"Das Versprechen" (USA 2001) Kritik – Das selbstzerstörerische Scheitern

„Ginny hat einen Riesen gekannt. Er war so groß wie ein Berg und sie hat Igel von ihm bekommen. Sie hat gesagt, dass er ein Zauberer ist.“

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Wenn sich hochangesehene Schauspieler als Regisseur versuchen, dann sind die Erwartungen natürlich hoch. Sean Penn, einer der besten Charakterdarsteller unserer Zeit, widmete sich in seiner dritten Regiearbeit ‚Das Versprechen‘ aus dem Jahr 2001, dem gleichnamigen Weltroman von Friedrich Dürrenmatt. Penn inszeniert mit viel Fingerspitzengefühl ein Krimi-Drama, das sich vielmehr um den Ermittler kümmert, als um die Mördersuche selbst.

‚Das Versprechen‘ kann mit einigen tollen Naturaufnahmen von Nevada glänzen und Kameramann Chris Menges durchzieht die Bilder mit spürbarer Kälte, die sich immer deutlicher macht, je weiter wir in die Geschichte eindringen. Der emotionale Score von Hans Zimmer und Klaus Badelt wird immer genau an den richtigen Stellen eingespielt und unterstreicht die berührende Tiefe.

In der Hauptrolle sehen wir Jack Nicholson, der schon bei ‚Crossing Guard‘ mit Sean Penn zusammen gearbeitet hat. Nicholson verkörpert den frisch pensionierten Ermittler Jerry Black, den der Mordfall an der kleinen Ginny nicht loslässt. Nicholson ist natürlich ein wunderbarer Charakterdarsteller, der jede Rolle mit seiner typischen Ausstrahlung zu etwas ganz besonderem machen kann. Hier hält er sich mit seinem Schauspieler aber sogar etwas zurück und arbeitet vor allem mit seiner unverkennbaren Mimik, die er wie gewohnt toll ausspielt. Aber auch die kleinsten Rollen sind hier fantastisch besetzt: Robin Wright Penn, Aaron Eckhart, Benicio del Toro, Mickey Rourke, Harry Dean Stanton und Helen Mirren zeichnen den weiteren Cast aus und können in ihren mehr oder weniger kleinen Rollen Akzente setzen.

Jerry steht kurz vor seiner Pensionierung. Auf seiner Überraschungsfeier wird er mit der Nachricht des Todes an einem kleinen Mädchen konfrontiert. Jerry fährt zum Tatort und klärt darauf die Eltern des Mädchens über den Tod auf. Er verspricht der Mutter, den Mörder zu finden und mietet darauf eine Tankstelle, in der er Lori, die von ihrem Ex-Mann regelmäßig verprügelt wird, und ihre kleine Tochter aufnimmt. Jerry hat aber einen ganz anderen Plan mit dem Mädchen und er ahnt noch nicht im Ansatz, worauf er sich mit dem Versprechen eingelassen hat.

Die Gemeinsamkeiten zum Filmklassiker ‚Es geschah am hellichten Tag‘ sind natürlich überdeutlich. Dürrenmatt, der einst das Drehbuch zu dem Film schrieb, war mit dem Endprodukt nicht zufrieden und schrieb im gleichen Jahr noch seinen Roman „Das Versprechen“. Diesem Stoff nimmt sich Penn an und es gibt einen ganz klaren Unterschied zum Klassiker: die Charakterzeichnung.

Penn gestaltet, wie Dürrenmatts es sich wünschte, seinen Ermittler mit viel mehr Tiefgang und Ruhe. Jerry ist ein respektierter und anerkannter Ermittler der Mordkommission. Ausgezeichnet hat ihn immer sein richtiger Riecher, doch jetzt steht sein Dienstende vor der Tür und entspanntes Angeln in Mexiko steht als nächstes auf dem Terminkalender. Wäre da nicht das furchtbare Verbrechen an dem kleinen Mädchen. Der geistig behinderte Tony gibt die Tat zu und erschießt sich darauf in seiner Zelle. Der Fall ist für die anderen Polizisten abgeharkt. Doch nicht für Jerry. Er ist davon überzeugt, dass der Mörder noch frei ist. Ihn lässt der Fall einfach nicht los und er befragt jeden, der etwas mit dem kleinen Mädchen zu tun hatte. Er geht sogar so weit, ein kleines Mädchen als Köder zu benutzen um den Mörder langsam anzulocken. Jerry wird zunehmend paranoider und gibt sich als liebevoller Ersatz-Papa aus. Doch sein Plan will nicht aufgehen und er steigert sich immer mehr in den Fall. Er wird Kettenraucher und Alkoholiker und die Beziehungen, die er sich aufgebaut hat, zerbrechen im Angesicht der Wahrheit.

Wir bekommen also einen Mann, der an seinem eigenen Wort scheitert und zerbricht. Die Besessenheit, die Jerry betrifft, nimmt immer schlimmere Ausmaße und verkommt zur bitteren Tragödie. Seine Überzeugung lässt ihn immer mehr zerfallen und die vaterlose Familie dient nur der Auflösung selbst. Was auch noch seinen Teil zur bitteren Ungewissheit beiträgt ist die Tatsache, dass uns nicht gezeigt wird, wer hier der Mörder ist. Anders als in ‚Es geschah am hellichten Tag‘, in dem es für den Zuschauer nicht darum geht, den Mörder zu entlarven, sondern darum, wie Kommissar Matthäi diesen Mann erwischt. Hier tippen wir im Dunkeln und dort bleiben wir auch, genau wie Jerry, der sich immer mehr selbst aus den Augen verliert.

Sean Penn inszeniert mit ‚Das Versprechen‘ keinen typischen Krimi, in dem die Grenzen zwischen dem Guten und dem Bösen klar aufgezeigt werden und wir die klaren Protagonisten und Antagonisten aufgetischt bekommen. Es ist viel mehr. Es gibt den Mörder, doch deutlich wird er nie. Im Gegensatz dazu Jerrys Fehlverhalten, der quasi dem Raubtier einen lebenden Köder vor die Nase hält und sich auf einen wankenden Grat begibt. Penn stellt uns immer mehr Charaktere und Namen vor, bei denen die Konzentration des Zuschauers immer gefordert wird, sonst könnte man vielleicht den Bezugspunkt und die kleinen Details übersehen.

Durch sein stilles, aber nicht gemächliches Tempo, braucht man als Zuschauer die nötige Ruhe und das Interesse, sonst vergisst und verliert man sich in den eigentlich kaum auffälligen Längen und verpasst eine sorgfältige, düstere und durchaus pessimistische Charakterstudie, mit einem unvergesslichen Ende, das weder Erlösung noch Hoffnung gibt.

Fazit: ‚Das Versprechen‘ ist kein Thriller voller Hochspannung, der unbedingt fesseln und zum Staunen bringen will. Viel mehr ist es eine tiefgründige und selbstzerstörerische Reise in die Abgründe der Besessenheit. Die tollen Darsteller, die kalten Bilder, der emotionale Soundtrack und die bedrückende Atmosphäre machen den Film zu einem Ausnahmekrimi, den man schnell falsch einordnen könnte und auf Grund falscher Erwartungen enttäuscht wird.

Bewertung: 8/10 Sternen