"Wuthering Heights" (GB 2011) Kritik – Poesie und Liebe: Wenn die Natur zum Aushängeschild der Gefühle wird

Autor: Pascal Reis

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„Wenn du Frieden hast, bin ich in der Hölle.“

Yorkshire im 19. Jahrhundert: Auf einem tristen Landsitz findet der schwarze Waisenjunge Heathcliff sein neues Zuhause. Seit dem sechsten Lebensjahr schon ist Heathcliff Teil der Familie Earnshaw und lernt seitdem was Schmerz, aber auch liebevolle Nähe bedeutet. Von seinem großen Stiefbruder Hindley aufgrund seiner Hautfarbe fortwährend misshandelt, baut er zu seiner kleinen Stiefschwester Cathy eine leise Liebesbeziehung auf, die vollkommen ohne Worte lebt. Cathy und Heathcliff scheinen Seelenverwandte zu sein, doch die Zeiten auf dem Hofe ändern sich und als der Familienherr stirbt, muss Heathcliff nicht nur die Erniedrigung der neuen Führungsperson, Hindley, ertragen und der ihm auch den Kontakt zu seiner Cathy verbietet, sondern er muss dazu auch feststellen, dass Cathy den reichen Nachbarsjungen heiraten soll. Heathcliff flüchtet bei Nacht und Nebel ohne ein Wort und kehrt Jahre später als gemachter Mann zu Cathy zurück. Ein harmonisches Wiedersehen ist jedoch unmöglich…

Romeo und seine Julia, Tristan und Isolde und Heathcliff und Cathy. Um mit diesen Namen in eine gewisse Verbindung aufbringen zu können, muss man sich sicher nicht mit den tiefen Künsten der komplexen Weltliteratur befasst haben, denn egal ob Shakespeares Tragödie, das mittelalterliche Drama, dass von unzähligen Dichtern und Autoren bearbeitet wurde oder Emily Brontës unerfüllte Liebesgeschichte „Sturmhöhe“ – sie alle zählen zu den allseits bekannten Klassikern, die nicht nur bei Leseratten und Buchfanatikern zu der Grundausstattung einer sortierten Sammlung zählen, sondern auch im Schulunterricht seit Jahrzehnten ihren festen Platz eingenommen haben. Wo „Tristan und Isolde“ jedoch vielmehr auf der Theaterbühne und opulenten Operetten seinen zweiten Frühling erlebt, bekam „Romeo und Julia“ von Baz Luhrmann bereits im Jahre 1996 mit Leonardo DiCaprio eine mehr als mutige Frischzellenkur verpasst, denn der Regisseur nahm sich der Kernthematik der Romanvorlage an, versetzte die Situation aber in die direkten Neunziger, in denen sich nicht mehr mit Degen bekämpft wurde, sondern goldene Knarren gezückt wurden. Das mag befremdlich wirken, ist aber vor allem konsequent in der Umsetzung und offenbart ganz neue Reize.

Einer solchen „Modernisierung“ wurde im Jahre 2011 auch Brontës Weltroman „Sturmhöhe“ (im Originalen: „Wuthering Heights“) zu Teil. Und der interessante Aspekt an der progressiven Umsetzung lässt sich mal wieder auf dem Regiestuhl entdecken. Dort hat nämlich die mehr als talentierte Britin Andrea Arnold Platz genommen, die sich im Indie-Bereich durch Werke wie „Red Road“ und „Fish Tank“ einen ganzen Pulk an Fans sichern konnte – zu Recht. Arnold zählt fraglos zu den besten Damen, die ihre Inszenierungskünste in der Filmwelt momentan unter Beweis stellen dürfen. Dabei geht es ihr per se nicht um die Causa oder Kausalität einer problematischen Thematik, sondern um die Menschen, ihre Innenleben und das Befinden im divergenten Umfeld, denn wenn Arnold ein Gespür für eine bestimmte Sache hat, dann für sensible und äußerst treffende Zwischen(menschliche)töne. Dass man an einer solch formidablen Vorlage, trotz inszenatorischem Können, schnell scheitern kann, haben schon andere Filmemacher bei verschiedenen Adaptionen bewiesen, doch Arnold bleibt ihrem hochwertigen Ruf mehr als treu: „Wuthering Heights“ verschiebt einige Säulen aus dem Buch, trifft aber genau die gefühlvollen Töne, die man erwartet, auch wenn wir es nicht mit einem Meisterwerk zu tun bekommen.

