"Verblendung" (USA, SE, DE, UK 2011) Kritik – Das beste unnötige Remake aller Zeiten

„They say that I’m insane. No, it’s okay, nod. I am insane.“

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Hollywood gehen die Ideen aus: Reboots, Remakes und Fortsetzungen, wohin das Auge reicht. Auch im Ausland, insbesondere Europa, wird seit einigen Jahren fleißig gewildert. Doch der amerikanische Remake-Wahn beschränkt sich nicht nur auf die Klassiker des europäischen Kinos, nein, auch neuere Kino-Erfolge werden (meist) unnötigerweise neu aufgelegt. Warum Untertitel und synchronisierte Filme für das amerikanische Publikum scheinbar unzumutbar sind, bleibt wohl ewig ein Rätsel. Jüngstes Remake-Opfer ist der gefeierte erste Teil von Stieg Larssons Millenium-Trilogie „Verblendung“ und dabei kam der Thriller aus dem frostigen Norden doch erst Anfang 2009 in die europäischen Kinos. Glücklicherweise ist „Verblendung“ mehr als nur eine amerikanisierte Kopie des schwedischen Krimihits von 2009 geworden, zu verdanken ist das „Fight Club“-Regisseur David Fincher, der sich im düster-verschneiten Schweden sichtlich wohlfühlt, und einen spannenden, kurzweiligen und atmosphärisch dichten Thriller inszeniert, der sich locker mit dem Original messen kann und ihn in einigen Punkten sogar noch übertrifft.

Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wird vom Großindustriellen Henrik Vanger (Christopher Plummer) angeheuert, um Nachforschungen über den Verbleib seiner seit über 40 Jahren vermissten Nichte Herriet anzustellen. Henrik Vanger vermutet, dass einer seiner Verwandten für das Verschwinden seiner Nichte verantwortlich ist, da diese nur aus Lügnern, Betrügern und Nazis bestehen würde. Unterstützung bekommt Mikael Blomkvist von der jungen Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara), die Blomkvist nicht nur mit ihrem Aussehen, sondern auch mit ihrer beeindruckenden journalistischen Spürnase beeindruckt. Gemeinsam bringt das ungleiche Team eine grausame Wahrheit ans Licht…

David Fincher ist ein Meister seines Fachs und das hat er mit „Verblendung“ einmal mehr unter Beweis gestellt. Fincher erschafft ein bedrohliches und zugleich fast märchenhaftes Bild des modernen Schwedens. Fängt er in einem Moment herrlich verschneite Landschaftspanoramen ein, offenbart er im nächsten Moment die düsteren Abgründe des modernen Großstadtlebens. Hier ist die bedrohliche Atmosphäre, die durch den knarzigen, pulsierenden Soundtrack von Trent Reznor noch verstärkt wird, direkt greifbar. Doch auch das Leben außerhalb der Großstadt hat seine Schattenseiten, nur sind diese nicht sofort sichtbar. Hier ist nichts, was es scheint, das gilt nicht nur für die Familie Vanger mit ihrer dunklen Familiengeschichte, sondern auch für die Natur als solche. Fincher verwandelt das Winter-Wunderland mit voranschreitender Fallentwicklung in eine menschenunfreundliche, eisige Hölle, die dem Großstadtmensch Blomkvist während der Ermittlungsarbeiten sichtlich zu schaffen macht.

Wer im Vorfeld geglaubt hat, dass Noomi Rapace als geheimnisvolle Goth-Lady Lisbeth Salander nicht mehr zu übertreffen sei, der wird seine Meinung nach Rooney Maras („The Social Network“) Leistung in „Verblendung“ noch mal überdenken müssen. So fesselt diese Lisbeth nicht nur durch ihr Aussehen, wirkt Rooney Mara doch fast wie ein zerbrechliches, androgynes Wesen, das direkt aus einem Marilyn-Manson-Videoclip entsprungen sein könnte, sondern auch ihr Charakter ist deutlich düsterer und aggressiver angelegt, als es noch in der 2009-Version der Fall war. Lisbeth ist eine Figur voller Gegensätze, was sie zu einer unberechenbaren, aber auch geheimnisvollen Persönlichkeit macht und Rooney Mara weiß das Potenzial dieser Figur gekonnt auszuspielen und die Zuschauer so in ihren Bann zu ziehen. Darunter hat natürlich insbesondere Spielpartner Daniel Craig („Casino Royale“) zu leiden, der in den gemeinsamen Szenen oftmals den Kürzeren zieht. Doch auch Daniel Craig weiß in seiner Rolle als cleverer Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist zu gefallen und gibt den sympathischen Jedermann aus der Großstadt, und stellt damit das perfekte Gegenstück zur extremen Lisbeth dar.

David Fincher hat das Kunststück vollbracht, ein eigentlich unnötiges Remake doch noch in ein echtes Kino-Highlight zu verwandeln. Kleinere Längen werden mühelos durch die perfekte Inszenierung überdeckt und letztendlich bleibt es halt eine Geschmacksfrage, ob man nun Finchers treibender Inszenierung oder der unaufgeregten Erzählweise von Niels Arden Oplev, Regisseur der 2009-Version, den Vorrang gibt, schlecht ist definitiv keiner der Filme. Ob und mit welchem Regisseur die Ermittlungsarbeiten von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander weitergehen werden, steht bisher noch in den Sternen. Fincher jedenfalls hat momentan mehr als genug Projekte am Laufen. So gilt er immer noch als heißer Kandidat für eine Verfilmung des Jules-Verne-Klassikers „20.000 Miles unter dem Meer“, außerdem arbeitet er bereits an einer Verfilmung des Kult-Comics „The Goon“.

Fazit: Düster, brutal, spannend, das ist „Verblendung“. Fincher inszeniert nach „Sieben“ und „Zodiac – Die Spur des Killers“ einen weiteren Thriller auf gewohnt hohem Niveau und zeigt einmal mehr, dass er zu den ganz großen seiner Zunft gehört.

Bewertung: 8/10 Sternen