"We Need to Talk About Kevin" (US/GB 2011) Kritik – Tilda Swinton gefangen im familiären Chaos

„Du siehst nicht glücklich aus.“ – „Hab ich das je?“

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Es gab wohl nie eine Zeit, in der der Begriff „Problemkind“ derart oft verwendet wurde, als heutzutage. Wenn wir uns nachmittags vor den heimischen Flimmerkasten setzen und querbeet durch das TV-Programm zappen, dann werden wir mit qualitativen Bodensatz à la „Die Super-Nanny“, „Mitten im Leben“, „Die strengsten Eltern der Welt“ und sonstigen Scripted Reality-Formaten konfrontiert, die die anspruchslosen Soapisten des Landes jeden Tag vor den Fernseher locken und immer wieder mit der gleichen Niveaulosigkeit berieseln. Antworten darauf, was es nun eigentlich mit einem solchen Problemkind auf sich hat, bekommt man nur selten. Genauso wenig, wie man verstehen darf, warum sich ein solches Kind derartig daneben benimmt.

Aber bei dem innigen Wunsch auf Antworten, begeben wir uns direkt auf einen äußerst schmalen Grat, auch wenn die Überleitung von den furchtbaren Reality-Soaps nicht die hochwertigste war, führt sie letztlich genau zu der Frage, die Psychologen, Eltern und Außenstehende immer wieder gleichermaßen beschäftigt: Wieso handelt/verhält ein Kind/Jugendlicher sich so? Gus Van Sant hat sich mit „Elephant“ 2003 der Thematik des Amoklaufes gewidmet und dem katastrophalen Kontrollverlust kein Motiv gegeben, lediglich Andeutung konnte man in seiner Inszenierung finden. Larry Clark nahm sich mit „Ken Park“ der amerikanischen Vorstadt-Jugend an und verdeutlichte, dass die Sexualität der letzte Halt vor dem Fall ist, während sich die gescheiterte Verbalisierung immer deutlicher in neuen Extremem entfaltet. 2011 sorgte Regisseurin Lynne Ramsay mit ihrem Film „We Need to Talk About Kevin“ für Aufsehen und nahm sich dem aktuellen Diskussionsthema „Problemkind“ in grandioser Art und Weise an.

Eva Khatchadourian ist nicht mehr gerne gesehen in ihrer Stadt. Die anderen Bürger zeigen ihren Hass offenkundig und bleiben nicht nur bei verbalen Attacken, sondern werden auch gewalttätig. Ihr Haus wird verunstaltet und jeder noch so kleine positive Aspekt in ihrem Leben wird ihr von ihren Mitmenschen keinesfalls gegönnt. Der Grund für den geballten Hass, liegt zurück in der Vergangenheit. Als Eva zum ersten Mal schwanger wird, bricht sie ihre Karriere als Autorin ab und will sich ganz ihrer Familie hingeben. Als Sohnemann Kevin auf die Welt kommt, wird Mutter Eva schnell klar, dass sie es hier mit einem ganz besonderen Fall zu tun bekommt. Das extreme Verhalten, welches Kevin dabei an den Tag legt, bekommt allerdings nur Eva zu spüren, während Vater Franklin durchgehend um den Finger gewickelt wird. Kevin weiß genau, wie er seine Mutter reizen kann und ihre Ängste und Zweifel aufkochen lassen kann, doch Eva versucht, die Familie irgendwie standhaft zu halten, bis Kevin zu einer grausamen Tat übergeht…

Lynne Ramsay dürfte sich nun mehr als nur in den Vordergrund gespielt haben und ihr Können als Regisseurin eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Dabei gehen die ersten großen Lobeshymnen jedoch an die Leute vor der Kamera, denn den Cast, den „We Need to Talk About Kevin“ zu bieten hat, ist fast durchweg eine schauspielerische Offenbarung. In der Hauptrolle der Mutter Eva Khatchadourian, sehen wir die eindrucksvolle Charakter-Darstellerin Tilda Swinton („Michael Clayton“), die nicht umsonst als eine der interessantesten und gefragtesten Schauspielerinnen der Welt gilt. Warum sie einen derartigen Ruf genießen darf, zeigt sie hier in ihrem ganzen Können. Ihre mimische wie gestische Brillanz, kann problemlos zwischen den grobsten Wutanfällen und den sensibelsten Zwischentönen umherspringen und zu keiner Sekunde unglaubwürdig oder gestellt wirken. Ihr gegenüber steht Ezra Miller („Vielleicht lieber morgen“), der den pubertären Kevin darstellt. Wer nun denkt, dass der Jugendschauspieler der gestandenen Darstellerin nicht gewachsen ist, der täuscht sich. Der damalig 19jährige agiert nicht nur auf Augenhöhe und gibt den hervorragenden Gegenpart ab, sondern zeigt auch, dass er in Zukunft eine der ganz großen Nummern werden könnte, denn seine Performance, ist so einnehmend wie beeindruckend. John C. Reilly („Boogie Nights“) fällt im Gesamtbild deutlich ab, bekommt kaum prägnante Szenen zugesprochen und verschwindet immer wieder viel zu schnell von der Bildfläche, während Jasper Newell, der Kevin im Kindesalter verkörpert, zu einer wahren Großleistung auffahren kann. Wenn Kinderdarsteller doch immer so auftreten würden.

