Kritik: Die wilde Zeit (FR 2012) – Der magische Blick auf eine vergangene Gegenwart

Ich lebe in meiner eigenen Fantasiewelt – wenn die Realität kommt und an meine Tür klopft, öffne ich ihr nicht.

Im Frankreich der frühen 1970er-Jahre sind die pulsierenden Nachwirkungen des Pariser Mais noch in vielerlei Städten und Vororten spürbar. Dieser Mai im Jahr 1968 sorgte für das Lostreten einer Lawine der Unzufriedenheit des größtenteils jungen Volkes. Inmitten dieser Aufbruchstimmung verfolgen wir das aufregende Leben des kunstinteressierten Gilles und seiner Freunde.

Stark an die eigene Jugend angelehnt (und somit partiell mit autobiographischem Habitus), entwirft der Regisseur und Autor Olivier Assayas mit „Die wilde Zeit“ (OT: Après mai) das vielschichtige Zeit-Portrait einer Dekade, deren Motto „Widerstand“ lautete. Ganz bewusst verschließt er sich einer herkömmlichen Narration und Dramaturgie, verzichtet mithilfe seiner tendenziell lockeren Figuren-Fokussierung auf eine absolute Bezugsperson und arbeitet stattdessen mit mehreren Protagonisten, die allesamt als Projektionsfläche für den Zuschauer dienen können. Frei nach dem Motto „Wir verwenden viele Protagonisten – mit irgendeinem wird der Zuschauer schon sympathisieren“ kreierte der Franzose also ein komplexes Personen-Konstrukt, welches so manches Mal leider durch bloße Unübersichtlichkeit gefährlich ins Wanken zu geraten scheint.

Der junge Student Gilles ist hin- und hergerissen zwischen politischem Aktivismus und dem vermeintlich egoistischen Verfolgen seiner eigenen Ziele und Sehnsüchte; im inneren Zwiespalt zwischen Politik und Kunst (bei der wiederrum zusätzlich die Entscheidung zwischen Malerei und dem Filmschaffen getroffen werden will). Als dann noch das andere Geschlecht an die Tür klopft und längerfristigere Verbindungen eingehen möchte, flüchtet er sich vollends in die einsam-eskapistischen Welten der Kultur und seiner Kreativität; und findet letztlich doch seinen eigenen Weg. Den Blick stets auf die Gegenwart gerichtet.

Das Besondere an Assayas jüngstem Werk ist, dass er seine Charaktere von Zeit zu Zeit auch in kritische Situationen führt, in denen ihr Streben und ihre Träume ebenso hinterfragt werden wie die im Film analysierte Kunst. Auf diese Weise findet das ganze Geschehen auf zwei separaten Ebenen statt, wenn gleichzeitig Darstellungsformen bezeichnet sowie ergründet werden und der kritische Umgang mit ihr geschieht, wodurch das Gerüst aus Handlungen und der differenzierten Rezeption dieser intensiv miteinander verschmelzen. All das beobachtet der Zuschauer aus einer höheren, durch die vergangene Zeit gereiften Perspektive und ist letztlich doch immer mitten im Geschehen.

„Die wilde Zeit“ ist deshalb auch weniger ein Film, der politische Macht-Apparate oder wirtschaftliche Kausalitäten beleuchtet, sondern viel eher einen romantischen Blick auf (s)eine vergangene Jugend gewährt, die sich ganz ihrer eigenen Unabhängigkeit verschrieb; eine Zeit, in der es leichter fiel, sich politisch festzulegen als sich der unsterblichen Liebe hinzugeben; in der sich die Jugend plötzlich ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst wurde und alles dafür tat, ihren oft utopischen Traum zu leben. Mitreißend vermittelt er das beflügelnde Gefühl der grenzenlosen Freiheit in einer Phase des kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umbruchs.

Durch den atmosphärischen Einsatz ausschließlich zeitgenössischer Musik beschwört Assayas einen Zauber, der das Bild und die unverwechselbare Sprache der Musik harmonisch und – vor allem – einander ebenbürtig koexistieren lässt. Omnipräsent ist das wohlklingelnde Klimpern der Geldmünzen, welches trotz aller ausgelebten System-Kritik der selbsternannten Revolutionäre immer noch die Abhängigkeit vom kapitalistischen Finanz-System und die parallele Ablehnung des Kommunismus symbolisiert. Immer kehrt das parabolische Feuer als Sinnbild des Wandels und der absoluten Verzehrung materieller Habseligkeiten wieder, verdeutlicht gleichzeitig das Weltbild dieser damaligen Epoche.

Trotz all dieser positiven Aspekte bleibt „Die wilde Zeit“ narrativ zu fragmentarisch, zerfahren und dramaturgisch zu unkonventionell, um ihn auch für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen. Im Grunde bleibt Assayas Kreation nämlich primär die Arbeit eines Künstlers für Künstler und verwehrt dem Proletariat diese spirituelle Geschichtsstunde wahrscheinlich ebenso wie die grotesken Avantgarde-Verfechters seiner Geschichte, was zwar sehr schade, aber immerhin konsequent ist. „Après mai“ ist nicht etwa ein Film, der neue Erkenntnisse über die Kunst oder Gesellschaft von damals ans Licht bringt, aber es ist ein Werk, das wohl am ehesten mit „unvergleichlich eingefangener Zeitgeist“ zu betiteln ist. Eine Beschreibung, mit der sich nicht viele Produktionen heutiger Regisseure rühmen dürfen.

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