"Vincent will meer" (DE 2010) Kritik – Mit Florian David Fitz ans Meer

„Ich hab einen Clown im meinem Kopf, der mir ständig zwischen die Synapsen scheißt. Der mich immer zwingt, gerade das zu machen, was ich am wenigsten gebrauchen kann!“

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Der Wunsch von einem normalen Leben ist für Vincent längst in den unmöglichen Bereich gerutscht, denn Vincent leidet am schwierigen Tourette-Syndrom und verliert immer wieder die Kontrolle über seinen Körper. Seine Mutter, eine schwere Alkoholikerin, hat gerade das Zeitliche gesegnet und sein Vater Robert, der seinem Sohn keine Zeit schenkt, schiebt Vincent kurzum in ein Therapiezentrum ab. In diesem Zentrum sollen seine ausufernden Anfälle behandelt werden und im besten Fall auch verschwinden, denn für Robert war das Tourette immer der Grund der gescheiterten Familienverhältnisse. Das Problem bei der ganzen Sache: Vincent hat gar keine Lust auf den Aufenthalt und die ständigen Gespräche. Mit der magersüchtigen Marie kommt eine Person in sein Leben, mit der er die Flucht in Angriff nehmen kann und aus der Anstalt entfliehen. Der Plan wird auch kurze Zeit danach in die Tat umgesetzt und mit dem Auto der Anstaltsleitung Dr. Roses machen sich die beiden Patienten, zusammen mit dem zwangsneurotischen Alexander auf die Reise zum Meer, dem Ort, an den Vincent schon immer einmal sein wollte. Doch Dr. Roses und Vater Robert heften sich den Flüchtenden schon an die Fersen…

Von der deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) wurde „Vincent will meer“ ohne Umschweife mit dem Prädikat Besonders wertvoll bedruckt. Darüber hinaus gab es gleich noch zwei deutsche Filmpreise (Hauptdarsteller und Film), zwei bayerische Filmpreise (Publikumspreis und Drehbuch) und den Bambi, ebenfalls für den Hauptdarsteller Florian David Fitz. Und wenn ein Darsteller schon gleich zwei bedeutende Preise, jedenfalls aus deutscher Sicht, gewinnen konnte, dann darf man davon ausgehen, dass man hier durchaus eine äußerst ansprechende Performance geboten bekommt. Florian David Fitz („Männerherzen“) ist ohne Wenn und Aber auch das große Highlight von „Vincent will meer“ und liefert eine wunderbare Darstellung als Tourette-Kranker Vincent ab. Hier wirkt nichts gestellt oder überzogen, sondern immer respektvoll wie ehrlich dargeboten. Karoline Herfurth („Der Vorleser“), Johannes Allmayer („Männerherzen – und die ganz ganz große Liebe“) und Heino Ferch („Der Baader Meinhof Komplex“) erreichen nie die Klasse von Fitz, denn dafür sind die Charaktere immer wieder zu schablonenhaft gezeichnet und verlieren sich hin und wieder in den altbekannten Mustern.

Heutzutage sind wir an einem Punkt angekommen, an dem sich Regisseure einer ernsten Thematik immer mit der gewissen Lockerheit widmen. Sei es eine schwere Krankheit, die dunkle Vergangenheit bestimmter Länder oder auch sonstige gesellschaftliche Probleme. Ralf Huettner macht das mit seiner Tragikomödie „Vincent will meer“ zu keinem Zeitpunkt anders. Als Protagonisten bekommen wir einen am Tourette-Syndrom leidenden Mitzwanziger, dessen Leben durch die schwere Krankheit bestimmt wird und jegliche Normalität vermissen lässt. Sicher ist die Charakterzeichnung dabei auf allen Seiten immer wieder ein Wettlauf gegen die Klischees, denn Vincent kämpft zum Beispiel seit frühsten Kindertagen mit den Anfällen, wurde aber zu keinem Zeitpunkt in eine Therapie geschickt. Allgemein sollte man von „Vincent will meer“ keinen großen Tiefgang erwarten und wenn dann mal wirklich ernste Töne angeschlagen werden, sind diese auch in Windeseile schon wieder überwunden. Ralf Huettner legt seinen Schwerpunkt auf die Unterhaltung, mischt hier und da etwas Charakter-Tragik ins Geschehen und schlängelt sich geschickt an den Konventionen des Genres entlang, ohne sein Trio auch nur in einer Minute mit konterproduktiver Antipathie zu umhüllen. „Vincent will meer“ ist nettes Familienkino, zu oberflächlich um wirklich eine tiefgehende Aussage zu treffen, aber durchweg unterhaltsam.

Fazit: Der gefeierte Liebling der deutschen Kinogänger aus dem Jahr 2010 ist zwar Lichtjahre entfernt von einem Meisterwerk, dafür ist „Vincent will meer“ eine unterhaltsame und tragikomische Reise ans Meer, bei der gerade Hauptdarsteller Florian Fitz David mit einer tollen Leistung glänzen kann. Sicher ist der Film zuweilen oberflächlich und klischeehaft inszeniert, doch wenn man an einem verregneten Nachmittag mal wieder mit der Langeweile ringen muss, dann kommt „Vincent will meer“ genau richtig.