"Zeiten des Aufruhrs" (USA/GB 2008) Kritik – Leonardo DiCaprio und Kate Winslet wieder vereint

„How do I know you didn’t try to flush our entire fucking family down the toilet?“

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Sam Mendes kehrt neun Jahre nach seinem Debüt und Geniestreich „American Beauty“ zurück an die alte Wirkungsstätte: Der illusionären Vorstadtidylle. Nach außen fehlerfrei, lückenlos und bis in den kleinsten Winkel akkurat gepflegt. Doch hinter dieser Fassade befinden sich menschliche Abgründe, ein reibungsloses Miteinander ist pures Wunschdenken, aber hinter welcher Haustür, in welcher Ehe und in welcher Familie gibt es diese Probleme nicht? Keine Zweifel und (zumeist) verbale Gefechte? In dieser Erkenntnis liegt keinesfalls die Genialität von „Zeiten des Aufruhrs“. Mendes‘ unheimlich stilsicher aufgearbeitetes Melodrama punktet durch seine Authentizität, durch die fühlbare Nähe in seiner Inszenierung, die von zwei der besten Darsteller unser Zeit brillant getragen/übertragen wird: Leonardo DiCaprio und Kate Winslet.

Das einstige Liebespärchen aus James Camerons bombastischer Tragödie wieder vereint, doch die Zeiten haben sich schwerwiegend geändert. DiCaprio zeigt als Frank Wheeler eine seiner besten Leistungen aus dem neuen Millennium (zusammen mit Howard Hughes in „Aviator“ und Teddy Daniels in „Shutter Island). Nuanciert wie intensiv, mimische und gestisch herausragend. Genau wie Filmehefrau Kate Winslet als April Wheeler, die mal wieder in Bestform zu bewundern ist. Emotional und unter die Haut gehend, eine Charakter-Darstellung wie man sie sich wünscht.

Die Revolutionary Road der 1950er Jahre, der Ort, an dem sich das rissige Eheporträt langsam entfaltet, wird zu einem Abbild von Gefangenschaft und bitterem Scheitern. Das Paar Wheeler folgt gegensätzlichen Zielen, sie klammern sich vorerst aneinander, finden allerdings keinen Halt und der verzweifelte Bruch der Gemeinsamkeit ist vorprogrammiert. Träume zerplatzen wie Seifenblasen, Ansichten kollabieren in schwersten Stunden, Zwiespalt, Abweisung und Gewissheit. Frank und April leben sich auseinander, ziehen an verschiedenen Strängen. Ihre Ehemotive verdunkeln sich in Anbetracht der Gegensätzlichkeit, Erinnerungen an schöne Tage verblassen – alles ist dem Ende geweiht.

Dabei wirken die Inszenierung, die schauspielerischen Leistungen und die Aufmachung zu keiner Zeit hölzern, konstruiert oder überzeichnet, sondern als Zuschauer bekommt man das Gefühl, ein Teil dieser qualvollen Lage zu werden, als würden wir es mit einem realen Paar zu tun bekommen und wir sind gezwungen ihnen bei der unausweichlichen Zerstörung zuzusehen, gerade die impulsiven Streitgespräche, die von bebender Intensivität zehren, brennen sich ins Gedächtnis Sicher ist „Zeiten des Aufruhrs“ kein „Szenen einer Ehe“, genau wie Sam Mendes kein Ingmar Bergman ist, doch der Engländer hat es wieder einmal mit einem beachtlichen Ergebnis geschafft, den amerikanischen Traum und die scheinbar heile Welt zu sezieren und zu entblößen.

„No, Frank. This is what’s unrealistic. It’s unrealistic for a man with a fine mind to go on working year after year at a job he can’t stand. Coming home to a place he can’t stand, to a wife who’s equally unable to stand the same things. And you know what the worst part of it is? Our whole existence here is based on this great premise that we’re special. They we’re superior to the whole thing. But we’re not. We’re just like everyone else! We bought into the same, ridiculous delusion. That we have to resign from life and settle down the moment we have children. And we’ve been punishing each other for it.“