„We Need to Talk About Kevin“ macht nicht den furchtbar dummen Fehler, seiner soziopathischen Titelfigur ein abgestandenes Motiv zu verleihen. Lynne Ramsay empfängt uns mit einem herkömmlichen Familienbild. Zwei Menschen verlieben sich, zwei Menschen lieben sich, zwei Menschen freuen sich auf die Geburt. Ist Kevin allerdings erst mal auf die Welt gekommen, bahnen sich die schwerwiegenden Probleme an. Schreie werden mit dem übertönende Hämmern des Presslufthammers kompensiert, das Wort „Mami“ geht ihm nicht über die Lippen und ein Blick in die Augen des Erstgeborenen offenbart keinen kindlichen Frohsinn, sondern nur die innere und unerklärliche Leere des Seins. Ramsay nimmt den Zuschauer mit auf die Reise durch den unaufhaltsamen Generationskonflikt und der emotionalen Problematik, die immer größere Ausmaße annimmt und die schwankenden Gefühlswelten, gerade in Bezug auf Mutter Eva, in ihr unausweichliches Verderben rennen lässt. Kevin dirigiert und manipuliert die Familienverhältnisse. Er reizt die seelische Belastbarkeit der Mutter aus und zeigt sich bei seinem Vater von der vorbildlichsten Seite. Durch chronologische Rückblenden, dringen wir in die verzweifelten Versuche einer Mutter ein, die sich auf die Suche nach dem „Warum?“ begibt und in ihrer hoffnungslosen Rat- und Hilflosigkeit jedem verschwommenen Schuldgefühl einsam ausgeliefert ist.

„Und? Wie geht’s in der Schule?“ – „Es geht schon. Willst du meinen Kursplan?“ – „Wie sind deine Lehrer? Gibt’s da welche, die du bist besonders…“ – „Schon klar. Welche Bands hört man heutzutage und so weiter. Als nächstes frag mich doch, ob es nicht irgendeine süße kleine Fotze in der ersten Reihe gibt, die mich fickrich macht. Du könntest auch gleich sagen, dass das alles meine Sache ist, ob ich die Schnitte aus der High-School im Flur bumse. Vielleicht sollte ich auch warten, bis ich soweit bin. Wenn das Dessert da ist, kannst du mich nach Drogen fragen, ganz vorsichtig, du willst mich ja nicht erschrecken, sonst lüge ich noch wie gedrückt. Am besten erzählst du, wie du damals damit rumexperimentiert hast. Gegen Ende, wenn du die ganze Flasche Wein abgepumpt hast und feuchte Augen kriegst, sagst du, wie schön es doch ist, soviel wertvolle Zeit miteinander zu verbringen. Dann rutscht du rüber und legst deinen Arm um meine Schulter und drückst sie ganz zart.“

„We Need to Talk About Kevin“ dreht sich nie um die grauenhafte Tat, die der verlorene Sohn begehen wird. Hier geht es um die Mutter des unausstehlichen „Problemkind“, um ihr Umfeld, um ihren bebenden Seelenkrieg und um die tonnenschweren Lasten, die sie mit aller Macht stemmen wollte, nur um noch tiefer in den persönlichen und gesellschaftlichen Abgrund zu stürzen. Die familiären Diskrepanzen werden hin und wieder durch einfaches Wunschdenken verleugnet, während die moralischen wie pädagogischen Verhaltensmuster immer schwerwiegender in die zweischneidige Doppeldeutigkeit verdrängt werden. Hat Eva ihrem Sohn zu wenig Liebe geschenkt? Hat sie sich in Sachen Kommunikation immer von der falschen Seite an ihren Sohn herangewagt, oder war es letzten Endes die blanke Überforderung, die Kevin zu dem Monster gemacht haben, zu welchem er schlussendlich wurde. Wer trägt die Verantwortung? Wo darf man mit den Schuldzuweisungen beginnen? „We Need to Talk About Kevin“ lässt den Zuschauer konsequent im prasselnden Regen stehen, die Sprachlosigkeit siegt, die Lakonie zieht ihre Wellen und die surrealen wie symbolischen Zwischensequenzen entfernen sich von einer schlüssigen Replik, gehen die schwierige Thematik aber so bestmöglich an.