"Gegen die Wand" (DE 2004) Kritik – Ungewollte Liebe zwischen Selbstzerstörung und Selbstfindung

„Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken. Und nicht nur mit einem Typen. Verstehst du mich?“ – „Ich bin ja nicht taub.“

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Verlieben, verloben und heiraten. Das sind die drei oberflächlichen Bereiche, die eine ehrliche Beziehung ausmachen sollten. Eine Bindung, die im „besten“ Fall nur durch den altersbedingten und ruhigen Tod beendet wird, auch wenn das eine ziemlich romantisierte Sichtweise ist, die heutzutage eindeutig vom Aussterben bedroht ist. Es gibt allerdings auch Ehen, die nicht aus Liebe eingegangen werden, sondern wegen des Geldes, der Akzeptanz oder weil man flüchten möchte. Die Flucht vor der Familie und die Flucht vor sich selbst. Ein solchen Thema nahm sich auch der deutsch-türkische Filmemacher Fatih Akin an, der Zeit seines Lebens in Hamburg verbracht hat und sein Herz längst an die 2 Millionen Stadt verlor. Akin ist einer der ganz großen Hoffnungsträger im deutschen Film. Einer der Regisseure, denen man wirklich zutraut, sich auch International durchzusetzen. Seinen größten Erfolg durfte der Regisseur dann mit einem solchen „Ehefilm“ feiern und „Gegen die Wand“ konnte nicht nur den Goldenen Bären bei der Berlinale gewinnen, sondern auch Akin zu Recht richtig Aufmerksam schenken.

Sibel will ihr Leben in vollen Zügen und ohne Tabus genießen. Sibel kommt jedoch aus einem strengen türkischen Elternhaus und dort werden ihr keine Freiheiten geschenkt, außer sie heiratet. Ohne nachzudenken fragt sie den 40-jährigen Alkoholiker Cahit, ob er sie heiraten würde, um ihr die Flucht vor der eigenen Familie zu ermöglichen. Cahit erklärt sich bereit und die Scheinhochzeit nimmt ihren Lauf. Sibel scheint sogar ihren Wünschen folgen zu können und sich von ihrem Vater und Bruder loszureißen. Als sich die beiden Deutsch-Türken langsam ineinander verlieben, nimmt das menschliche Durcheinander seinen Lauf. Cahit tötet einen ehemaligen Bettfreund von Sibel in seinem Zorn und Sibel wird in die Türkei verbannt. Dort geht das Chaos weiter, aber Cahit und Sibel werden sich noch einmal sehen…

Das Fatih Akin das Drehbuch zu „Gegen die Wand“ selbstverfasst hat, ist natürlich der beste Weg, den der Regisseur gehen hätte können, einfach weil er sich mit der deutschen und türkischen Seite auseinandersetzen kann, weil er sie kennt und selber Teil von ihr ist. Wenn Kameramann Rainer Klausmann sich mit der intensiven Handkamera hinter die Hauptfiguren klemmt, dann ist man als Zuschauer selber mitten im fiebrigen Geschehen und wird ohne Halt in die Situationen eingesaugt. Diese Sogwirkung kann „Gegen die Wand“ voll und ganz aus seinen beiden Hauptdarstellern ziehen, die zu wahren Großleistungen auffahren. Birol Ünel spielt den cholerischen Alkoholiker Cahit und ist auch gleichzeitig das Highlight im Film. Ünel tritt mit einer unbändigen Dynamik auf, die einfach beeindruckt. Er beherrscht nicht nur die groben Szenen, sondern auch die sensiblen, ohne aber unglaubwürdig zu werden. Nicht im Ansatz. Ünel ist pur und authentisch. Die ehemalige Pornodarstellerin Sibel Kekilli gibt den weiblichen Gegenpart Sibel. Ihr Schauspiel hat zwar nicht die großartige Wucht von Ünel, doch auch Kekilli verkörpert ihren lebenshungrigen Charakter mit viel ehrlicher Emotionalität. In den kleineren Nebenrollen sind auch wieder bekannte Gesichter aus den Akin-Filmen zu sehen: Catrin Striebeck, Stefan Gebelhoff, Adam Bousdoukos und Demir Gökgöl.

“ Wenn Sie ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch ihr Leben, aber dafür müssen Sie doch nicht sterben…“

Man sagt, da wo der Himmel beginnt, da hört die Hölle auf. Auf Fatih Akins „Gegen die Wand“ lässt sich diese Aussage jedoch nicht projizieren, denn hier gibt es nur lodernde menschliche Abgründe, während der Himmel von grauen Gewitterwolken unüberwindbar verdeckt wird. Zwei Deutsch-Türken finden sich in der eigenen Richtungslosigkeit. Jedoch nicht aus Gründen der Liebe, sondern weil Sibel ihren türkischen Zwängen entfliehen will. Das Ticket zur Freiheit soll der Alkoholiker Cahit werden, doch genau mit diesem immer tiefer fallenden Menschen entwickelt sich langsam eine gefühlvolle Bindung, die von den Katastrophen schnell heimgesucht wird. „Gegen die Wand“ erzählt uns über die schwere Selbstfindung und bittere Selbstzerstörung. Die überraschenden Gefühle von Sibel und Cahit zerreißen die Gemeinsamkeit auf direktem Wege und die Suche nach der inneren Bestimmung verlegt sich auf zwei neue Bereiche. Istanbul wird zum trauernden Exzess der Destruktion, während das Gefängnis den Gang zur eigenen Identität aufweist. Fatih Akin inszeniert eine Liebesgeschichte, aufgeladen mit physischer und psychischer Gewalt, die trotz ihr kompromisslosen Brutalität, zwischen Tod, Suizidversuchen, Drogen und Vergewaltigung, immer ihre zärtlichen und sensiblen Augenblicke bewahrt, die nicht nur authentisch sind, sondern auch gleichzeitig ein realistisches wie eindringliches Bild zeichnen, ohne jegliche Rührseligkeit oder Klischees. „Gegen die Wand“ ist ehrliches, schweres, intensives und ebenso berührendes Gefühlskino.

Fazit: Fatih Akin hat mit „Gegen die Wand“ einen der wirklichen großen deutschen Filme der letzten 20 Jahre inszeniert. Ein Liebesfilm, der nicht auf Kitsch und Klischees setzt, sondern auf bittere Realität und hämmernde Authentizität, die unheimlich wehtut, berührt und packt. Die beiden tollen Hauptdarsteller zeigen sich in Bestform und legen hingebungsvolle wie dynamische Performances an den Tag, die „Gegen die Wand“ nicht nur zu einem besonderen Film machen, sondern auch zu einem brisanten, eindringlichen und sensiblen.

Bewertung: 8/10 Sternen