"Das Wochenende" (D 2012) Kritik – Kühles Familiendrama im Post-RAF-Gewand

Autor: Florian Feick

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„Ich wüsste gerne, ob Du etwas vermisst.“

Nach 18 Jahren Freiheitsstrafe wird der ehemalige RAF-Terrorist Jens Kessler (eindringlich introvertiert: Sebastian Koch) überraschenderweise aus der Haft entlassen. Dieses eigentlich freudige Ereignis nimmt seine Schwester Tina (zurückhaltend nuanciert: Barbara Auer) zum Anlass, alte Freunde der gemeinsamen damaligen Zeit übers Wochenende in ihr uriges Landhaus in Brandenburg einzuladen. Dazu gehören sein ehemaliger Genosse Henner (charmant extrovertiert: Sylvester Groth) und seine alte Jugendliebe Inga (solide: Katja Riemann), die mit ihrem Mann Ulrich (bissig: Tobias Moretti) eigentlich nur für einen kurzen Abstecher bleiben wollte. Was ist aus den Menschen geworden, die sich über solch einen langen Zeitraum mehr oder minder aus den Augen verloren haben? Abgründe tun sich auf, mit denen jeder der Beteiligten irgendwann konfrontiert wird. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt.

Nina Grosses Adaption von Bernhard Schlinks gleichnamigem Roman fungiert mehr als Modulation des Grund-Themas denn als bloßes Aufgreifen des Plots. Man sollte deshalb bereits darauf vorbereitet sein, dass sich der elementare Schuld- und Sühnegedanke des Buches im Film weniger auf einer gesellschaftlichen oder politischen Ebene befindet, sondern mehr im Interfamiliären, wenn sich Generationenkonflikte anbahnen und über Vergebung sinniert wird. Der Disput über menschliches Recht und Unrecht inmitten einer geplanten Revolution beschränkt sich demnach auf wenige Dialog-Fetzen, welche zwar altbekannt, aber deshalb dennoch nicht ganz uninteressant sind. In Grosses Werk dreht sich alles um das Prinzip der schlagartig unterbrochenen Beziehung, die mit einem Meer von Zeit überschwemmt wird. Damit versucht sie, das Schema des Buches aufzubrechen, um für ihren Film einen universelleren Subtext zu kreieren als ihn der doch eher auf das Politische fixierte RAF-Kontext der Vorlage zu bieten hat.

Sie alle sind alte Bekannte mit einer gemeinsamen Vergangenheit, die von der Zeit eingeholt wurden. Ideale wurden verschoben oder variiert, Kompromisse getroffen oder man selbst wurde einfach von der Gegenwart eingeholt. Tinas Einladung zu einem geselligen Zusammensein ist im Grunde die ernste Aufarbeitung zerbrochener oder verlorener Beziehungen, der jeder Protagonist mit ganz persönlichen Beweggründen entgegenschreitet. Schnell manifestiert sich der Charakter eines engen Kammerspiels, das nur kurzzeitig eskapistische Ausflüge in den nächsten Supermarkt oder zum örtlichen Fischhändler erlaubt. Die Protagonisten werden gezwungen, über ihre damaligen Ziele und Beziehungen zu reflektieren, wenngleich sie immer wieder in alte Konsum-Gewohnheiten abrutschen, um dem gegenseitigen Konflikt zu entfliehen. Nach und nach lernen sie ihre einst engsten Vertrauten wieder kennen, erschrecken oder freuen sich über das Näherkommen, schließen miteinander ab oder beginnen ganz von vorn.

Dies alles wird routiniert und mit einigen gelungenen Symboliken bebildert und darf auch sonst im Vergleich zum üblichen deutschen Kino als oberer Durchschnitt bezeichnet werden. Zeitweise drängt sich einem der Vergleich mit der dänischen Filmemacherin Susanne Bier auf, welche bereits ähnlich angesiedelte Beiträge zu Familienbeziehungen und gemeinsamer Vergangenheitsbewältigung produzierte. Doch obwohl Grosses Prämisse in Bezug auf die Umgestaltung des Original-Plots vollkommen richtig ist, will sich der Gedanke der allgemeingültigen Geschichte nicht gänzlich entfalten. Innerhalb seines eigenen Kosmos mag „Das Wochenende“ mit erstaunlich mehrdimensionalen Charakteren und einer homogenen Geschichte begeistern können, für das Vermitteln von weitgreifender Bedeutung bleibt das Thema aber auch nach der inhaltlichen Umformung der heute 54-Jährigen zu speziell, um sich auch auf genügend filmexterne Individuen anwenden zu lassen oder diese überhaupt emotional mitreißen zu können. Dadurch verschließt sich ihr jüngstes Werk leider gänzlich dem Durchschnitts-Rezipienten, der zwar mit einem halbwegs befriedigenden Gefühl passabler Unterhaltung aus dem Kino gehen wird, im Nachhinein aber letztlich doch um keine fassbare Erfahrung reicher ist.