"Upside Down" (CA/FR 2012) Kritik – Die Liebe bezwingt die Hürden der Schwerkraft

Autor: Pascal Reis

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„What if love was stronger than gravity?“

Es ist die wohl älteste Liebesgeschichte unserer weltliterarischen Zeitrechnung: William Shakespeares „Romeo & Julia“. Im Jahre 1597 verfasste der renommierte Dramatiker und Lyriker die Tragödie um eine verbotene Liebe, die inmitten zweier verfeindeter Familien ins Unermessliche wächst, aber keine gemeinsame Zukunft genießen darf. Die Geschichte ist weltweit bekannt, nicht zuletzt durch den Umstand, dass sie bereits etliche Male einen Weg in die Kinos gefunden hat – Unvergesslich ist da Baz Luhrmanns exaltierte Modifikation aus dem Jahre 1996, in dem er die Dialoge und die Rahmenhandlung in ein fiktives, aber modernes Verona Beach verlagerte. Ein äußerst mutiger Schritt, der bei den verkrampften Nostalgikern natürlich auf Gegenwind stoßen musste, einem jungen Publikum aber Zugang zu dem verstaubten Stoff ermöglichte. Es gibt also nicht nur versteifte, vorlagengetreue Adaption des „Romeo & Julia“-Trauerspiels, sondern auch novellierte Interpretationen, die sich als „inspiriert“ titulieren lassen wollen. So auch Juan Diego Solanas Sci-Fi-Liebesfilm „Upside Down“.

Adam und Eden sind seit Teenagertagen ineinander verliebt, doch ihre Liebe steht einem schweren Problem entgegen: Sie leben in einem Sonnensystem, in dem zwei Parallelwelten übereinander schweben und jede dieser Welten verfügt über eine eigene Schwerkraft. Adam ist dabei ein Teil der Bevölkerung des verarmten Unten, während sein Herzblatt Eden zum kapitalistischen, luxuriösen Oben gehört. Nach einem Versuch die Barriere mittels eines Taus zu überqueren, kommt es zu einem Zwischenfall, der Eden so hart auf ihren Planeten prallen lässt, dass sie ihren Geliebten vergisst und Adam in den Glauben verletzt, sie wäre bei dem schweren Sturz verstorben. 10 Jahre der Einsamkeit vergehen, doch als Adam Eden zufälligerweise im Fernseher wiederentdeckt, entflammen die alten Gefühle erneut…

Eine gute Liebesgeschichte lebt schon lang nicht mehr von ihrer Innovationskraft, die den Zuschauer auf Dauer mit kreativen Einfällen übersättigt, sondern muss vor allem ein glaubwürdig harmonierendes Darstellergespann aufweisen können, dass mit ihrer Gefühlswelt einfach um den Finger wickelt. Da rückt dann auch die eigentliche Story kurzerhand in den Hintergrund, denn was gibt es schon Schöneres, als sich in einer herzzerreißenden Liebelei zweier Menschen zu verlieren? Es ist also eine Frage der empathischen Authentizität, ob ein Film dieser Art mitreißen kann oder ob er nur auf gelangweilte Gegenreaktionen seiner Rezipienten stößt. Indie-Filmer Derek Cianfrance hat zuletzt mit „Blue Valentine“ eine Paradebeispiel dieser Disziplin abgeliefert und die Schönheit wie den Schmerz einer Beziehung durch seine hervorragenden Schauspieler Ryan Gosling und Michelle Williams eingefangen. „Upside Down“ ist von einem solchen Status natürlich meilenweit entfernt, doch den beiden Akteuren Kirsten Dunst („Spider-Man“) und Jim Sturgess („Cloud Atlas“) darf an dieser Stelle kein Vorwurf gemacht werden.

„Upside Down“ scheitert nämlich keinesfalls an seinen Schauspielern, die sind nur eingeengte Opfer ihrer Drehbuchschablonen und bekommen zu keiner Zeit den Freiraum geboten, ihr vorhandenes Talent aufzeigen zu können, um einen wirklich emotionalen Ritt zu unternehmen. Regisseur und Drehbuchautor Juan Diego Solanas, der schon mit seinem ersten Spielfilm „Ein weiter Weg zum Glück“ auf wenig Resonanz stieß, entwirft mit seiner zweiten Regiearbeit ein so ungreifbares Werk, dass an seinem künstlichen Überdruss kläglich verkommt. Die Idee um eine Liebe, die durch zwei verschiedene Gravitationen getrennt ist, muss sich nicht unbedingt als uninteressant bezeichnen lassen, schließlich klingt dieses Sci-Fi-Szenario doch nach waschechter (Melo-)Dramatik, die dazu noch als futurische Hommage an die Kunst des großen William Shakespeare deklarieren lassen hätte können – „Upside Down“ weist jedoch nichts davon auf, denn obgleich es hier um die große Liebe und ihre physikalischen Stolpersteine gehen soll, ist diese zu keiner Zeit in irgendeiner Art wirklich fühlbar respektive glaubhaft.

Vielmehr verliert sich der Film in seinen schwerwiegenden Logikkratern und ist in seinem permanenten Color Grading, den kümmerlichen CGI-Effekten und den gleichgültigen Kamerafahrten innerhalb der getrennten Welten ein so artifizielles Unterfangen, dass jedes Interesse an der eigentlichen Liebesgeschichte entzieht. „Upside Down“ zeichnet sich darüber hinaus auch dadurch aus, dass ihm jeder konkreter Sinn für räumliche Kompositionen im physikalischen Disput verloren gegangen ist; alles schreit nach einer fehlerhafter Installation, die letztlich genauso befremdlich wirkt, wie auch die Beziehung zwischen Adam und Eden unglaubwürdig erscheint. In „Upside Down“ wird bedeutungsschwanger über die Parallelität des Seins schwadroniert, darüber, dass die Anziehungskraft zweier Schicksale die Gravitationskraft überwinden kann – Nur geschieht das alles ohne jeden Funken an nachvollziehbarer Emotionalität, sondern bleibt strikt auf Distanz, anstatt mitfühlen lassen zu wollen. Sicher, Juan Diego Solanas hat dem Film eine nette Ausgangslage zugrunde gelegt, nur schafft er es nicht, irgendetwas Positives aus ihr zu modellieren.

Fazit: Als 5-minütige Bildercollage wäre „Upside Down“ sicher ein netter Blickfang gewesen, vielleicht eignen sich so manche Einstellungen auch als überfrachteter Bildschirmschoner, als abendfüllender Spielfilm jedoch ist Juan Diego Solanas Sci-Fi-Romanze ein metaphorischer Totalausfall. Während weder das Drehbuch, die Schauspieler oder die Inszenierung es schaffen hier eine nachvollziehbare Gefühlswelt aufzubauen, verrennt sich das artifizielle Geseiere in kitschigen Phrasen und bedeutungslosen CGI-Konstellationen. Aber auch im Falle von „Upside Down“ ist von vornherein klar, dass dieser Film wohl kaum ein Publikum finden wird – Zu Recht.