"Das Verschwinden der Eleanor Rigby: Him & Her" (US 2014) Kritik – Die Gegenwart ist die schwierigste Zeit

Autor: Levin Günther

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„A shooting star lasts only for a second, but you’re still glad that you saw it.“

Der Regisseur Ned Banson hatte eine ganz tolle Idee, als er eine kriselnde Beziehung zweier Menschen anhand von zwei Filmen zeigen wollte. Ein Film aus der Sicht der Frau und ein Film aus der Sicht des Mannes. Mit dem „Verschwinden der Eleanor Rigby“ hat er eben dies gemacht und den beiden Teilen den Zusatztitel „Her“ und „Him“ verpasst. Aber selbst wenn Namen wie James McAvoy und Jessica Chastain im Film zu sehen sind (mit welchen wirklich eine perfekte Wahl getroffen wurde), ist es für eine Produktionsfirma zu riskant, zwei Einzelfilme zu veröffentlichen, die eine Geschichte erzählen. Sowas geht nicht mehr, weshalb Ned Banson zudem eine dritte Version zusammengeschnitten hat, die Szenen von „Her“ und „Him“ vereint und so die Geschichte in einem Film erzählt. Der Autor dieser Zeilen weist darauf hin, dass er lediglich die Einzelfilme gesehen hat, nicht aber die Fassung für den großen Kinomarkt.

„Das Verschwinden der Eleanor Rigby: Her“ (2014)

Ned Banson verweigert dem Zuschauer das Leiden/ die Freude der graphischen Dramatik und bleibt nicht nur über die ganze Laufzeit hinweg bemerkenswert ruhig, er lässt jene Geschehnisse auch außerhalb des Bildausschnittes vorkommen oder aber er blendet vorher ab. Erfreulicherweise umschifft er trotz solcher Kniffe jedoch stets die Überstilisierung und opfert die Leidensgeschichte von Eleanor und Connor nicht dem Visuellen. Den Puls aufwärmende Aktionen muss Banson gar nicht zeigen; das wirklich Dramatische spielt sich voll und ganz in den Köpfen der Charaktere und Zuschauer statt. Während viele Indie-Filme oft das Absurde oder „Kultige“ suchen, eben diese liebenswerten Details, die leider oft einen größeren Eindruck hinterlassen als die Geschichte an sich, nimmt das erste Segment des Eleanor-Triptychons Abstand von herzerwärmenden Lachern und konzentriert sich auf die ruhige Hoffnungslosigkeit, tragischen Verwirrung und Furcht in dem Leben der Protagonistin. Wir sehen Eleanor verwirrt, missverstanden, genervt, von (Selbst-)Hass erfüllt, bis sie sich selbst nicht mehr ausstehen kann und jeder Blick in einen Spiegel zur Aggression führt. Eleanor möchte, verständlicherweise, oft aus ihrem Leben fliehen. Sie versteckt sich in ihrer Zukunft, ihrer Vergangenheit und abseits der Realität. Alles nur nicht hier. („Can we drive aimlessly?“) Hier wird von ihr lediglich verlangt, mit einer abnormalen Situation normal umzugehen. Normalität ist es, die ihre Familie und ihre Freunde aufbauen wollen und damit von Eleanor etwas für sie Unmenschliches verlangen. Wieso soll sie „zum Vorher zurückkehren“, wenn das de facto nicht möglich ist? Schön, traurig.

„Das Verschwinden der Eleanor Rigby: Him“ (2014)

Eleanor zieht sich in ihrer Geschichte zurück, bleibt für sich, will sich abgrenzen und gar bis zum Ende nur für sich sein. Connor dagegen reagiert auf eine andere Weise. Er baut sich einen Schutzwall um seine Person, seinen Lebensbereich. Einen Wall aus Sarkasmus, Zynismus, Desinteresse und Selbstzerstörung. Probleme und jedwede Sinneseindrücke, die sein gerades Ungleichgewicht noch weiter ins Wanken bringen, werden nicht absorbiert sondern reflektiert. Er gibt die Eindrücke direkt wieder zurück. Im Gewalt-erzeugt-Gegengewalt-Prinzip. Nur dass die ursprüngliche Gewalt nicht mehr erreichbar ist und die Gegengewalt ein wenig ziellos und schwingend durch die Welt geistert. Dazu gesellt sich das Problem, dass Connor durch diese selbstschützende Einstellung die Signale seiner Außenwelt nicht mehr einschätzen kann und dann nicht mehr sieht, wann Gefahr droht und wann Hilfe angeboten wird. So läuft der Protagonist die ganze Zeit seinem Leben hinterher. Er hinterlässt überall Spuren und Abdrücke, vielleicht ohne es zu merken und sieht zu allen Seiten bloß nebulöses Dickicht, wodurch er nicht merkt, dass er nicht der einzige Mensch ist, der eine Situation durchlebt und -leidet. Und so wie das Konzept der Filme dem Zuschauer mehrere feine Versionen bietet, eröffnen sich auch Connor mit der Zeit mehrere Ansichten. Selbst die Szenen, die ihren Kompagnon in dem Film mit Eleanor haben verlieren hier nicht an Wirkung, sind nicht langweilig oder gar redundant, da sie neue Details hinzufügen oder von einer anderen Perspektive wahrgenommen werden (dafür sorgt Ned Banson mit kleinen Variationen in der Zusammensetzung der Szenen). Anders als Eleanor ist Connor aktiver, er fährt aus sich raus, lässt abprallen und prallt ab. Und so nimmt auch der Film an der Action teil. Hier wird nicht abgeblendet oder weggeschwungen, hier wird mitgerannt. In der Hoffnung, irgendwann aus dem Nebel herauszutreten und endlich wieder frische Luft atmen zu können. Solange es auch dauern mag.

„Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ (2014)

Etwaige Spekulationen, Ned Benson begegne seinen Protagonisten mit therapeutischer Nüchternheit, erweisen sich als unfundierte Unkenrufe, stattdessen veranschaulicht er, dass manchmal eben nur Aufrichtigkeit und Güte reanimierend Wirkungen zeigen. […] „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ führt unsere Charaktere durch eine unstetes Tal brodelnder Emotionen, Eleanor und Conor sehen sich gezwungen ihre Liebe zu hinterfragen und einzelne Momente Revue passieren zu lassen. Wie aber soll gegenseitige Liebe (auf-)atmen können, wenn man sie nur aus der Rekapitulation, als Produkt verblasster Impressionen, zurückgewinnen kann? Es ist ein Suchen und Finden, ein Fliehen und Stehen, aber niemals ein Loslassen und aus dem Herzen verbannen. Eleanor versucht ihr Leben neuzuordnen, doch um einen Neuanfang wagen zu können, muss sie vorerst lernen, sich selbst zu akzeptieren und nicht jeden Spiegel zwanghaft umzudrehen, in dem sie ihr Gesicht erblickt. […] Ned Benson beweist sein Gefühl für melancholische Taktungen, begegnet seinen Charakteren auf Augenhöhe und lässt vor allem Jessica Chastain erstrahlen, die durch ihr fragil-nuanciertes Spiel erneut beweist, warum sich ganz Hollywood um die rothaarige Grazie reißt.

Mehr über „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ findet ihr in der externen Kritik von Pascal HIER.