"Voll Abgezockt" (USA 2013) Kritik – Die geballte Ladung Frauenpower

Autor: Stefan Geisler

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„What are you, Kenyan?“

In den USA ist „Identity Thief“, so der englische Titel von „Voll Abgezockt“ schon jetzt der große Überraschungshit des Kinojahres 2013, denn trotz verhaltener Kritiken spülte die Roadmovie-Komödie von Seth Gordon („Kill the Boss“) binnen weniger Tage ein Vielfaches der Produktionskosten von immerhin 35 Millionen US-Dollar wieder ein. Der Grund für den Erfolg an den amerikanischen Kinokassen heißt namentlich Melissa McCarthy und ist momentan eine der populärsten Komikerinnen in den USA. Bereits mit dem „Brautalarm“-Frauenschwadron sorgte die Schauspielerin für Aufsehen und brachte ordentlich Östrogen-Power in die amerikanischen Lichtspielhäuser. Doch warum ist Melissa McCarthy eigentlich momentan so erfolgreich? Zum einen kehrt mit der molligen Schauspielerin die Figur des „lustigen Dicken“ auf die Leinwand zurück, ein Element, das sich in den USA seit Oliver Hardy größter Beliebtheit erfreut und zum andern erlebt die körperliche Comedy durch McCarthy eine wahre Kino-Renaissance, denn die Vollblutkomikerin zeigt nicht selten in ihren Filmen vollen Körpereinsatz. Wer Lust auf jede Menge schlagkräftige Frauenpower hat und sich an der abstrusen Story nicht stört, für den dürfte Seth Gordons abgedrehtes Roadmovie „Voll Abgezockt“ vergnügliche Comedy-Unterhaltung bereithalten.

Buchhalter Sandy Bigelow Patterson (Jason Bateman) führt ein wahrhaft vorbildliches Leben: Eine Frau, zwei Kinder, ein eigenes Haus und auch die Schulden bei der Bank werden monatlich weniger. Umso erstaunter ist der emsige Arbeiter, als er eines Morgens an der Tankstelle feststellen muss, dass seine Kreditkarte gnadenlos überzogen wurde. Als er dann auch noch von der Polizei wegen eines nicht eingehaltenen Gerichtstermins festgenommen wird, versteht Sandy die Welt nicht mehr. Des Rätsels Lösung: Eine Trickbetrügerin (Melissa McCarthy) hat dem Buchhalter die Identität geklaut und lebt jetzt von seinem hart erarbeiteten Geld in Saus und Braus. Ärgerlicherweise sind auch der Polizei bei grenzübergreifenden Fällen die Hände gebunden, also beschließt Sandy, sich selbst um das Problem zu kümmern…

„Immer in die Vollen gehen“ scheint das Lebensmotto von Melissa McCarthys Filmfiguren zu sein. Schon als Brautjungfer Megan brachte die gebürtige Amerikanerin mit ihren physischen Talenten Männer um ihren Verstand und auch in „Voll Abgezockt“ beweist die toughe Komikerin, dass sie nicht nur kräftig austeilen, sondern auch ordentlich einstecken kann. Zum Beispiel dann, wenn ihr Jason Bateman im Affekt erst eine Gitarre vor den Latz knallt und sie danach in eine handfeste Klopperei in bester „Ananas-Express“-Manier verwickelt, bei der ganz nebenbei ein großer Teil der Einrichtung in die Brüche geht. Auch sonst kennt man in „Voll Abgezockt“ keinen Schmerz: Rasante Verfolgungsjagden, die mit dem Totalschaden der Vehikel enden, überfallartige Attacken auf den Kehlkopf, selbstmörderische Rettungsaktionen und missglückte Stage-Diving-Versuche gehören zum Comedy-Repertoire des unterhaltsamen Road-Trips.

Mit Melissa McCarthy und Jason Bateman hat man zwei Schauspieler verpflichtet, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Während der „Arrested Development“-Star Jason Bateman eher für die typischen Biedermann-Rollen gecastet wird, könnte man Melissa McCarthy auch als fleischgewordene Stimmungskanone bezeichnen. Umso schöner sind die Momente, in denen Regisseur Seth Gordon den beiden Schauspielern Gelegenheit gibt aus ihren bekannten Rollenmustern auszubrechen und sich auch mal in gänzlich anderen Richtungen zu versuchen.

„Voll Abgezockt“ ist eine der wenigen amerikanischen Mainstream-Komödien der letzten Jahre, die nicht durch inflationären Schimpfwort-Einsatz und verklemmte Nudität versucht Lacher zu erzwingen. Zwar gibt es auch hier einige Ekel-Einlagen, beispielsweise wenn Melissa McCarthy statt ins Röhrchen zu pusten sich über einen pflichtbewussten Gesetzeshüter übergibt, dennoch fallen diese Szenen im Großen und Ganzen nie so extrem aus, wie es bei anderen Genre-Vertretern der letzten Jahre („Wie ausgewechselt“) üblich gewesen ist. Vielleicht hat auch das amerikanische Kino-Publikum inzwischen ihre postpubertäre Phase abgeschlossen und verstanden, dass der übermäßige Gebrauch von Wörtern wie „Vagina“, „Penis“ und „Fuck“ doch nur halb so lustig ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Fazit: „Voll Abgezockt“ ist ein amüsanter und kurzweiliger Roadtrip ganz im Stile alter Chaos-Komödien, der vor allem durch seine gut aufgelegten und wunderbar harmonierenden Hauptdarsteller punkten kann.