"Wolverine: Weg des Kriegers“ (USA 2013) Kritik – Der (ver)letzte Samurai

Autor: Jan Görner

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„What kind of monster are you?“ – „The Wolverine.“

Nach den Ereignissen von „X-Men – Der letzte Widerstand“ hat sich Wolverine alias Logan (Hugh Jackman) von der Welt abgewandt und führt ein ruhiges Einsiedlerdasein in den kanadischen Rocky Mountains. Als ihn eines Tages eine Nachricht seines im Sterben liegenden, ehemaligen Weggefährten Shingen Yashida (Garret T. Sato), seines Zeichens Kopf des gleichnamigen Technologiekonzern und einer der mächtigsten Männer Asiens, erreicht, begibt sich der klauenbewehrte Mutant widerwillig nach Tokio, um Abschied zu nehmen. Dort angekommen eröffnet ihm der todkranke Yashida eine verlockende Offerte: In Zusammenarbeit mit der undurchsichtigen Toxikologin Dr. Green (Svetlana Khodchenkova) sei es ihm gelungen, eine Methode zu entwickeln, um Logans einzigartige Selbstheilungskräfte auf sich übergehen zu lassen und so sein Leben zu retten und gleichzeitig eine alte Schuld zu begleichen. Denn Logan, welcher dem jungen Yashida (Hal Yamanouchi) als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg einst vor dem sicheren Tod in der Atomhölle von Nagasaki bewahrte, wünscht sich nach dem Tod seiner Geliebten Jean Grey (Famke Jansen) selbst nichts weiter als endlich Ruhe zu finden. Doch noch ehe Wolverine das Für und Wider einer solchen Transfusion abwägen kann, stirbt Yashida. Als bei der Beisetzung des Milliardärs die japanische Mafia einen Anschlag auf das Leben von Yashidas Enkelin Mariko (Tao Okamoto) begeht, flieht Logan kurzerhand mit der jungen Frau. Doch das Verbrechersyndikat und dessen Hintermänner sind ihnen dicht auf den Fersen.

Nachdem Kritikerliebling Darren Aronofsky („Black Swan“) kurz vor Drehbeginn den Regieposten aufgrund persönlicher Schwierigkeiten räumen musste, fällt in „Wolverine: Weg des Kriegers“ nun James Mangold („Walk the Line“) die Aufgabe zu, das Spin-Off-Franchise wiederzubeleben. Und tatsächlich, die 125-Millionen-Dollar-Produktion lässt sich als klare Absetzbewegung rezipieren. Nicht nur den schwachen Vorgänger „X-Men Origins: Wolverine“ lässt der Regisseur fast unbeachtet, auch mit der Wahl der Vorlage, Chris Claremonts Comic-Miniserie „Wolverine“ von 1982, beweist „Wolverine: Weg des Kriegers“ Mut zur Eigenständigkeit. Zwar wird hier und da zum Teil deutlich vom Originalmaterial abgewichen, doch mit seinen klar umrissenen (Frauen-) Figuren und dem psychologischen Ansatz beweist Mangold, dass Comic-Verfilmungen mehr sein können als uferloses CGI-Overkill. Doch ein bisschen mehr Mut im Verfolgen dieses Ansatzes hätte dem Film gut getan.

Wenn man Gerüchten glauben darf, schied Aronofsky übrigens aus „Wolverine: Weg des Kriegers“ aus, weil er sich mit Fox um Fragen der Altersfreigabe überworfen habe. So hätte der Regisseur ein R-Rating angepeilt, das Studio hingegen das viel einfacher zu vermarktende PG-13. In der Tat ist der Streifen doch recht zahm geraten. Zwar darf der krallenbestückte Antiheld auch unter Mangolds Ägide wieder reihenweise Handlange niedermähen, doch bleibt die Gewalt stets im jugendverträglichen Rahmen. Symptomatisch dafür ist eine Szene, in der Wolverine zunächst die züchtigste Orgie der Welt stürmt, um anschließend einen Bösewicht ohne viel Federlesen vom Balkon zu werfen. Dass der Schmutzfink sein Überleben einer Landung in einem Pool verdankt, mag die eruptive Brutalität der Hauptfigur konterkarieren, aber man muss sich fragen, ob ein besserer Film dabei herausgekommen wäre, wenn er blutiger wäre. Denn mit seinen Grundthemen von Tod und Heilung ist „Wolverine: Weg des Kriegers“ nun auch kein Spielplatzausflug.

