Regisseure im Fokus: Verführung, Politik, Freiheit, Rise & Fall – Vier Werke des Stanley Kubrick

Autoren: Sebastian Groß, Pascal Reis

„Spartacus“ (USA 1960)

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„And maybe there’s no peace in this world, for us or for anyone else, I don’t know. But I do know that, as long as we live, we must remain true to ourselves.“

„Spartacus“ – Die einzige Auftragsarbeit des legendären Visionärs Stanley Kubrick. Mit gebundenen Händen und den wachsamen Augen von Kirk Douglas im Nacken, der „Spartacus“ produzierte, musste sich Kubrick am Drehbuch von Dalton Trumbos entlanghangeln und gleichzeitig auf die künstlerischen Freiheiten verzichten, die ihn in seiner späteren Laufbahn zu der unantastbaren Koryphäe machten, die er heute für die Filmwelt darstellt. Geschadet haben ihm diese Beschränkungen letzten Endes nicht, hat er doch zum einen im Jahre 1975 mit „Barry Lyndon“ sein ganz eigenes Epos inszenieren können und zum anderen genießt „Spartacus“ heute zu Recht den Ruf eines waschechten Monumental-Klassikers. Und tatsächlich fügt „Spartacus“ all das zusammen, was es für einen richtigen Monumental-Film benötigt: Ein charismatische Hauptdarsteller und Held (Kirk Douglas), hervorragende Fotografien (Metty, Stine) eine wunderbare Ausstattung, bei der man die historische Genauigkeit mal etwas zur Seite drängen darf, genau wie bei der Handlung selbst, die sich größtenteils um fiktive Geschehnisse klammert, ein antreibender wie untermalender Score (Alex North) und natürlich die üppige Laufzeit von knapp 190 Minuten.

Die Zutaten stimmen, die Inszenierung weist sicher ihre Mäkel auf und macht es sich auch, gerade in Bezug auf die Darstellung der Historie, etwas zu einfach, doch „Spartacus“ weiß nach wie vor zu überzeugen. Die Geschichte des Sklaven, der zum Gladiator wird und dann zum rebellierenden Anführer der Freiheitskämpfer, ist eine spannende. Themen wie Ehre, Neubeginn, Kultur und Liebe werden mit in die Szenerie gebunden und die philosophische Essenz von „Spartacus“, nämlich die Frage nach dem Wert und der Bedeutung des Menschen, steht immer über allen Dingen. Mit der hervorragenden Schlusssequenz, weiß Kubrick den Film mit einer Tragik zu beenden, die noch einem vollends berührt und bewegt.

„Lolita“ (USA 1962)

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„I haven’t missed you. In fact, I’ve been revoltingly unfaithful to you.“

Die unschuldige Blüte der Jugend, so verführerisch, so unverbraucht und dennoch ist das Kosten von ihr strikt untersagt, doch moralische Befangenheit kann schnell durchbrochen werden und Manie ebenso rasch zu nacktem Eifer konvertieren. Damals skandalös, ist „Lolita“ grundsätzlich zwar immer noch mit einem durchaus aktuellen Thema bestückt, aber lange nicht mehr mit der hallenden Brisanz verbunden, wie er es im Erscheinungsjahr war. Stanley Kubricks ambige Romanadaption des gleichnamigen Stoffes von Vladimir Nabokov, brilliert primär durch sein fantastisches Drehbuch und dem wunderbar aufgelegten Ensemble (le trio infernale: James Mason, Peter Sellers, Sue Lyon), das die interessanten Umwandlungen jedes Charakters ohne Identifikationsfläche, dafür mit verlässlicher Glaubwürdigkeit ausspielt.

In „Lolita“ geht es um obsessives Verlangen und krankhafte Eifersucht. Humbert (James Mason) ist einzig und allein abhängig von der zweifelhaften Vorstellung, in Lolita verliebt zu sein, mit Liebe hat seine egoistische Zuneigung letztlich nichts gemein. Die Beziehungskonstellation wird zu einem Bildnis bestehend aus (Selbst)Betrug und (Eigen)Zerstörung. Hebephilie und Eigenerniedrigung gehen Hand in Hand, die Kohabitation vernebelt jegliches Zusammensein, doch die freizügige Karte wird nie ausgespielt, sondern versteckt sich zwischen den Zeilen. Man kann „Lolita“ ein gewisses Maß an langatmiger Breite nicht absprechen, das ändert jedoch nichts daran, dass Stanley Kubrick hier ohne Frage einen interessanten und mit vielen Zwischentönen gesegneten Klassiker inszeniert hat.

