable“, dann dürfte man sich auf die Zukunft breitgrinsend freuen. Samuel L. Jackson zeigt endlich wieder eine interessante und äußerst ambivalente Darstellung, das Thema ist aktuell, regt zu Gesprächen an und zwängt vor allem nicht die Meinung des Regisseurs auf. Sicher ist „Unthinkable“ nicht perfekt, doch wer sich spannender und brisanter Unterhaltung hingeben will und auch noch über das Gesehene nachdenken möchte, ist hier genau beim richtigen Film angelangt.

Bewertung: 7/10 Sternen