"Die Verurteilten" (USA 1994) Kritik – Eine lebenslange Freundschaft

„Die Mauern hier sind schon komisch. Anfangs hasst du sie, nach einer gewissen Zeit gewöhnst du dich dran. Und wenn noch mehr Zeit vergangen ist, kannst du ohne sie nicht mehr leben.“

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Wenn Bücher verfilmt werden, ist das ja immer ein recht schwieriger Fall. Da kommen dann die Erwartungen der Bücherfans und der eigene Druck, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Dementsprechend anspruchsvoll ist es natürlich auch, ein Buch von Stephen King auf die Leinwand zu bringen. Dabei sind es immer wieder unterschiedliche Dinge, die dem Filmprojekt im Wege stehen. Mal werden seine Romane falsch interpretiert, manchmal sogar auch von Stephen King selber, mal in eine belanglose Schublade gesteckt, die keine Entfaltungsmöglichkeiten bietet und mal liegt es auch an der Unfähigkeit von bestimmten Regisseuren, die sich nicht auf den Kern des Stoffes konzentrieren können, sondern sich immer nur in losen Phrasen und uninteressanten Ansätzen verlieren. Es gibt jedoch zwei Regisseure, genaugenommen drei, wenn man Stanley Kubrick und sein Meisterwerk ‚Shining‘ mit einbeziehen würde, die es verstehen, eine Vorlage von King gekonnt umzusetzen: Rob Reiner und Frank Darabont. Rob Reiner konnte mit ‚Misery‘ und ganz besonders ‚Stand By Me‘, einem der besten Filme der 80er Jahre, glänzen. Auch Darabont hat sich mit Sachen wie ‚Der Nebel‘ oder ‚The Green Mile‘ zwei Vorlagen von Stephen King angenommen, auch wenn er bei ‚The Green Mile‘ etwas zu dick aufgetragen hat und sich in schwere Rührseligkeit fallen ließ. Bleiben wir jedoch bei Darabont und widmen uns noch einer anderen King-Verfilmung, die auch gleichzeitig eine der besten Verfilmungen überhaupt darstellt und in allen Top-Filmlisten der Welt auftaucht: ‚Die Verurteilten‘ aus dem Jahre 1994.

Das Urteil für den Bankmanager Andy Dufresne ist ein eindeutiges: zweimal lebenslänglich gab es für den Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber. Andy beteuert jedoch, unschuldig zu sein, doch die Beweise sind eindeutig und ganz klar gegen ihn gerichtet. Er wird ins Bundesgefängnis Shawshank eingeliefert, eines der härtesten Gefängnisse überhaupt und schnell von dem groben Umgangston eingeholt. Neben den sadistischen Wärtern und den brutalen Mitgefangenen kann ihm nur die Freundschaft zu Red den nötigen Halt geben.

Das Gefängnis steht für Freiheitsentzug. Für die Verschlossenheit hinter riesigen Mauern. Einige sind nur auf Zeit gefangen, andere bleiben für immer und sterben auch darin. Manche kommen unschuldig hinein, andere haben es mehr als nur verdient. Viele geben sich auf, andere wollen kämpfen und die Zeit überstehen oder durchstehen. Diese Atmosphäre versteht Frank Darabont mit ‚Die Verurteilten‘ einzufangen. Die grauen Bilder, alles ist hier farblos und trist, verbunden mit der kargen Einrichtung und dem groben Umgangston lassen ein Feeling entstehen, welches nicht nur glaubwürdig erscheint, sondern auch in die Gefängniswelt hineinzieht. Die ruhige Kameraführung von Roger Deakins kommt mit ihrer unaufgeregten Art natürlich vollkommen richtig und kann mit einigen starken Einstellung und den klaren Aufnahmen im Allgemeinen überzeugen. Der Soundtrack von Thomas Newman rundet das Geschehen hinter den Mauern passend ab, denn gerade die sensiblen Töne beherrscht Newman wie immer grandios. Und auch die schauspielerischen Leistungen sind auf dem allerhöchsten Niveau. Hauptdarsteller Tim Robbins („Mystic River“) als Andy Dufresne überzeugt durch seine ruhige, entspannte und intelligente Art, die schnell sympathisch für den Zuschauer gemacht wird. Ebenso fantastisch ist auch Morgan Freeman („Sieben“) als Andys bester Freund Red, der nicht nur einmal seine Beziehungen für ihn spielen lässt und ihm dadurch eine Zukunft und Kraft schenkt. Aber auch die Nebenrollen sind mit William Sadler („Der Nebel“), Bob Gunton („Geboren am 4. Juli“) und James Whitmore („Planet der Affen“) ausgezeichnet besetzt.

