"Violet & Daisy" (USA 2011) Kritik – Hanni und Nanni: Die Todesengel von morgen

Autor: Pascal Reis

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„Wir sind nicht hier um ihre Badewanne zu schrubben.“

Es sorgt immer wieder für großes Aufsehen, setzt man Schauspieler auf einen Rollentypus an, der für ihr Alter weder passend, noch aus pädagogischer Sicht in irgendeiner Art und Weise angebracht scheint. Man erinnert sich da an Wes Andersons filmgewordene Prätention „Moonrise Kingdom“, in dem ein Mädchen, mit den Zehen quasi noch in den Kinderschuhen steckend, für ihren Fluchtkumpanen und Herzallerliebsten, ebenfalls noch reichlich bubenhaft, vor idyllischem Strandpanorama als Fotomodell posiert und agiert. Für noch mehr Trubel und Furore zeigte sich Matthew Vaughns in der Realität angesiedelten Comic-Adaption „Kick-Ass“ aus dem Jahre 2011 verantwortlich, in dem sich die damals 11-jährige Chloe Grace Moretz im hautengen Lederdress (Später auch einmal in knapp geschnittener Schuluniform) lasziv auf einen Rachefeldzug durch syndikalistische Reihe begab und ein regelrechtes Blutbad hinterließ. Doch schon heute, nicht einmal zwei Jahre nach Vaughns Indie-Erfolg, gehören die Hit Girl-Chosen bereits wieder zum alten Eisen.

Es kommt daher auch nicht wirklich von ungefähr und äußert sich ebenso wenig überraschend, dass „Violet & Daisy“ in seiner thematischen Grundkonstellation nur ein müdes Gähnen ernten darf: Zwei blutjunge Mädels, gerade mitten im Alter der bewussten Teenagerphase steckend, morden im Auftrag eines verärgerten Gangsterbosses und finden dabei – ganz überraschend – auch sozusagen zu sich selbst. Während also der Profi-Killer(innen)-Aspekt durch seine offensichtlichen Abnutzungserscheinungen bereits auf dem Papier einen ellenlangen grauen Bart hinter sich herschleift, ist es doch die fokussierte Selbstfindung innerhalb dieser kollidierenden Delinquenz, die den Film womöglich aus dem Dreck hieven hätte können. Hätte. Geoffrey Fletcher hingegen scheitert auf ganzer Linie und offenbart nicht nur als Drehbuchautor – gerade nach einem so einfühlsam verfassten wie preisgekrönten Skript wie er zu „Prescius“ bewerkstelligt hat – seine fehlende Kompetenz in Sachen Charakterdechiffierung.

Aber alles noch einmal auf Anfang und zurück zur pseudo-ikonischen Exposition: Die zwei zentrierten Mädchen schreiten gehüllt in ein Nonnengewand durch die kargen Straßen der amerikanischen Stadt, in ihren Händen halten sie eine Schachtel Pizza bereit, in der sich wiederum keine schmackhafte Kalorienbombe mit überbackenem Käse befindet, sondern zwei durchgeladene Kanonen, deren Projektile bereit dazu sind, sich durch das Fleisch ihrer Ziele zu fressen und ihrem Herstellungszweck nachzukommen – Was dann auch geschieht. Dieser minutenlange (Schuss-)Aufbau, gepaart mit belanglosem Geschwafel und der blasphemischen Symbolik, ist nicht nur ein grauenvoll getimtes Tarantino-Duplikat, sondern auch ein Sinnbild für die Energie- und Mutlosigkeit Fletchers durchweg schwammiger Ägide im Allgemeinen. Wie soll hier ein Eindruck von koketter Coolness evoziert werden, wenn all das nur wie eine ungewollte Parodie auf sich selbst wirkt?

Dabei hat Geoffrey Fletcher einen wirklich ansprechenden Cast für seine letzten Endes reichlich eindimensionale Geschichte gefunden. Da wäre die unfassbar talentierte Saoirse Ronan, die nicht nur in Peter Jacksons Kitsch-Kanone „In meinem Himmel“ mehr als überzeugen konnte, sondern längst zu einem der gefragtesten Nachwuchsstars avancierte. Ihre Performance der Daisy ist ohne Frage bemüht, nur ist ihr Charakter nicht auf ihre Qualitäten abgestimmt und unterfordert die junge Schauspielperle kläglich. Ihr zur Seite steht Alexis Blebel, die sich zwar nicht auf dem Niveau Ronans bewegt, aber durchaus zu soliden Leistungen in der Lage ist. Aber auch sie unterliegt demselben Problem wie ihre Partnerin. Wehmütig dagegen muss dieser Tage der kürzlich verstorbene James Gandolfini als Michael erwähnt werden, der natürlich auch nicht seine große Klasse unter Beweis stellen darf, aber wenigstens nicht vollkommen unmotiviert seinen Text runtergekurbelt. Es ist ein Cast, der in den wichtigen Rollen zumeist mit Charaktermimen gesegnet ist, und doch verschenkt Fletcher diese rücksichtslos.

„Violet & Daisy“ vermischt die markanten (Sub-)Genre-Elemente einheitlos und sucht die narrative Balance in den eigentlich reizvoll erscheinenden Kontrasten: Zarte Unschuld und professioneller Mord; Selbsterkenntnis, Verantwortung und das unausweichliche Pflichtgefühl des verbrecherischen Milieus. Dabei erweist sich vor allem das mit transparenter Melancholie angehauchte Coming-Of-Age als fortwährender Trugschluss, denn anstatt seinen Charakteren ein Mindestmaß an psychologischem Interesse zu zollen, bleibt Fletcher an der femininen Oberfläche haften und sucht ständig nach adäquaten, ästhetischen Fotografien – Ohne Erfolg. „Violet & Daisy“ entsagt sich irgendwann eigenhändig jeden realistischen Bezugspunkt und negiert dem Zuschauer immer vehementer den Zugang zu den Protagonisten, in dem er die beiden Killer-Ladies nicht nur unglaubwürdig handeln lässt, sondern auch einen konterkarierten Zynismus an den Tag legt, der sich zu keinem Zeitpunkt als kultisch überhöhtes Attribut der Inszenierung zu erkennen geben kann.

Fazit: „Violet & Daisy“ interessiert sich weder für seine gut besetzten Charaktere, noch kann er durch seine vorhersehbare Geschichte irgendwelche Pluspunkte sammeln. Ein Coming-Of-Age-Profi-Killer-Konglomerat, mit seichter Figurenzeichnung und verbogener Pseudo-Coolness, die sich irgendwann in ein despektierliches Ausmaß an Zynismus und unrealistischer Denke verrennt und sich damit komplett ins Aus manövriert.