„Dr. Seltsam“ (GB 1964)

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„Gentlemen. You can’t fight in here. This is the War Room!“

Morgen könnte die Welt untergehen! Glauben Sie nicht? Ist aber so, denn am roten Startknopf für die Atomraketen, die überall auf der Welt verteilt sind, sitzen Menschen. Leute von der Armee, der Politik, vielleicht der Wissenschaft, aber es ändert nichts daran: es sind NUR Menschen. Ist diese Vorstellung nicht absolut beängstigend? Der Druck eines Knopfes und schon wäre der Planet nur noch eine Ruine. Oh ja, daraus könnte man großes Drama basteln. So viele Tote, so mannigfaltige Zerstörung. Hach, was wäre das für ein emotionales Fest. Doch Regie-Legende Stanley Kubrick machte aus der Vorbereitung zur Zerstörung der Welt eine hinreißende Komödie. Eine herrlich sarkastische Satire, die uns zeigt, wie die Mechanismen der Macht funktionieren und wie schnell diese versagen.

In „Dr. Seltsam“ reicht ein bockiger, dummer General um ein Chaos in Gang zu setzen, das seines gleichen sucht. Das spielt zwar alles zu einer Zeit, als Mauerfall und Perestroika bloßes Wunschdenken war, doch auch heute hat Kubricks bitterböse wie teils groteske Karikatur des kalten Krieges nichts von der Bissigkeit eingebüßt. Erst kürzlich wurde ein Bild veröffentlich, auf dem zu sehen war der der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un im Schlapperlook und mit Zigarette in der Hand einen Atomtest überwachte. Dieses Bild, welches eine fast schon angsteinflößende Beiläufigkeit suggeriert, präsentiert uns das gleiche Schauspiel wie „Dr. Seltsam“: am Ende liegt es vielleicht an nur einem Menschen, ob unsere Welt kollidiert oder nicht. Das ist eine Erkenntnis, die Kubrick gewiss mit erhobenen Zeigefinger hätte wiedergeben können, doch er machte daraus einen großen Witz, vorgetragen von Peter Sellers, einem der wohl besten Komödianten aller Zeiten.

„Barry Lyndon“ (GB 1975)

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„I’m not sorry. And I’ll not apologize. And I’d as soon go to Dublin as to hell.“

„Barry Lyndon“ steht für den frappanten Aufstieg des Redmond Barry und den gravierenden Abstieg des Barry Lyndon. Vom irischen Landknaben zum erhabensten Teil des britischen Adels und zurück auf den harten Boden der fehlgeschlagenen Tatsachen und Wünsche. Die prachtvolle Erhebung aus dem Sumpf der Unscheinbarkeit, der Namenlosigkeit, bis hin zum großen Scheitern. Der Verlust von dem, was plötzlich in greifbarer Nähe war, der Entzug von Luxus, Einfluss und finanzieller Maßlosigkeit. Zwischen Rivalität, Täuschung, Rücksichtslosigkeit und sozialem Metabolismus inszeniert Stanley Kubrick ein zeitgenössisches Portrait über goldene Höhenflüge und pechschwarze Abstürze.

Jede Einstellung wird zu einem barocken Gemälde und fleht in erhabenster wie melancholischer Herrlichkeit nach dem passenden Rahmen. Jedes noch so irrelevante Detail erstrahlt durch die inszenatorische Vollkommenheit. Ausstattung, Schnitt, Kamera – Die Visualisierung hat den Bereich der Perfektion erreicht. Wenn dann noch Georg Friedrich Händels Sarabande einsetzt (allgemein ist der Soundtrack mit Mozart, Vivaldi, Bach, Paisiello und Schubert eine hervorragende Wucht), findet „Barry Lyndon“ einen unantastbaren Einklang. Die Gegenüberstellung von persönlichen und gesellschaftlichen Feinheiten harmoniert in jeder Sekunde, Kubrick kann den Zuschauer sowohl auf menschlicher Ebene berühren und gleichermaßen den durch die audiovisuelle Vollendung seiner wiederbelebten Epoche verführen. Überlebensgroß. Einzigartig. Atemberaubend.

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