“Venus im Pelz” (FR/PL 2013) Kritik – Roman Polanski ein weiteres Mal zwischen Schein und Sein

Autor: Philippe Paturel

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„Meine bessere Hälfte“, sagt man das noch? – Wieso, was sagt man denn heutzutage? – „Arschloch.“

80 Jahre hat Altmeister Roman Polanski („Rosemarys Baby“) bereits auf dem Buckel, doch das kann ihn nicht davon abhalten, sich weiterhin seiner Leidenschaft für das Filmemachen und das Theater zu widmen. Doch wo sein letzter Film „Der Gott des Gemetzels“, eine Adaption von Yasmina Rezas gefeiertem, gleichnamigen Bühnenstück, nicht gänzlich überzeugen konnte und sich in oberflächlicher, eintöniger Kritik am Bildungsbürger verlor – von Subtext keine Spur – ist „Venus im Pelz“ nun eine von Polanskis persönlichsten Arbeiten geworden und nach „Der Ghostwriter“ ein weiterer Zeugnis dafür, dass man von ihm jederzeit eine Glanzleistung erwarten sollte. Seine Adaption von Leopold von Sacher-Masochs Novelle „Venus im Pelz“ ist eine verspielte, oft amüsante Liebesgeschichte der etwas anderen Art, in der zwei Schauspieler über sich selbst hinauswachsen. Den Darsteller_innen-Preis in Cannes hätten für ihre Leistungen in „Venus im Pelz“ dieses Jahr auch ohne Weiteres Mathieu Amalric und Emmanuelle Seigner verdient gehabt.

Thomas (Mathieu Amalric) ist verärgert. Den ganzen Tag hat er für das Casting einer passenden Hauptdarstellerin für seine Theateradaption der Novelle „Venus im Pelz“ vergeudet. Doch keine der Kandidatinnen genügt seinen Ansprüchen. Sichtbar genervt packt er seine sieben Sachen zusammen, doch ehe er das Theater gen Heim verlassen kann, erscheint unerwartet eine mysteriöse Frau (Emmanuelle Seigner), gekleidet wie eine Prostituierte, im Theater. Sie möchte für die Rolle der Protagonistin Vanda vorsprechen und gibt alles dafür, dass sie trotz ihrer Verspätung eine Chance dazu erhält. Thomas lässt Vanda nach viel Überzeugungsarbeit ihrerseits schließlich doch noch vorsprechen. Dabei entwickelt sie sich langsam zur Herrin der Lage und macht Thomas immer mehr zu ihrem Untertan.

Roman Polanski hätte es sich so einfach wie bei der Adaption von Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ machen und schlichtweg erneut ein Dialogfeuerwerk abfilmen können. Doch in „Venus im Pelz“ geht er weiter. Oberflächlich als Charakterdrama angelegt, greift „Venus im Pelz“ viel tiefer. Sicherlich steht an erster Stelle die gegenseitige Abhängigkeit und die Hassliebe zwischen einem Regisseur und seiner Schauspielerin. Die Machtgefüge zwischen dem Regisseur Thomas und seiner Darstellerin Vanda inszeniert Polanski als sadomasochistisches Geflecht. Wann muss wer die Führung übernehmen, damit ein Regisseur einen guten Film auf die Leinwand bzw. ein gutes Stück auf die Bühne bringen kann? Kurz gesagt: Wann küsst wer wem die Schuhe?

Polanski zeigt aber auch, wie das eigene Regieprojekt zur Obsession werden kann und geht sogar soweit, dass Thomas kaum noch zwischen Schein und Realität unterscheiden kann. Immer wieder ruft Thomas’ Frau Marie-Cécile an, wann er denn endlich zum Abendessen nach Hause kommt. Diese Telefonate stellen die markantesten Momente in Thomas obsessiver Entwicklung dar. Jedes Mal, wenn Richard Wagners Walkürenritt als Handyklingelton ertönt, kommt Thomas seiner persönlichen Apokalypse einen weiteren Schritt näher. Dabei geht Polanski auch der Frage nach, inwieweit die Fantasie eines Autors durch eigene Lebenserfahrungen geprägt ist und ab wann ein Drehbuch mehr als nur eine intime Note besitzt.

Die Wahnvorstellung war natürlich schon immer eine von Polanskis Lieblingsthemen. Insofern kommt „Venus im Pelz“ nicht an seine bedeutsamen Meisterwerke wie den Psychothriller „Der Mieter“ heran. Das muss „Venus im Pelz“ aber auch gar nicht. Zu ernst nimmt sich Polanski glücklicherweise eh nicht mehr. Trotz der subtilen Inszenierung und des hohen künstlerischen Anspruchs ist „Venus im Pelz“ stets ein unterhaltsames Kammerstück, was vor allem den Dialogwellen zu verdanken ist, welche sich Amalric und Seigner konstant und ohne Angst auf Verluste gegenseitig entgegenrollen. Es ist ein Hochgenuss, diesem Geschlechterkampf zuzusehen, welcher für beide einen weiteren Karrierehöhepunkt darstellt.

Im Gegensatz zu Polanskis letztem Film „Der Gott des Gemetzels“, in dem jede Szene zwanghaft die Vorangegangene in Sachen Dialogwitz und Situationskomik überbieten musste, kommen die Pointen in „Venus im Pelz“ glücklicherweise nur portioniert. Ansonsten ist es Polanski dieses Mal viel mehr daran gelegen, sich noch tiefer mit zwischenmenschlichen Beziehungen und mit seiner eigenen fragwürdigen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Machtspiele, Geschlechterkampf und vor allem sexuelle Unterdrückung sind nur drei Themen, welche Polanski in Zeit und Raum minimalistisch und subtil als Theaterstück in Szene gesetzt hat, aber gleichzeitig einen viel größeren Rahmen schenkt. „Venus im Pelz“ ist ein Meta-Film durch und durch, weswegen eine Sichtung bei weitem nicht ausreicht, um dieses Stück komplett zu erfassen. Ja, Polanski ist zurück und dieses Mal hat er seinen außergewöhnlichsten, aber auch persönlichsten Film seit „Der Pianist“ gedreht – grenzgeniale Liebeserklärung an John Fords Western „Ringo“ inklusive.