"Wie ein wilder Stier" (USA 1980) Kritik – Das Tier im Manne

„Jetzt reichts mir aber langsam. Führst dich auf wie’n wildes Tier!“

Martin Scorseses Biopic über Jake LaMotta ist erschreckend realistisch, menschlich und schockierend. Handwerklich über jeden Zweifel erhaben, und ich denke da vor allem an die Kämpfe, die durch wirre Kamerafahrten, hektische Kommentare der Ringrichter, dem Geschrei des Publikums und nicht zuletzt der Härte, in denen sie dargestellt werden, hervorragend in Szene gesetzt sind. Klar, die Choreographie ist irgendwo immer die gleiche, aber das ist nebensächlich, zumal das bei Weitem nicht der Hauptanteil ist. Jedem Kampf wird durch verschiedene Einflüsse ein neuer Wert zugemessen, Jakes innerer Konflikt wird in jedem durch eigentlich Nebensächliches dargestellt, was nachhaltig dazu beiträgt, dass sich einerseits der Charakter langsam aber sicher entwickelt und sich andererseits die Geschichte zuspitzt, was wiederum dazu führt, dass dieser ganze Film so realistisch ist.

Robert De Niro haucht seiner Figur enorm viel Leben ein, sodass man sich komplett in diesem Film verliert und jede Emotion ernst nimmt, besonders die negativen. Man lacht, man weint, man will in den Ring. Die Erbarmungslosigkeit der Inszenierung Scorseses gegenüber dem Drehbuch ist zu jeder Sekunde spürbar und knallhart. Denke ich an LaMottas Beziehungsproblemen, einen Streit mit seiner Partnerin, und wie Scorsese diese Szene drehte, grenzt das an Dreistigkeit, sie genau so darzustellen. Joe Pesci ergänzt De Niros Achterbahnfahrt durch alle Register der Schauspielkunst unglaublich souverän, kommt zu jeder Sekunde glaubhaft rüber und spielt so, als habe er das selber mal alles erlebt. Sein Charakter schlägt mitten im Film plötzlich um und verhält sich auf einmal ganz anders als vorher. Das ist nicht nur geschichtlich ein cleverer Kniff, sondern auch schauspielerisch absolut überzeugend. Jede Figur ist aus dem Leben gegriffen, entwickelt sich und erscheint vielleicht deshalb so menschlich, dass man „Raging Bull“ als Biografie mehr als ernst nehmen kann. Da kommt sogar das Oberarschloch Jake irgendwie sympathisch rüber.

Alles in allem ist „Wie ein wilder Stier“ ganz großes Kino, unglaublich lebensnah und knallhart sowie Schauspielkunst auf extrem hohem Niveau. Unbedingt anschauen.

Bewertung: 9/10 Sternen