Wo zu Anfang der Produktion noch mit großen Namen wie Natalie Portman („Black Swan“) gehandelt wurde, geht Andrea Arnold schlussendlich einen ganz anderen Weg. Sie setzt, mal wieder, auf unbekannte Gesichter und kann dadurch eine unverfälschte Authentizität erzielen, die sich bei der Arbeit mit größeren Hollywoodstars als kompliziertes Unterfangen dargestellt hätten, gerade dann, wenn man bestimmte Darsteller immer mit einem bestimmten Rollentypus verknüpft. Unsere erste Begegnung mit Heathcliff bekommen wir in Form von Solomon Glave, der seinem Schauspielkollegen James Howson, der den erwachsenen Heathcliff verkörpert, in keinem Moment unterlegen ist. Ganz im Gegenteil. Sowohl Howson als auch Glave meistern den Charakter mit unterschiedlicher Auslegung, die nicht nur die Reife der Figur zur Geltung bringt, sondern letztlich auch das vorerst unschuldige und schließlich kochende Innere. Ihm gegenüber als Cathy steht Kaya Scodelario und Shannon Beer, als junge Variante, die sich ebenfalls in das hochwertige Schauspielgespann einfügen und eine Harmonie mit ihren Partnern aufbringen, die nicht gestellt wirkt, sondern durchgehend wahrhaftig und veritabel.

Andrea Arnold geht es in ihrer ganz eigenen „Wuthering Heights“-Interpretation hingegen nie um die Dialoge, gewandte Artikulationen oder die Übernahme der vorgegebenen Romanzeilen. Heathcliff darf hin und wieder wie Protagonisten Mia in „Fish Tank“ in vulgärer Art und Weise seinen Mitmenschen einige deftige Wörter um die Ohren schleudern und auch im Allgemeinen ist die Modernisierung des Stoffes gerade in der Verbalisierung zu erfassen. Das mag befremdlich klingen und ist auch während der Betrachtung des Filmes nicht immer ein klares Erfolgsrezept, lässt sich jedoch als gelegentlicher Schönheitsfehler begnadigen. Arnold beweist allerdings auch großen Mut, dass sie nicht nur den Fokus auf Heathcliff lenkt, sondern ihn auch als einen Farbigen darstellte. Die festgefahrenen Romanliebhaber dürften sich daran schnell stoßen, für jeden aufgeschlossenen Zuschauer ist das zu keiner Sekunde des Filmes ein Problem. Wer sich nun die Frage stellt, was Arnolds „Wuthering Heights“ denn nun zu so einem besonderen Werk macht und ihn damit auch vor der grauen Schublade für kostümierte Liebesgeschichte bewahrt, dem sei ein Wort wärmstens ans Herz gelegt: Bildsprache.

„Wuthering Heights“ begeistert bereits nach wenigen Minuten mit derart eindringlichen Bildkompositionen, die man in einer solch poetischen wie formvollendeten Schönheit nur von Andrew Dominiks Jahrhundertwerk „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ oder sämtlichen Terrence Malick-Filmen kennt. Die flexible Handkamera ist immer ganz nah an den Liebenden, jede noch so kleine Bewegung wird eingefangen, jede Berührung zelebriert und wenn die Kamera vor der wunderschönen Kulisse des nebeligen Moorhochlandes einfriert, dann hat das nichts mit prätentiöser Langatmigkeit zu tun, sondern ist impressionistische Symbolik, mit der Arnold das Innenleben der Charaktere mit der Natur gleichsetzt. „Wuthering Heights“ ist ein leiser Film, manchmal so zärtlich flüsternd, dass die emotionalen Zwischentöne bestimmter Augenblicke dem Zuschauer entfliehen könnten. Die zwei Akte – Jugend und Erwachsenenalter -, in die die bestürzende Lebensgeschichte eingeteilt wurde, zeichnen sich durch die brodelnde Transition von liebevoller Neugier bis hin zur obsessiven Missgunst aus. Arnold entsagt dem Standardmuster des historischen Kostümfilmes und offenbart die emotionalen Regungen mit zerbrechlicher Ruhe und natürlicher Geräuschkulisse, die erst im Abspann durch Mumford & Sons und die adäquaten Worte „But I Came and I was nothing. And time will give us nothing.“ gebrochen wird.