Kritik: Zwei Tage, eine Nacht (BE, FR, IT 2014)

Autor: Conrad Mildner

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„Die Prämie kriegen wir, weil wir dafür geschuftet haben. Schämst du dich nicht hierher zu kommen und uns zu beklauen?“

Wenn auf faire Weise innerhalb einer Gruppe entschieden werden soll, wird gerne zum Mittel der Abstimmung gegriffen. Ganz nach demokratischem Vorbild, versteht sich; so einfach, so kurzsichtig. Im neuen Film der Gebrüder Dardenne wird die frisch nach einer heftigen Depressionsattacke ins Arbeitsleben zurückgekehrte Sandra (Marion Cotillard) Opfer einer äußerst perfiden Abstimmung. Ihre Kolleg_innen sollen sich zwischen dem Erhalt ihrer Stelle oder einer einmaligen Bonuszahlung von tausend Euro entscheiden und der immer noch stark geschwächten Frau bleiben nur die titelgebenden zwei Tage und eine Nacht, um die Mehrheit von der ersten Option zu überzeugen.

Die offensichtliche Drehbuchkonstruktion erinnert oft an Sidney Lumets „Die zwölf Geschworenen“, in dem Henry Fonda als einziger nicht an die Schuld des Angeklagten glaubt und zunehmend auch die anderen Geschworenen davon überzeugen kann. Die Theateradaption spielte ausschließlich im Geschworenenzimmer. In „Zwei Tage, eine Nacht“ ist Sandra dagegen in ständiger Bewegung und laufend gezwungen die Räume zu wechseln, in denen sie ihre Arbeitskolleg_innen um Unterstützung bittet. Zwischen diesen Räumen sitzt sie mit ihrem Mann Manu (Fabrizio Rongione) im Auto, der sie hingebungsvoll anfeuert, motiviert und auslaugt. Sie ist gefangen in einem System fremder Unterdrückung, zwischen Depression und Kapitalismus.

„Versetze dich doch mal in meine Lage!“ ist dann auch das häufigste Argument, dass Sandra von ihren Kolleg_innen zu hören bekommt, die natürlich alle ihre sozialen Nöte und Gründe haben für die Bonuszahlung zu stimmen. Nur weil wir erzählerisch an Sandras Perspektive teilhaben, sind die Schicksale der anderen Arbeiter_innen nicht weniger dringlich. Besonders die Form fördert diese ganzheitliche, gar objektiv empathische Sicht. Durch Aussparung und Reduktion schaufeln die Dardennes den filmischen Blick erst frei. Die klug dramatisierte Geschichte auf der einen Seite und die ungekünstelte Ästhetik auf der anderen: In den meisten Dialogszenen begnügen sich Kamera und Schnitt mit nur einer stehenden, halbnahen Einstellung. In engeren Räumen reicht das Schuss-Gegenschuss-Prinzip. Die radikale Einfachheit beflügelt ebenso das Drama. Es geht nicht darum, dass unglaubwürdige glaubhaft zu machen. Viel eher wird das glaubwürdige noch glaubhafter gemacht. Bewundernswert ist auch, wie sich Schauspielstar Marion Cotillard von jeglichem Hollywood-Glamour befreit hat und formwandlerisch zur selbstverständlichen Dardenne-Heldin wird. Rollen, die früher durch Laien und Debütant_innen ausgefüllt wurden.

Zur finanziellen Not gesellt sich ein quasi demokratischer Druck. Die Kolleg_innen fragen Sandra immer wieder, wie viele schon für oder gegen sie stimmen werden. Ja, wenn die Mehrheit zugunsten Sandras steht, würden sich auch andere ihr anschließen, selbst wenn sie die tausend Euro dringend benötigten. Niemand möchte gerne zur Minderheit gehören, egal ob für oder gegen die Bonuszahlung. Wird in Demokratien nicht oft die Minderheit durch die Mehrheit unterdrückt? Welchen Sinn haben Abstimmungen, wenn nicht jede_r einzelne aus eigenem Willen und Gewissen entscheidet, sondern sich lieber in Bündeln zusammen rottet? Und welche problematischen Überschneidungen ergeben sich durch systemische Diskriminierung? Einer von Sandras Kolleg_innen ist Schwarz. In wenigen Filmminuten erfahren wir nicht nur von seiner schwierigen existenziellen Lage, sondern auch der für ihn nötigen Anerkennung seitens der anderen Arbeiter_innen. Sein Glauben und sein Gewissen drängen ihn für Sandras Job zu stimmen. Doch wenn die Mehrheit gegen sie ist, will er es sich ebenso wenig mit den Kolleg_innen verderben. Rassismus, Homophobie und Sexismus werden durch Demokratien oft auch am Leben gehalten. Warum stimmen Männer eigentlich über Frauenrechte ab? Warum sollte Firmenpersonal über das Schicksal einer einzelnen Person verfügen? All diese Fragen schossen mir beim Sehen durch den Kopf, gezielt genährt durch die Erzählung. Die demokratische Abstimmung erzeugt doch nur vermeintlich ein Gefühl der Gemeinschaft. Die Praxis ist weitaus düsterer. Das eigentliche Drama hinter „Zwei Tage, eine Nacht“ ist die Erkenntnis, dass Sandra und ihrer Kolleg_innen, um eine Sache streiten, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben.

So kann auch am Ende ihrer Odyssee nur eine Entscheidung stehen, die sich außerhalb des Systems und dieser ekelhaften Abstimmung bewegt. Und diesem zutiefst humanistischen Film gelingt es auch mühelos mit einer leisen Geste einen Keim der Gerechtigkeit zu sähen, der noch lange nach dem Kinobesuch im Herzen des Publikums wachsen wird. Das hoffe ich zumindest. Eine bessere filmische Lehrstunde in Solidarität und Menschlichkeit wird es wohl so schnell nicht mehr geben. Die Dardennes haben sich mit ihren hybriden, zwischen Realität und Fiktion sowie Komplexität und Einfachheit changierenden, Filmen ein völlig eigenes Kino erarbeitet und „Zwei Tage, eine Nacht“ ist dessen atemberaubender Höhepunkt.