"Das Waisenhaus" (ES/MX 2007) Kritik – Solides Gruselkino aus dem Süden

„Darf ich jetzt aufwachen?“

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In einer Zeit, bei der es in Horrorfilmen nicht mehr um die Atmosphäre geht, sondern sich alles nur um möglichst viel Blut und die abgefahrensten Tode dreht, kommt der packende Grusel natürlich viel zu kurz. Sachen wie ‚Saw‘, ‚Hostel‘ und auch schwache Remakes wie ‚Freitag der 13‘ und ‚A Nightmare on Elm Street‘ überschwemmen die Markt. 2010 ging James Wan mit ‚Insidious‘ im Ansatz in die richtige Richtung, versagte bei seiner Inszenierung allerdings auf ganzer Linie. 2007 zeigte uns ein kleiner spanischer Regisseur, wie man altmodisches Gruselkino auch noch in unserer Zeit mehr oder weniger überzeugend darstellt. Gemeint ist Juan Antonio Bayonas ‚Das Waisenhaus‘, der auch gleichzeitig den erfolgreichsten spanischen Film neben ‚Pans Labyrinth‘ bildet.

Laura möchte das alte Waisenhaus, in dem sie selbst aufgewachsen ist, wieder mit Leben füllen und selbst einige zurückgebliebene Kinder aufnehmen. Doch das einst vertraute Anwesen wird immer unheimlicher und Simón erzählt zunehmend von unsichtbaren Freunden. Als Simón auch noch verschwindet, muss Laura auf diese unsichtbaren Freunde eingehen und entdeckte schreckliche Wahrheiten…

Die verschleierten, fast erfroren farblosen Bilder sind nicht nur in visueller Hinsicht eine Schönheit, sondern absolut stimmig von Óscar Faura fotografiert worden. Der schleichende Score von Fernando Velázquez begleitet den Film ebenfalls durchgehend passend und umwandert die Szenen wunderbar unaufdringlich mit der nötigen Emotionalität. Das erzeugt eine der Gruselatmosphären, die wir so lange vermissen mussten und die sich nach und nach immer deutlicher um den Zuschauer klammern.

Die Hauptrolle der Laura wird von Belén Rueda verkörpert. Rueda nimmt ganz klar den großen Raum des Films ein und macht ihre Sache durchgehend gut. Als verzweifelt suchende Mutter fängt sie zwar nicht immer die Sympathien des Zuschauers ein, überzeugt aber durch ihre emotionale Kraft und zarte Zerbrechlichkeit. Alle weiteren Rollen sind kaum Auffällig und erfüllen einfach ihren Zweck. Da wären Roger Príncep als Sohn Simón, Fernando Cayo als Ehemann Carlos und Geraldine Chaplin, Tochter des unantastbaren Charlie Chaplin, als Medium Aurora.

Der Name Guillermo del Toro ziert sowohl das Filmposter als auch das Cover. Sicher zum einen auch um weitere Zuschauer anzulocken, denn mit ‚Pans Labyrinth‘ konnte er sich verdientermaßen auch selber auf die Schulter klopfen. Aber in diesem Fall ist seine Anwesenheit auch spürbar und nicht nur wegen des großen Namens vertreten, wie wir es bei ‚Hostel‘ und Quentin Tarantino schmerzhaft feststellen mussten. Damit ist gemeint, dass ‚Das Waisenhaus‘ endlich wieder etwas frischen Wind in das eingeschlafene Genre bringen konnte, an dem del Toro sicher nicht unbeteiligt war.

Wir machen uns mit Laura auf die verzweifelte Suche nach ihrem siebenjährigen Sohn Simón. Doch die Antwort auf sein Verschwinden findet sich nicht in der Gegenwart, nicht im Hier und Jetzt, sondern in der Vergangenheit und in verdrängten Erinnerungen. Laura, selbst ein Waise, muss sich dieser vergangenen Zeit annehmen und nicht zuletzt den Weg einschlagen, den sie Simón einst noch austreiben wollte: unsichtbare Freunde und die Einbildung solcher. Die Suche und das Eintauchen in vergessen Illusionen inszeniert Bayone mit selbstbewusster und gekonnt führender Hand.

‚Das Waisenhaus‘ ist immer dann am Stärksten, wenn sich der altmodisch angehauchte Grusel mit den falschen Erwartungen des Zuschauers verknüpft und mit diesen Erwartungen spielt. Die dunklen Ecken und Räume sind auch wirklich gruselig festgehalten und es springt nicht andauernd irgendjemand nervtötend aus ihnen heraus (siehe ‚Insidious‘). Es wird eine Atmosphäre aufgebaut, die zwar nicht so extrem anspannt, dass sich die Schweißperlen auf der Stirn sammeln, aber sie fesselt. Jedoch hat auch ‚Das Waisenhaus‘ einige Nachteile und Kritikpunkte. An erster Stelle sind es die neumodischen Schocksequenzen, die zwar zum Glück nur selten eingesetzt werden, aber in dem Fall unheimlich deplatziert wirken. Originell ist der Film nur bedingt und sammelt sich von verschiedensten Vorbildern seine Einzelteile zusammen. Wobei hier auch wieder gilt: besser gut geklaut, als schlecht selbstgemacht. Einige verzichtbare Storypatzer und Logiklöcher schleichen sich auch ein und im Mittelteil wird der Film ab und an von einer Langatmigkeit begleitet, dass der Blick auf die Uhr einfach sein muss. An diesen Stellen dreht sich der Film leider im Kreis. Über dem Genredurchschnitt liegt er in jedem Fall, dazu trägt auch der brettharte Schlussakkord bei, auch wenn der Abspann hier früher einsetzen hätte müssen. Ein Blick kann darf riskiert werden und diesen wird man auch nicht bereuen.

Fazit: ‚Das Waisenhaus‘ ist ein solides Grusel-Drama, rund um Verlust, Vergangenheitsbewältigung und schwere Erkenntnisse. Die Schauspieler sind gut gewählt, die Optik ist fantastisch, genau wie der Score und auch die Atmosphäre packt. Bayonas Inszenierung ist schlussendlich aber nicht bodenständig genug und die Schwächen drücken den Film eindeutig runter. Eine Sichtung ist er Wert, doch schon beim zweiten Mal wird er seine Wirkung vollends verlieren.

Bewertung: 6/10 Sternen