"Die WonderBoys" (USA 2000) Kritik – Wunderknaben im Chaos

„Als ob es wichtig wäre, was ich denke. Es spielt keine Rolle, was irgendein Mensch denkt. Die meisten Menschen denken gar nicht.“

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Vielschichtigkeit sollte bei einem Regisseur an oberste Stelle stehen. Natürlich gibt es auch einige Filmemacher, die sich auf ein bestimmtes Genre spezialisiert haben und in diesem ihre Wege gehen, zwar auch immer hochwertig, aber mit dem gleichen Grundtonus, der die Berechenbarkeit des jeweiligen Regisseurs nur verdeutlicht, als das es wirklich noch zu kreativen Überraschungen und Horizonterweiterungen kommen könnte. Viel interessanter ist es, wenn sich ein Regisseur in vielen Genres heimisch fühlt und immer neue Themen in Angriff nehmen kann, ohne sich damit zu überheben oder zu verkalkulieren. Einer der abwechslungsreichen Filmemacher ist mit Sicherheit der in Reno geborene Curtis Hanson. Sein großes Glanzstück lieferte Hanson 1997 mit dem meisterhaften Gangster-Krimi ‚L.A. Confidential‘. Dazu wusste er auch, dem Rapper Eminem mit ‚8 Mile‘ einen würdigen Film zu schneidern und dabei auch Eminem selbst zu einem Schauspieler zu machen, der nicht aufgesetzt oder hölzern wirkte. Ein weiteres Highlight in Curtis‘ Schaffen lässt sich im Jahre 2000 finden, in dem er seine Tragikomödie ‚Die WonderBoys‘ in die Kinos brachte.

‚Die WonderBoys‘ basiert auf dem gleichnamigen Roman des Autors Michael Chabon. Im Film selbst geht es in erster Linie um den verstreuten Englischprofessor Grady Trapp, der den Kurs des kreativen Schreibens am College von Pittsburgh leitet. Blickt Grady auf sein Leben zurück, dann lässt sich, bis auf den Professorentitel, nur das gefeierte erfolgreiche Erstlingswerk feststellen, welches allerdings bald auch schon 10 Jahre in der Vergangenheit zurückliegt. Seit gut sieben Jahren versucht Grady seinen Erfolg zu wiederholen, doch sein Buch will kein Ende nehmen und ist schon jenseits der 2600 Seiten angekommen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass ihn seine Frau Emily verließ und er dazu auch noch eine Affäre mit Sara, der Frau seines Chefs, die auch noch schwanger von ihm ist, hat. Was hilft? Natürlich Marihuana! Doch das ist noch lange nicht alles. Sein bisexueller Lektor Terry kommt Grady mit seiner neuen transsexuellen Freund, den er erst wenige Stunden kennt, besuchen, um sich das neue Buch anzusehen, welches angeblich schon fertig sein sollte. Dann wäre da noch Außenseiter James, einer seiner Studenten, auf den Grady große Stücke hält, aber von der restlichen Klasse immer wieder verschrien wird, aufgrund seiner depressiven Geschichten. Und auch Hannah Green, die immer rote Cowboystiefel trägt, ist in dieser Klasse und möchte Grady nicht nur als Professor, sondern empfindet noch einiges mehr für ihn. All diese Charaktere werden vermengt und wer denkt, die genannten Probleme wären die einzigen, der hat sich geschnitten.

Das Oscar nominierte Drehbuch von Steven Kloves ist das klare Highlight von ‚Die WonderBoys‘, denn das wurde kongenial von Chabons Vorlage übernommen und kann mit geschliffenen Dialogen bestechen, die man so nicht besser hätten verfassen können. Bei einem guten Drehbuch ist die halbe Miete schon so gut wie eingefahren, aber es verlangt natürlich auch an Schauspielern und Inszenierungskönnen, die den Film in seinem Ganzen wirklich vollständig machen. Aber auch hier gibt es keinerlei Mängel. In der Hauptrolle sehen wir Michael Douglas als Professor Grady, der mitten in der Midlife-Crisis steckt. Ohne Frage ist Grady eine von Douglas‘ besten Leistungen, gerade weil er es großartig verstand, alle verschrobenen und herzlichen Facetten seines Charakters auszufüllen und dem Zuschauer glaubwürdig vorzutragen. Neben ihm glänzt auch der damalige Newcomer Tobey Maguire als Student James Leer, der jeden Selbstmord eines Schauspielers kennt und durch sein Können als Autor den Neid der anderen auf sich zieht. Maguire überzeugt als sympathischer Lügner durchgehend und setzt dabei voll auf unaufgeregtes und ausbalanciertes Schauspiel, welches seinen ebenfalls interessanten Charakter voll zur Geltung bringt. Und auch die weiteren Nebenrollen sind mit Katie Holmes als Hannah Green, Frances McDormand als Sara Gaskell und Robert Downey Jr. als Terry Crabtree wunderbar besetzt. Zum Soundtrack selbst braucht man nicht viel sagen, denn der wurde von Christopher Young und Bob Dylan beigesteuert, die natürlich über jeden Zweifel erhaben sind.

Curtis Hanson erzählt mit ‚Die WonderBoys‘ eigentlich eine Geschichte, die voll aus dem Leben gegriffen sein könnte, an jedem Ort der Welt, gerade in diesem Moment, aber einfach zu wunderbar ist, um unerwähnt zu bleiben. Der Film kann sich voll auf seine fantastisch gezeichneten Charaktere stützen, vom unsortiert-humpelnden Professor Grady, der sich nur zu gerne einen Joint reinzieht, oder dem stillen Lügenbaron James, der ebenfalls gefallen am Kiffen findet und seine Genialität als Autor weiter ausbauen kann. In ‚Die WonderBoys‘ geben sich Melancholie, Zynismus, Exzentrik und Sympathie die Klinke in die Hand, während sie durchgehend von einer Liebenswürdigkeit begleitet werden, die die Figuren nicht nur menschlich macht, sondern auch für den Zuschauer fühlbar. Hanson unterwandert mit seiner scharfsinnigen Bissigkeit das Universitätssystem von Amerika und bleibt dabei durchgehend bis in die Poren so unpolitisch, das es eine Freude ist, dem bunten Treiben zu folgen und von einer chaotischen Situation in die nächste Überraschung zu stolpern. Dabei setzt der Regisseur nicht auf polternden Klamauk, sondern auf intelligenten Humor, der sich in seiner Skurrilität voll entladen kann. ‚Die WonderBoys‘ ist zwar stellenweise etwas zu lang geraten, doch wenn dem Zuschauer das Ende entgegenlächelt, dann sind die winzigen Durchhänger längst vergessen, denn was bleibt ist nicht nur ein kluger Film mit viel Niveau, sondern auch ein Film zum Wohlfühlen, der sich mit seiner untypischen Art schnell im Herzen des Zuschauers festsetzen kann.

Fazit: So muss niveauvolle Unterhaltung aussehen. Ein tolles Drehbuch, fantastische Darsteller, eine sorgfältige Inszenierung mit Liebe und Dialoge, die geschliffener nicht sein können. Curtis Hanson hat wieder bewiesen, dass er ein toller Regisseur ist und viel mehr Aufmerksamkeit, auch von der breiten Masse, verdient hätte. ‚Die WonderBoys‘ ist sowohl ein Film für zwischendurch, als auch ein Film, der dem Zuschauer etwas geben kann und wenn es nur das warme, erfüllende Gefühl ist, welches einfach ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Bewertung: 8/10 Sternen