Kritik: Das weiße Band (DE/AU 2009)

„Ich habe das Gefühl ihr verschweigt etwas.“

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Es ist nicht Hanekes erster Ensemble-Film. „Code:unbekannt“ sowie „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ waren schon Gesellschaftsporträts. Während „71 Fragmente …“ von Vereinsamung und emotionaler Kälte handelte, beleuchtete „Code:unbekannt“ den Kommunikationsverlust und die zunehmende Anonymisierung der Gesellschaft. Dieser Film litt aber unter einer erkennbaren Strukturlosigkeit, das Ensemble sowie der ganze Film wollten sich nicht zu einem ganzen zusammen fügen. „71 Fragmente“ dagegen hatte ein reales Ereignis als Ausschlag und als Endstation, ein umfassendes Ereignis was die Figuren näher zueinander rückte. Ähnlich verhält es sich bei „Das weiße Band“, wobei man sagen kann, der Film sei Haneke-typisch und untypisch zugleich. Es ist sein erster historischer Kinofilm, sein erster Film in schwarz-weiß und sein erster deutscher Film seit zwölf Jahren.

Eine Reihe von Unfällen, oder doch eher Anschlägen, bildet den roten Faden des Films. Über 140 Minuten wird man dieses Dorf kennenlernen, jenseits der Kriminalgeschichte, vermittelt der Film nicht nur eine ausführliche Beschreibung der damaligen Menschen, sondern liefert auch eine Parabel über die Entstehung des Faschismus im Besonderen und über die Ursachen von Terrorismus im Allgemeinen. Ein Spiegel der damaligen und heutigen Gesellschaft.

Der episodisch aufgebaute Film verweigert sich den üblichen dramaturgischen Dogmen. Da die Geschichte ja eine Nacherzählung ist, eine Rekapitulation alter Erinnerungen, ist das nur konsequent, so steckt der Film voller eigenständiger Szenen, Mini-Filmchen, die wie Anekdoten wirken und doch im Ganzen einer Erzählung dienen, beeindruckend. Haneke hat viele Jahre an dem Drehbuch gearbeitet und man merkt auch wie sich die Ideen aneinandergereiht haben, wie immer wieder eine neue Szene dazugekommen ist.

Thematisch erinnert mich der Film an Gerhard Hauptmann und den literarischen Naturalismus. Schon in Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ versteckte sich der Faschismus in den Winkeln der Gesellschaft. Ein junger gebildeter Mann verliebt sich in die Tochter eines Alkoholikers, schafft es allerdings nicht bei ihr zu bleiben, da er glaubt, dass sie die Krankheit ihres Vaters geerbt hat. Er will keine Kinder mit einer Frau, die „unreine“ Gene hat. Sozial-Darwinismus war bereits der Anfang vom Ende. Bei Haneke liegen die Ursachen nicht in einem pervertierten Wissenschaftsglauben, sondern in der Familie, der Erziehung und autoritären Strukturen.

Obwohl die erwachsenen Figuren öfter auftreten, das Interesse liegt bei den Kindern. Sie sind die wahren Hauptdarsteller des Films. Was Haneke aus den jungen Darstellern herrausgeholt hat, macht einen sprachlos. So gut geführte Kinderdarsteller habe ich noch nicht gesehen. Die Erwachsenen brauchen sich dennoch nicht zu verstecken. Jeder im Ensemble leistet außerordentliches. Von Stars bis hin zu komplett neuen Gesichtern, die Besetzung bietet alles.

Man kommt aus dem Schwärmen schwerlich raus. So einen konzentrierten Film, der manchmal vor Spannung zerbirst und auf der anderen Seite fast einfriert, habe ich selten gesehen. Falls jemand noch Jungfrau im Bezug auf Hanekes Filme ist, sollte er sich diesen Film ansehen und damit anfangen. Wer mit Hanekes vorherigen Filmen nicht klar kommt, sollte es nochmal versuchen. Hier darf man einen wahren Künstler beobachten, der es schafft jenseits von Skandal und Gewalt eine Geschichte ganz sensibel zu erzählen.

Bewertung: 9/10 Sternen