Während sich Mangolds Vorgänger Gavin Hood verkrampft bemühte, seinen „X-Men Origins: Wolverine“ in den bestehenden Filmkosmos einzufügen, erteilt Mangold dem derzeit angesagten „world building“ à la Marvels Kino-Universum eine Absage. Wolverines zweiter Solo-Ausflug auf die Leinwand konzentriert sich, trotz Anleihen an die Original-Trilogie, diesmal wirklich auf die Titelfigur. So liest sich auch der schlichte englische Originaltitel „The Wolverine“ als Statement. Das Drehbuch von Christopher McQuarrie atmet dementsprechend auch eher den stoischen Heroismus des Western- und Wuxia-Genres, als dass er sich als Vertreter derer Archetypen begreift. Wenn sich der Film die Zeit nimmt, Logans Schmerz und Verlorenheit zu thematisieren, eröffnet „Wolverine: Weg des Kriegers“ dann das vielschichtigste Bild der Figur, das es bisher zu sehen gab. Sicher, die großen Geheimnisse um Wolverine sind auserzählt, aber trotzdem hat der Charakter noch viel mehr zu bieten. Mangold kleidet die Geschichte in Bilder, die den Gegensatz des kreischend bunten Fortschrittglaubens der Japaner und ihrer Verehrung für Traditionen Rechnung zu tragen scheinen. Doch leider gelingt es dem Regisseur nicht immer, die richtige Ausgewogenheit zwischen Wolverines Charakterbogen und dem Action-Plot zu finden. Dass letzterer eigentlich zu vernachlässigen ist, liegt auch an einem im Vergleich zum restlichen Film cartoonhaft wirkenden Endkampf und den blassen Bösewichten.

Dass mit Hugh Jackman bereits der perfekte Schauspieler die Rolle besetzt war, ist ein glücklicher Umstand, der es erlaubt ohne Einführung in die Geschichte zu starten. Dem durchtrainierten Australier nimmt man zudem die unverwüstliche Physis seines Charakters wirklich ab. Aber auch für die mitunter leisen Töne erweist sich Jackman wieder einmal als geeignet, er hatte schließlich auch über ein Jahrzehnt, um in Wolverine reinzuwachsen. Die Entscheidung, in Japan mit einheimischen Schauspielern zu drehen und sie untereinander größtenteils in der Landessprache agieren zu lassen, zeugt von einer Sorgsamkeit, wie sie selten geworden ist in Hollywood. Dabei erweisen sich die beiden Jungdarstellerinnen Tao Okamoto und Rila Fukushima als Glücksgriffe. Während erstere als verletzlicher Love Interest Logans menschliche Seite bedient, ist Fukushima als dessen Leibwächterin für die Action zuständig. Die im Westen ebenfalls noch recht unbekannte Russin Svetlana Khodchenkova hingegen bekam die undankbare Rolle der eindimensionalen Femme Fatale.

Fazit: „Wolverine: Weg des Kriegers“ ist ein passabler Comic-Actioner und ein über Strecken wirklich gutes Comic-Drama. Stünden beide Teile mehr in Einklang miteinander, hätte der Streifen ein großer Wurf werden können. So ist er immer noch einer der sehenswerteren Sommer-Blockbuster.

P.S. Unbedingt bis nach dem Abspann sitzen bleiben!