Wenn man einen richtig guten Gefängnisfilm sehen will, dann greift man zu ‚Murder in the First‘, ‚Dead Man Walking‘ oder auch zu ‚Im Namen des Vaters‘. Aber auch an ‚Die Verurteilten‘ wird man nicht vorbeikommen, dabei erweist sich die Geschichte auf den ersten Blick nicht wirklich innovativ oder großartig. Andy Dufresne ermordet 1947 seine Ehefrau und ihren Lover und wird zu zweimal lebenslänglich verurteilt. In das Gefängnisleben vom harten Shawshank passt der intellektuelle Andy natürlich gar nicht rein und die Insassen wetten schon auf den Tag, an dem Andy aufgeben wird und durchdrehen. Doch Andy bleibt und zeichnet sich durch seine beruhigende, gefasste und entspannte Art aus, selbst, nachdem ihm einige andere Mithäftlinge vergewaltigt und misshandelt haben. Er wird langsam angenommen und in den Kreis vom älteren Red aufgenommen. Beide freunden sich an und auch das Rechtswissen von Andy hilft nicht nur ihm weiter, sondern auch den Gefängnisaufsehern, die sich einige Vorteile durch sein Können ziehen dürfen. Die Zeit im Gefängnis baut jedoch nicht nur Freundschaften auf, sondern bringt auch schwere Zeiten mit sich und Menschen die jahrelang im Gefängnis gesessen haben, können sich in der richtigen Welt nicht mehr zurechtfinden. Was jedoch keiner weiß: Andy hat seit Jahren an einem ganz eigenen Plan gearbeitet und wartet nur auf den Tag, an dem er diesen endlich in die Tat umsetzen kann.

Ein gesitteter, freundlicher und intelligenter Mann kommt in eines der härtesten Bundesgefängnisse. Wer hier nicht spurt, bekommt den Knüppel zu spüren und wird nicht nur in die Krankenstation geprügelt, sondern auch mal zu Tode. In dieser kargen und trostlosen Welt muss ich Andy Dufresne wiederfinden, doch er nimmt den Freiheitsentzug nicht mit hoffnungslosem Entsetzen, sondern mit ruhiger Gelassenheit. Er knüpft nach und nach neue Freundschaften im Gefängnis und arbeitet sich nach oben. ‚Die Verurteilten‘ stellt uns die Charaktere in aller Ruhe vor, besonders Andy und Red, mit denen man als Zuschauer sofort sympathisiert und sich immer identifizieren kann. Der lebenslange Freiheitsentzug bedeutet hier nicht das Ende, sondern erst der Anfang von einem völlig neuen Leben, welches trotzdem niemand von uns miterleben möchte. Im Gefängnis atmen man genauso weiter und lernt neue Menschen kennen. Und genau da sind wir bei dem richtigen Wort: Menschen. In ‚Die Verurteilten‘ bekommen wir es mit Mördern, Vergewaltigern und Messerstechern zu tun, doch allen wird die Menschlichkeit gelassen, so dass es einem wirklich schwerfällt, viele von ihnen nicht zu mögen. Es geht hier um eine lebenslange Freundschaft, die auch über die grauen Mauern hinausgeht und nie enden wird. Es geht um die Höhen und Tiefen, um die Hoffnung und das Aufgeben, aber vor allem geht es hier um das, was uns alle ausmacht und was uns selbst das schlimmste Gefängnis nicht nehmen kann. Hier wird kein Wert darauf gelegt, was man einmal war, sondern nur auf das, was man ist und was die Zeit aus einem macht. Eine kalte Welt wird zur neuen Heimat und so schwer uns auch die Vorstellung fallen mag: auch im Gefängnis gibt es Wärme und gute Menschen, die sich kaum von einem selbst unterscheiden. ‚Die Verurteilten‘ ist ein gefühlvolles Drama und ein Aufruf an die oft verloren gegangene Gerechtigkeit.

Fazit: ‚Die Verurteilten‘ ist nicht das große Meisterwerk, für das es immer abgestempelt wird, aber ein verdammt starker und emotionaler Film, der vielleicht etwas früher hätte Enden sollen, aber immer wieder gesehen werden kann und sicher nie langweilig wird. Mit tollen Darstellern, einer packenden Erzählweise, der passenden Atmosphäre und natürlich Darabonts starker Inszenierung wird ‚Die Verurteilten‘ zu einem tollen, interessanten und ebenso unterhaltsamen Drama, mit dem nötigen Tiefgang.

Bewertung: 8/10 Sternen