"Gegen die Zeit" (USA 1995) Kritik – Johnny Depp im Kampf gegen die Zeit

„Ich habe einen Termin und bin spät dran. Ich würde gerne wissen was los ist.“

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Wie weit würde ein Vater gehen, um seine Tochter aus den Fängen der Bösen zu befreien? Diese Frage kann wohl am besten Liam Neeson beantworten, der in „96 Hours“ gut und gerne eine ganze Nation ausradiert hätte, wenn es denn sein müsste. Aber auch Denzel Washington ist schon in „Man on Fire“ über Leichen gegangen, denn die eigene Familie steht immer über allem, das hat auch Mel Gibson in „Auftrag Rache“ gezeigt, der mit ansehen musste, wie seine Tochter von Maskierten mit der Shortflinte durchsiebt wurde und sich danach auf die Jagd nach den Verantwortlichen gemacht hat. Und auch Jack Bauer hat in der Serie „24“ schon die Menschen aufs Korn genommen, die seiner Tochter zu nahe getreten sind. „24“ ist auch hier das richtige Stichwort, oder etwas präziser, die Echtzeitinszenierung. In der besagten Serie liefen die Minuten genauso ab, wie sie auch in der Realität verfließen, Sekunde für Sekunde. Ein interessantes und spannendes Stilmittel einen Thriller zu erzählen. Genau das dachte sich auch Regisseur John Badham bei seinem toll besetzten Thriller „Gegen die Zeit“ aus dem Jahre 1995, lange Zeit vor Kiefer Sutherlands beliebtem Terrorstreifzug.

Eigentlich wollte der Büroangestellte Gene Watson nur mit seinem Töchterchen nach Hause. Nach der Beerdigung von Genes Ex-Frau wird der Zentralbahnhof von L.A. jedoch der Ort des Schreckens für Vater und Tochter. Zwei Fremde entführen das sechsjährige Mädchen und jubeln Gene eine Pistole unter, mit dem Auftrag, eine hohe Regierungsbeatme zu eliminieren, bevor sie eine wichtige politische Versammlung wieder verlässt. Gene hat eine Stunde und 15 Minuten Zeit, die ihm völlig unbekannte Frau zu töten, denn sonst wird seine eigene Tochter Opfer der Unbekannten. Die Zeit tickt…

Regisseur John Badham legt seinen Film ganz auf die Schultern seiner hochkarätigen Hauptdarsteller. An erster Stelle wäre Johnny Depp als Vater Gene Watson, ein ganz normaler Mensch, der sich um sein Kind kümmern möchte und eigentlich nur zurück in sein kontrolliertes Leben. Fernab von jeder Skurrilität mimt Depp hier einen unspektakulären Charakter und beweist, dass er auch der standardisierten Simplizität gewachsen ist. Ohne große Gesten oder überzogenes Mienenspiel zeigt Depp, das er über die Burton-Schiene hinaus existiert, auch wenn er hier bei weitem keine seiner Meisterleistungen abliefert, sondern solide sein Können vorzeigt und den Charakter des angespannten Vaters packend ausfüllt. Mit von der Partie ist auch Christopher Walken als böser Auftraggeber Mr. Smith, der hier mal wieder seine fiese Seite zeigen kann und den durchtriebenen und gnadenlosen Bösewicht wunderbar dargestellt. Walken ist schließlich auch einer der Schauspieler, die, selbst in minderwertigen Produktionen, immer gute Leistungen zeigen. Und auch Roma Maffia als Mr. Smiths Komplizin Miss Jones weiß in ihrer fiesen Rolle zu überzeugen.

Der interessante Aspekt in Badhams Inszenierung ist natürlich die Erzählstruktur in Echtzeit. Das soll heißen, wenn im Film eine Sekunde verstreicht, dann verstreicht auch in der Realität eine Sekunde und wir als Zuschauer werden Teil vom immensen Zeitdruck des Hauptprotagonisten. Die Situation spitzt sich von Minute zu Minute zu, die Lage selbst wird verzwickter und verzwickter und ein ganz normaler Jedermann wird in eine Extremsituation geworfen, in der man entweder über sich hinauswächst und völlig unbekannten Seiten an sich selbst entdeckt, oder einbricht und alles verliert. Sicher ist die Geschichte selbst, dass irgendein Dahergelaufener eine Politikerin umbringen soll, nichts Besonderes und die Story weißt immer wieder einige Logikschlaglöcher auf, aber dennoch hat Badham es verstanden, seinen Film solide zu inszenieren, spannend zu erzählen und unterhaltsam zu verpacken, so dass hier sicher keine Langeweile aufkommen kann und der Zuschauer sich nicht weiter an den Logikpatzern echauffiert. Die Spannung wird nicht nur durch die heiße Situation angefeuert, sondern auch durch die Uhren, die immer wieder offensichtlich in die Kamera gehalten werden und verdeutlichen, wie dem Standarddaddy Gene ohne Halt die Zeit davon läuft. Sicher ist „Gegen die Zeit“ kein Meisterwerk und keine große Kunst, dafür weiß er aber den Zuschauer 90 Minuten zu packen und lässt sich durchaus als guter Thriller betiteln.

Fazit: „Gegen die Zeit“ weist zwar schon einige Abnutzungserscheinungen auf und für das mehrmalige Sichten ist der Thriller auch nicht unbedingt gemacht, doch wer mal wieder spannende Unterhaltung für zwischendurch sucht, ist hier an der vollkommen richtigen Stelle. Die Echtzeitinszenierung hat einen ganz eigenen Reiz, Johnny Depp und Christopher Walken können wieder gute Leistungen zeigen und der Film weiß in seiner simplen Art den Zuschauer zu packen. Nichts Weltbewegendes, aber in jedem Fall sehenswert.

Bewertung: 7/10 Sternen